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Konzert

02.11.2016

Das Kampflied wird ein Trostlied

Beim Reformationsfestabend in der Nördlinger St.-Georgs-Kirche spielten der große Chor der Kantorei und das Oettinger Bachorchester. Es war ein Abend mit einigen emotionalen Höhepunkten.
Bild: Ernst Mayer

Beim Reformationsfestabend in Nördlingen erinnerte der ehemalige Augsburger Regionalbischof an die Zweifel Luthers. Wie der Abend musikalisch umrahmt wurde

Es war lange Zeit das Kampflied der Protestanten, mit dem sie den Katholiken entgegentraten: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein feste Wehr und Waffen“. Die Wartburg vor Augen, die Entschlossenheit im Herzen, schrieb Martin Luther dieses Lied vermutlich 1527, und es wurde so etwas wie die Hymne der Lutheraner.

Dr. Ernst Öffner, ehemals evangelischer Oberkirchenrat und Regionalbischof von Augsburg und des Kirchenkreises Schwaben, wies in seinem Festvortrag beim Reformationsfestabend in der Nördlinger St.-Georgs-Kirche auf den zweiten Vers hin: „Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.“ Diese gegensätzliche Bedeutung des Liedes sei geprägt von den Zweifeln, die Luther zehn Jahre nach seinem Thesenanschlag in Wittenberg an der Rechtmäßigkeit seines Tuns befielen. Er sei sich – und damit ganz in der Theologie seiner Zeit – nicht mehr sicher gewesen, ob nicht der Teufel sein Handeln gelenkt habe, als er sich gegen die Kirche gewandt hatte. Aufgerüttelt von anderen, auch persönlichen Krisen dieses Jahres, als die Pest in seiner Stadt die Menschen um ihn herum hinwegraffte und der Bauernaufstand, den er verurteilt hatte, blutig endete, sei sein Glaube an einen allmächtigen Gott erschüttert worden. „Ich bin getauft!“, habe er dann auf seine Tischplatte geschrieben. Luther wolle ganz auf Gott bauen und sich Jesu Schutz anvertrauen, der aus der Not befreie. Aus dieser Gewissheit heraus sei für ihn aus dem Schlachtlied der Protestanten ein Trostlied geworden.

Diese zwei Gegensätze erlebten die Gottesdienstbesucher bei der Kantate Bachs in zwei gegensätzlichen Klangwelten, den schönen Tönen und den schmerzenden Dissonanzen, auf deren Bedeutung der Redner hingewiesen hatte: Gott, die feste Burg, mächtig und trutzig, der verlorene Mensch in seiner Ohnmacht. Kämpferisch zunächst der erste Choralsatz mit Pauken und Trompeten, der große Chor der Kantorei und das Oettinger Bachorchester, mit einer schweren kunstvollen Fuge, vielstimmig und das Kirchenschiff ganz erfüllend.

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Eher meditativ der anschließende Dialog von Sopran (Sabine Seidl) und Bass (Thomas Gropper), beide stimmlich sehr präsent, über die in der Taufe beschworene Treue zu Jesus. Sehr beeindruckend das Rezitativ des Bass-Solisten über Sünde und Schuld, und sehr hingebungsvoll der Chorgesang über das Vertrauen in den Schutz des Weltenfürsten. Der Tenor Matthias Heubusch bekräftigte mit seiner klaren Rezitativstimme in einem Duett mit der warm klingenden Stimme der Altistin Anna Haase von Brincken den unerschütterlichen Glauben. Den Schlusschoral mit dem Ausdruck der Zuversicht und in einem homogenen Zusammenwirken von Chor und Orchester gestaltete Dirigent Udo Knauer treffend dynamisch abgestuft und mit einem Gespür für den theologischen Inhalt. Das Bachorchester mit zahlreichen einheimischen Kräften erwies sich wiederum als sicherer Rückhalt für die Choristen, wobei die Soli von Günther Simon (Violine), Simon Kress (Cello) zu den emotionalen Höhepunkten der Aufführung gehörten. Zu einem besonderen Bekenntnis zur Ökumene gestaltete sich der Ausblick Ernst Öffners auf das nun beginnende „Lutherjahr 2017“. Es gehe dabei nicht darum, Luther zu verherrlichen, sondern „um Christus zu feiern“. Dabei sei die Absicht dies zusammen mit den Katholiken zu tun, geradezu ein ökumenischer Meilenstein, der durch die Teilnahme des Papstes Franziskus bei der Eröffnung dieses Gedenkjahres in Lund (Schweden) seinen Ausdruck gefunden habe. So sei das Gedenken an die Reformation ein „Christusjahr“, bei dem nicht das Trennende der Konfessionen, sondern die gemeinsame Verbindung in Christus im Mittelpunkt stehen solle. „Wir wollen uns nicht mehr trennen lassen!“, bekräftigte Ernst Öffner.

Das christliche Abendland wolle man aber auch nicht von Leuten verteidigen lassen, die Christus gar nicht verstehen. Es werde Zeit für das gemeinsame Abendmahl. Um über die wertvollen Rednerbeiträge nachzudenken, gaben die Orgelmeditationen Udo Knauers mit Motiven aus der Kantate Gelegenheit. Die Besucher sparten auch nicht mit Applaus für die musikalische Gestaltung.

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