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Schauspielmanufaktur

10.02.2015

Conchita Wurst lässt grüßen

„Bezahlt wird immer“ wurde als Uraufführung in der Schauspielmanufaktur in Nördlingen gezeigt. Theaterleiter Nico Jilka hat das Drei-Personen-Stück mit hervorragenden Schauspielern besetzt (von links): Holger Zessner, Ronald Hansch und Markus Anton.
Bild: Anton Kutscherauer

Uraufführung von „Bezahlt wird immer“. Turbulente Tragikomödie mit glänzenden darstellerischen Leistungen

Erstmals in der fast fünfjährigen Geschichte der Schauspielmanufaktur Nördlingen stand eine Uraufführung auf dem Programm. So war auch Autor Florian Kaiser aus Heidelberg angereist, um dabei zu sein, wenn seine Komödie „Bezahlt wird immer!“ auf dem Nördlinger Rotochsenkeller zum ersten Mal öffentlich gespielt wird. Erzählt wird die Geschichte der zwei Scharlatane Guru (Ronald Hansch) und Scarpin (Holger Zessner), die mit unseriösen Selbsterfahrungskursen in der Toskana den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen.

Doch die Geschäfte laufen schlecht, niemand interessiert sich für Workshops wie „Schöner Atmen“, „Heilige Steine“ oder „Instant Karma To Go“. Und so ist die Kurskasse genau so leer wie Kaffeedose und Benzintank – selbst für Schlachthof-Blut zur Inszenierung des „Bluttränen-Wunders“ reicht die Barschaft kaum. Zudem sitzt den beiden noch der eifersüchtige Ehemann Palazzi im Nacken.

Die Rettung scheint nahe, als sich Frau Müller (Markus Anton) – nach frischer Trennung in einer Lebenskrise – telefonisch beim „Zentrum für innere Einkehr und äußeres Wohlbefinden“ anmeldet. Doch wer erscheint, schwebt förmlich ein? Ein bärtiger, langhaariger Jesus-Typ in Frauenkleidern! Transvestit oder Drag-Queen? Homo- oder Transsexueller? Conchita Wurst lässt grüßen.

Schnell zeigt sich, dass Frau Müller mehr über Spiritualität und Reinkarnation weiß, als die beiden Hochstapler. Und so beginnt eine turbulente erotische Tragikomödie um Leidenschaft und Eifersucht, um Profitgier und Erpressung, um Liebe und Selbstfindung.

Selbstherrlicher Macho und trotteliger Assistent

Theaterleiter und Regisseur Nico Jilka hat das Drei-Personen-Stück „Bezahlt wird immer!“ mit erstklassigen Schauspielern besetzt. Ronald Hansch war bereits in mehreren Rollen in der Schauspielmanufaktur zu sehen und gefällt als geldgeiler, selbstherrlicher Macho, der seiner materiellen Gier auch Freundschaften und Gefühle opfert.

Seinen Widerpart als trotteliger „Workshop Assistent Manager“ spielt der unwiderstehliche Holger Zessner, dessen darstellerischer Komik man sich unmöglich entziehen kann und dessen Mienenspiel alleine schon das Eintrittsgeld wert ist.

Markus Anton schließlich ist schon aufgrund seiner femininen Ausstrahlung ein Gewinn: Er stöckelt wie eine Frau, gestikuliert wie eine Frau, spricht wie eine Frau und verkörpert somit gekonnt ein ebenso androgynes wie geheimnisvolles Wesen.

Durchaus mutige Inszenierung

Die Inszenierung von „Bezahlt wird immer!“ darf durchaus als mutig bezeichnet werden. Im Vordergrund läuft die Komödie um zwei Loser und eine durchgeknallte Esoterik-Ziege. Da ist Slapstick Trumpf, wenn der Sekundenkleber seine Wirkung entfaltet oder der hibbelige Scapin seine Verführungskünste an einer Sexpuppe testet. Doch in einer zweiten, inhaltlich tiefer angelegten Ebene werden zum einen die eigentlich tragischen Schicksale der drei gescheiterten Existenzen beleuchtet. Zum anderen werden in zahlreichen Metaphern und Bildern spannende und brisante Fragestellungen zu Themen wie Geschlechterrolle und sexuelle Identitätsfindung entwickelt. Sogar reale Ereignisse sind eingearbeitet, wie etwa die Klatten/Sgarbi-Affäre.

So pendelt „Bezahlt wird immer!“ stetig zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Groteske und Farce. Zudem enthält die Aufführung einige gewagte, delikate und provokante Szenen, in denen der eine oder andere Besucher Grenzen überschritten sehen mag. Folgerichtig gibt es am Ende zwar einige betretene Gesichter, beim Großteil des Publikums jedoch euphorischen Applaus. Dazu ein dickes Lob von Autor Florian Kaiser und viele Vorhänge für die grandiosen Schauspieler. Man kann also mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass „Bezahlt wird immer!“ kontrovers diskutiert werden wird. Doch immer, wenn das der Fall ist, hat das Theater eine wichtige Funktion erfüllt.

An allen Freitagen und Samstagen bis zum 14. März. Nähere Informationen unter www.schauspiel-manufaktur.de

Bei uns im Internet: Mehr Bilder von der Uraufführung unter www.rieser-nachrichten.de

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