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Kultur

25.11.2017

Das enthüllte Menschenherz

Reinhard Kaiser beim Signieren seines neuen Buches nach der Lesung in der Nördlinger Stadtbibliothek.
Bild: Peter Urban

Reinhard Kaiser las in der Stadtbibliothek aus Rétif de la Bretonnes „Monsieur Nicolas“

Man darf sich schon einmal wundern, wie der Frankfurter Schriftsteller, Lektor und Übersetzer Reinhard Kaiser immer wieder an seine Stoffe kommt. Er entdeckte Nancy Mitford („Englische Liebschaften“) für eine breite Leserschaft und brachte in spektakulären Ausgaben den Deutschen das Werk Grimmelshausens wieder nahe. Und noch vergangenes Jahr überraschte er bei einer Lesung im Nördlinger „Museum Augenblick“ mit einem Werk über den wohl größten Kunsträuber seiner Zeit, Vivant Denon „Der glückliche Kunsträuber“.

Schon bei der Recherche zu Denon, hat er, wie Kaiser nach der Lesung seines neuen Werkes in der Nördlinger Stadtbibliothek (in Zusammenarbeit mit Bücher Lehmann) ausführte, den Stoff einer der ersten und gleichzeitig schonungslosesten Autobiografien der Weltliteratur eher zufällig entdeckt: Rétif de la Bretonnes „Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz“. „Eines der großartigsten Memoirenwerke aller Zeiten“, schreibt Kaiser in seinem Klappentext, „ebenbürtig einem Samuel Pepys, Jean-Jacques Rousseau oder Giacomo Casanova. Völlig ungeschminkt, versprach Bretonne damals, alles zu erzählen, was ihn einst (er lebte von 1734 bis 1806) bewegte, alles, was er tat und alles, was er dachte: Gutes wie Böses, Edles, Niederträchtiges, Verwerfliches, Peinliches, Obszönes, Widerliches, Naives, Lobenswertes. Eben alles. Von der Jugend auf dem Land über die Zeit in der Klosterschule bis in die Zeit als Drucker und Schriftsteller in Paris, wo er zum berühmtesten Beobachter der niederen Stände wurde. Unzähligen Frauen begegnete der leicht entflammbare und triebhafte Rétif auf seinem Weg (die heutige #metoo-Bewegung würde berechtigterweise hyperventilieren), er lieferte ein reichhaltiges Zeitbild Frankreichs vor und während der Revolution. Über viele Jahre hinweg arbeitete Bretonne an seinem Werk, das ihm letztendlich ins Uferlose wucherte. Das Ergebnis: 4840 Druckseiten in der ersten Ausgabe von 1796.

Umso höher ist die Arbeit Reinhard Kaisers einzuschätzen, der aus dem mächtigen Konvolut eine kluge Auswahl getroffen und es in eine Sprache transformiert hat, die dieses Meisterwerk in seiner literarischen Größe zeigt, es aber gleichzeitig den heutigen Lesegewohnheiten so angepasst hat, dass es trotz seiner 634 Seiten (ohne Anmerkungen, Registern und Anhängen) spannend zu lesen ist und von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

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Rétif de la Bretonne wollte „Staunen erregen durch ein Übermaß an Aufrichtigkeit“. Das ist ihm ebenso gelungen wie seinem Übersetzer, der die „Tiefenbohrung in die menschliche Psyche“, wie es sie vor Rétif noch nie gab und auch lange danach nicht mehr geben sollte.

Selbst auf Wilhelm von Humboldt hat das Werk damals einen außerordentlichen Eindruck gemacht: „Ich zweifle, ob es sonst noch irgendwo ein Buch geben mag, in dem so vieles, so wahres und so individuelles Leben zu sehen ist.“

Ob wirklich alles so wahr gewesen sein mag, bezweifelt selbst der Übersetzer und sei auch dahingestellt. Überaus amüsant und lesenswert ist es allemal.

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