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Nördlingen

23.12.2020

Corona auf der Intensivstation: Weihnachten zwischen Leben und Tod

In voller Montur: Funktionsoberärztin Anne Kullick (links) und stellvertretende Stationsleiterin Petra Müller versorgen einen Corona-Patienten auf der Intensivstation des Nördlinger Stiftungskrankenhauses.
Bild: David Holzapfel

Plus Das Leben mit der Pandemie ist geprägt von Zahlen. Was hinter ihnen steht, rückt oft in den Hintergrund. Ein Nachmittag auf der Intensivstation des Nördlinger Stiftungskrankenhauses.

Der Patient in Zimmer Nummer 10 ist 60 Jahre alt. Man würde es nicht glauben, stünde es nicht schwarz auf weiß in seiner Akte. Die Krankheit verzerrt seine Gesichtszüge, die Wangen sind eingefallen, die Augen geschlossen. Der Mann im hochgeklappten Funktionsbett sieht 20 Jahre älter aus, mindestens. Ein Beatmungsgerät pumpt Sauerstoff in seine Lungen, hebt und senkt seine Brust mechanisch. Auf und ab. Auf und ab. Seit nunmehr 30 Tagen geht das so. Fit sei der 60-Jährige unlängst noch gewesen, sagt Petra Müller, viel Sport habe er getrieben, keine Vorerkrankungen gehabt. Bis er sich vor einem Monat mit dem Virus infiziert hatte. Es passierte bei der Beerdigung eines Angehörigen. Auch seine Schwägerin steckte sich an diesem Tag mit Corona an. Schwerer Verlauf, sie starb in der vergangenen Woche. Nun kämpft auch Patient Nummer 10 mit dem Tod.

Petra Müller, lachende Augen, breiter Rieser Dialekt, hat an diesem Tag Spätschicht. Die 52-Jährige arbeitet als stellvertretende Stationsleiterin auf der Intensivstation des Nördlinger Stiftungskrankenhauses. Verstünde man die Corona-Pandemie im Landkreis als Unwetter, hier befände sich wohl das Auge des Sturms. Seit Beginn der Pandemie intubiert Müller Patienten, stellt sicher, dass ihre Vitalwerte stimmen, reanimiert gegebenenfalls, wenn sie es nicht tun. Die Pflegerin begleitet sterbende Corona-Patienten, deren Angehörige nicht zu Besuch kommen können. Die Systemrelevanz ist zuletzt ein häufig strapaziertes Wort, abgenutzt vielleicht, aber Petra Müller ist zweifelsohne systemrelevant.

Das öffentliche Leben wird aktuell durch Zahlen bestimmt

Dienstag, 15 Uhr auf der Intensivstation. Ab und an ertönt ein Piepen oder Pfeifen, quietschen Schuhe auf dem Klinikboden. Ansonsten ist es still. Das Weihnachtsfest steht kurz bevor, ein geschmückter Christbaum am Stirnende des weiß gestrichenen Flures sorgt dafür, dass das hier auch ja niemand vergisst. Wenige Meter weiter, in Zimmer Nummer 11, liegt eine Frau mit Schläuchen im Körper und fiebrigem Blick. Der Kontrast, er könnte nicht größer sein.

Kontraste: Weihnachten auf der Intensivstation
Bild: David Holzapfel

Das öffentliche Leben wird aktuell von Zahlen bestimmt. 176,4 ist so eine. Ebenjene Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Donau-Ries hat das Robert-Koch-Institut am Mittwoch veröffentlicht. Am 18. Oktober lag der Wert noch bei 22,4.

Intensivpflegerin Müller: "Die Belastung ist hoch"

Sieben Menschen mit Covid-19 liegen, Stand Mittwoch, in Donau-Rieser Intensivbetten, 54 sind laut Gesundheitsamt bislang in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben. Laut dem Intensivregister DIVI gibt es theoretisch 31 Intensivbetten im Landkreis, dort müssen jedoch beispielsweise auch Unfallpatienten unterkommen. Intern ist von niedrigeren Zahlen die Rede, es fehlt an Fachpersonal. Die Kapazitäten schrumpfen, gleichzeitig steigt die Anspannung. „Die Belastung ist hoch“, sagt Petra Müller.

Was das bedeutet, zeigt sich, wenn sie im Zimmer eines Patienten steht. Der Mann ist 67 und wird durch einen Schlauch im Mund beatmet. Auch er liegt schon länger hier, zwei Wochen sind es mittlerweile. Niemand weiß, wie viel er gerade wahrnimmt. Sein Körper funktioniert nun im Takt der Maschinen. Seitlich seines Bettes hängt ein Urin-Messsystem, Nahrung bekommt er durch einen künstlichen Zugang. Durch einen weiteren erhält er einen Cocktail aus Medikamenten, Blutverdünner, Schmerz- und Narkosemittel sowie Kreislaufunterstützer.

Ärzte und Pfleger müssen bei Corona ständig improvisieren

Um ihren Patienten helfen zu können, müssen die Ärzte und Pfleger ständig improvisieren. Solange es kein Mittel gegen Covid-19 gibt, können sie den Körper nur in seinem Selbstheilungs-Prozess unterstützen. Das macht die Arbeit für Müller und die anderen hier mitunter sehr frustrierend. „Ich sehe, wie ein Patient Fortschritte macht, und kurz darauf sind seine Werte wieder im Keller“, sagt sie. Die Pfleger seien gut geschult, könnten viele Aufgaben übernehmen. Doch wenn ein Patient „schlecht wird“, wie man es hier sagt, wenn also seine Werte innerhalb von Minuten absacken, dann kann auch Müller nur noch nach einem Oberarzt schreien. Ist der Patient zu diesem Zeitpunkt infektiös, ist es für das Personal immer auch ein schmaler Grat zwischen Selbstschutz und schneller Hilfe.

Was man hier von Anti-Corona-Demonstrationen hält? „Ich würde diese Menschen gerne einmal mit hierher nehmen“, sagt Funktionsoberärztin Anne Kullick, nachdem sie Erbrochenes von Gesicht und Oberkörper eines Patienten gewischt hat, dem gerade übel geworden ist. „Damit sie sehen, wie die Realität aussieht und was uns das an Arbeit macht.“ Müller ergänzt: „Es ist wirklich wie Hochleistungssport, was wir hier machen.“

Das Personal nimmt sich viel Zeit für die Angehörigen der Corona-Patienten

Gegen 16 Uhr klingelt das Stationstelefon, am Apparat ist die Schwester der Patientin aus Nummer 11. „Ja, es geht ihr etwas besser“, spricht Müller in den Hörer. Zur Patientin gewandt sagt sie: „Da ist die Susanne dran, die kennen Sie, oder?“ Ein kurzes Nicken. „Ich soll Ihnen schöne Grüße ausrichten.“ Müller nimmt sich immer auch viel Zeit für die Angehörigen. Sie macht das gern. „Für viele ist das schwer zu verstehen, sie bringen einen äußerlich gesunden Menschen hier her, und dürfen ihn dann wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr sehen. Da rattern einem natürlich Gedanken durch den Kopf.“

Auch für das Pflegepersonal gesellt sich zur körperlichen vermehrt auch eine psychische Belastung. Obwohl Müller eigentlich nur stellvertretende Stationsleiterin ist, übernimmt sie seit einigen Monaten die Aufgaben ihrer Chefin, die ein Baby bekommen und deshalb gerade Berufsverbot hat. Müller arbeitet seither für zwei, schreibt Dienstpläne, sorgt für Vertretungen, besorgt Maschinen, macht Abrechnungen, steht mit anderen Abteilungen und der Verwaltung in Kontakt. Währenddessen kümmert sie sich noch um ihre Patienten, wechselnd in Tag- und Nachtschichten.

Für Müller ist die Arbeit zwischen Leben und Tod Alltag

Für Müller ist die Arbeit zwischen Leben und Tod Alltag. Vor 28 Jahren fing sie auf der Intensivstation an. „Eine Machtlosigkeit wie aktuell habe ich so zuvor aber noch nie gespürt“, sagt die Pflegerin. Ihr Team sei sehr kompetent und erfahren, man baue sich gegenseitig auf und rede viel miteinander. Nimmt man die Arbeit trotzdem mit nach Hause? „Ich bin froh, dass ich einen halbstündigen Heimweg habe, um abzuschalten“, sagt Müller.

Professor Bernhard Kuch ist Chefarzt der Inneren Abteilung des Nördlinger Stiftungskrankenhauses. „Ich mache mir Sorgen, wie lange unser Personal das alles noch durchsteht“, sagt er in einer kurzen Verschnaufpause auf dem Krankenhausflur. „Großes Lob für unser Intensivpflegepersonal, alle sind sehr motiviert.“ Aber irgendwann gehe es einfach nicht mehr.

Die Lage auf den deutschen Intensivstationen spitzt sich aktuell zu. Bis in den Januar hinein werde es „eine fortgesetzte Grenzsituation auf den Intensivstationen“ geben, betonte unlängst auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens. Auch im Nördlinger Krankenhaus rechnet man über die Feiertage mit mehr Intensivpatienten. Kuch sagt: „Momentan ist es einigermaßen ruhig. Aber auf einmal können da zwei Reanimierte ankommen. Und wir müssen dann damit umgehen.“

Nördlinger Professor: "Weiche Formen der Triage haben wir aber schon jetzt öfter"

Im Notfall müssten der Professor und seine Mediziner entscheiden, welche Patienten behandelt werden, und welche nicht. „Es wird ja immer gesagt, wir in Deutschland sind noch weit entfernt von der Triage“, sagt Kuch. Bei der harten Form, also der akuten Entscheidung über Leben und Tod, stimme das aktuell auch. „Weiche Formen der Triage haben wir aber schon jetzt öfter.“ Etwa, wenn es keine freien Betten mehr für Patienten gebe, die zwar nicht akut bedroht seien, aber deren gesundheitlicher Zustand sich verschlechtern könnte.

Draußen ist es zwischenzeitlich dunkel geworden. Summende Neonröhren werfen grellweißes Licht von der Decke. Zwischendurch, sagt Müller, während sie ihren Mundschutz richtet, gebe es da immer wieder auch Erfolgsmeldungen. Es komme vor, dass ehemalige Patienten an der Besuchertüre der Intensivstation klingeln würden, mit Pralinen in der Hand und Dankbarkeit im Herzen. „Es ist einfach schön, solche Fortschritte zu sehen.“ Und es lässt hoffen.

Zum Abschied lächelt Petra Müller mit den Augen, die Hand gibt sie nicht.

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