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Justiz

12.09.2018

Amtsgericht Nördlingen: Schubser mit Spätfolgen

Der 23-Jährige ist nach Auffassung der Staatsanwaltschaft arbeitsunfähig.
Bild: Symbolbild: Alexander Kaya

Ein 23-Jähriger knallt nach einem Discoabend mit dem Hinterkopf auf dem Bordstein auf. Er leidet noch heute unter Gedächtnisschwund. Warum er laut Gericht eine Mitschuld trägt.

Der Abend sollte vergnüglich werden für zwei junge Männer. Sie feierten auf derselben Party in einem Nördlinger Club. Beide tranken Alkohol und amüsierten sich mit ihren Freunden. Am späten Abend trafen die beiden außerhalb des Clubs zum ersten Mal aufeinander, als einer von ihnen auf der Suche nach einer Zigarette war – eine Begegnung mit fatalen Folgen.

Fast ein Jahr später treffen sich die beiden Männer, ein 26- und ein 23-Jähriger, vor dem Amtsgericht in Nördlingen wieder. Der eine sitzt auf der Anklagebank, der andere sagt als Opfer aus. Der Jüngere leidet an den Spätfolgen des Abends – Epilepsie, Gedächtnisverlust und ein steifer Fuß – er knallte nach einer Auseinandersetzung mit dem Angeklagten mit dem Kopf auf dem Bordstein auf. Die Staatsanwältin Stephanie Zembruski fasst die Situation so zusammen: „Er ist 23 Jahre alt und bereits arbeitsunfähig“. Der Angeklagte war zuvor nicht auffällig geworden, hat nach Angaben von Richter Gerhard Schamann keine Vorstrafen und ist gefestigt, arbeitet und macht Sport. Ihm wird vorgeworfen, den 23-Jährigen in der verhängnisvollen Nacht mit einem Schlag zu Boden geschickt zu haben.

Die Zeugenaussage eines 38-Jährigen fiel beim Urteil des Gerichts besonders ins Gewicht. Der Zeuge sei nach eigenen Aussagen an diesem Abend nüchtern gewesen. Als das Opfer den Club verließ, um zu rauchen, stand er auf der anderen Straßenseite. Der junge Mann sei auf ihn zugetorkelt und habe nach einer Zigarette gefragt. „Er hat normal gefragt, ich konnte ihm aber keine geben, da ich selbst keine mehr besaß“, sagt der 38-Jährige vor Gericht. Also sei der junge Mann wieder zur anderen Straßenseite geschwankt, als ein anderer ihm Schimpfworte hinterherrief. Daraufhin soll der 23-Jährige wieder umgedreht und mit geballten Fäusten auf den 38-Jährigen zumarschiert sein. „Ich wusste nicht, ob er zuschlägt oder nicht, also schob ich ihn von mir weg“, sagt der Zeuge. Danach sei alles ganz schnell gegangen. Der Angeklagte habe sich eingemischt, um dem 38-Jährigen zu helfen. Daraufhin knallte der 23-Jährige mit dem Hinterkopf auf den Boden. Der 38-Jährige leistete Erste Hilfe und rief den Krankenwagen. Dass der junge Mann geschlagen wurde, kann er allerdings nicht bestätigen – auch keiner der anderen Zeugen. Der Angeklagte selbst räumt ein, dem Mann einen Schubser gegeben zu haben, kann sich vor Gericht aber wegen seines eigenen Alkoholkonsums nicht im Detail an die Situation erinnern.

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Die Staatsanwältin erklärt, dass der 38-Jährige die Situation eigentlich im Griff hatte und nicht auf Hilfe angewiesen war. Damit kommt sie dem Einwand der Verteidigung zuvor, dass der Angeklagte aus Nothilfe gehandelt habe. Unter Berücksichtigung der Spätfolgen des Opfers fordert die Staatsanwältin eine Geldstrafe von 6000 Euro. Verteidiger Heiko Loder plädiert auf einen Freispruch seines Mandanten. Er weist daraufhin, dass die Aggression unter erheblichem Alkoholeinfluss von dem Opfer selbst ausgegangen sei. Vor dem Ende der Beweisaufnahme spricht der Angeklagte von einem Abend, der ihn bis heute noch schwer belaste. Deshalb bitte er das Opfer um Entschuldigung.

Richter Gerhard Schamann verurteilt den Mann zu einer Geldstrafe von 3500 Euro. Er begründet sein Urteil damit, dass der 26-Jährige an diesem Abend ausschließlich falsche Entscheidungen getroffen habe. Denn der Zeuge, der um eine Zigarette gebeten wurde, habe alles im Griff gehabt. „Er hat so souverän gehandelt, da hätte ihm niemand helfen müssen“, sagt Schamann. Außerdem hätte sich der Angeklagte im Klaren sein müssen, dass ein Schubser gegen einen Betrunkenen zu einer solchen Verletzung führen könne.

Aber er spricht auch von einer „erheblichen Mitschuld“ des Opfers. „Ihn trifft wegen seines Verhaltens wohl eine ähnlich große Schuld. Beide hätte sich an dem Zeugen ein Beispiel nehmen sollen.“Das Urteil ist nach Angaben von Richter Schamann noch nicht rechtskräftig.

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