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Vortrag

17.05.2015

Berühmt in der Welt, verfolgt von den Nazis

Gernot Römer, ehemaliger Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, erzählte in einem Vortrag in der ehemaligen Synagoge über Juden aus Hainsfahrt, die große Erfolge feierten – hier im Bild mit Sigi Atzmann.
Bild: Mayer

Gernot Römer, ehemaliger Chefredakteur unserer Zeitung, referiert über die Schicksale von Juden aus Hainsfarth

Von Ernst Mayer

Hainsfarth Ein besonderer Zeitzeuge, kein Jude, kein Täter, sondern einer, der als zehnjähriger Junge in Wuppertal erlebte, wie erwachsene Männer in SA-Uniformen die Scheiben der jüdischen Geschäfte einschlugen und die jüdischen Mitbürger traktierten, und der sah, wie die Synagoge in Flammen aufging. Das war offensichtlich ein Schlüsselerlebnis für den jungen Gernot Römer, das ihn nach dem Krieg bis heute dazu bewegte, die Geschichte der deutschen Juden zu erforschen und aufzuschreiben. Er war Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen und ihrer Heimatzeitungen, zu denen auch die Rieser Nachrichten gehören und veröffentlichte Bücher über das Schicksal der schwäbischen Juden. Über sein umfangreiches Wissen über die Juden in Hainsfarth referierte er in der ehemaligen Synagoge.

Eine kolossale Lebensleistung hat Nathan Michael Ries erbracht, der in USA zu großem Reichtum gelangte. Er wurde in Minneapolis ein großer Wohltäter. Er stiftete vier Krankenhäuser, ein Altersheim, ein Entbindungsheim und eine Bibliothek. Das Michael-Ries-Hospital existiere heute noch unter seinem Namen mit lebensgroßem Denkmal vor dem Portal. Er habe auch Geld nach Hainsfarth geschickt und seine Geschwister in die USA geholt. Während des Aufenthalts in der Heimat starb er 1878 in Wallerstein.

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Ein weiterer tüchtiger Hainsfarther war Heinrich Aufhäuser, der 1870 eine Bank in München gründete, die heute noch unter diesem Namen besteht. Sein Sohn Martin habe das Bankhaus um 1920 zu großer Blüte gebracht und sei in München als gemeinnütziger Wohltäter bekannt geworden. In der Pogromnacht 1938 wurden die Eingänge der Bank durch SA blockiert, nach bereits durch die Regierung angeordnetem Boykott. Nach der Verwüstung seines Hauses und dem Einzug seines Vermögens sei er als gebrochener Mann in die USA emigriert.

Die Hainsfartherin Therese Giehse wurde eine berühmte Theater- und Filmschauspielerin. Ihre Lebensrolle war die „Mutter Courage“ in Bert Brechts Theaterstück. Sie debütierte 1925 im Kabarett der Münchner Kammerspiele, emigrierte mit dem gesamten Ensemble 1933 nach Zürich, gehörte 1949 bis 1952 zu Bert Brechts „Berliner Ensemble“ und ab 1953 zu den „Münchner Kammerspielen“, spielte in Zürich Uraufführungen von Friedrich Dürrenmatt, u. a. „Der Besuch der alten Dame“, und in einigen Kinofilmen.

Ebenfalls aus Hainsfarth stammte Emil Gift, Dirigent in Kiel und Breslau, Opernsänger mit 70 Repertoirerollen am Staatstheater München, der sich nach seinen eigenen Worten nie als Jude gefühlt habe, wurde 1933 mit Berufsverbot belegt, nahm sich 1941 das Leben.

Vizepräsident der Deutschen Nationalversammlung

Dr. Gabriel Riesser ist 1848 in die Deutsche Nationalversammlung und zu deren Vizepräsident gewählt worden und als glühender Demokrat nicht nur für die Gleichberechtigung der Juden, sondern auch für Pressefreiheit, Religions-, Gewissens- und Lehrfreiheit, gerechte Besteuerung und für Wohlstand, Bildung und Unterricht für alle eingetreten.

Und schließlich die Auflösung der als Thema des Vortrags gestellten Frage nach dem Rabbi in Hainsfarth: Neben dem Rabbinatssitz Oettingen konnte es wohl keine offizielle Rabbinerstelle in Hainsfarth geben. Aber es gab über die Jahrhunderte stets fromme und hochgebildete Persönlichkeiten als Vorbeter. Ludwig Mayer ließ 1850 den jüdischen Friedhof und 1822 die jüdische Volksschule errichten. Bernhard Steinharter weigerte sich lange, Hainsfarth zu verlassen, denn er war um die Verköstigung der Ärmsten der Gemeinde besorgt. Als er in der Pogromnacht verhaftet, aber glücklicherweise wieder entlassen worden war, wurde Israel sein Ziel, wo Gernot Römer noch seine Frau kennenlernte.

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