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St.-Georg-Schule

08.05.2015

„Das reicht, um Angst zu haben“

Vier Schultage drehte sich für die Klassen sechs bis acht der Schule St. Georg in Nördlingen alles um den Themenkreis „Toleranz, Demokratie, Rechtsextremismus und Judentum“. Im Laufe dieser Themenwoche unterschrieben die Schüler und Lehrer einen „Toleranzvertrag“. Auch Oberbürgermeister Hermann Faul unterzeichnete ihn und freute sich darüber, dass die Jugend sich diesem Thema stellt.
Bild: Heike Jahnz

Eine Frau erzählt von ihrem Ausstieg aus der rechten Szene und Schüler hören gebannt zu. Themenwoche Toleranz öffnet Augen und Ohren

Mucksmäuschenstill war es, als Susanne von ihrem Leben in der Neo-Nazi-Szene erzählte. Die Schüler der Nördlinger St.-Georg-Schule waren ganz Auge und Ohr. Das hier war echt. Die junge „Aussteigerin“ hatte ihre Haare unter einem schwarzen Hut versteckt und ihre Augen hinter einer Sonnenbrille. Keiner sollte sie erkennen oder später jemandem beschreiben können, wie sie aussah. Nicht einmal die Reporter der Schülerzeitung durften jetzt fotografieren. „Mir ist zwar bis jetzt nichts passiert, aber ich bin mehrmals anonym bedroht worden. Glaubt mir, das reicht, um Angst zu haben.“

Susannes „Aussteigervortrag“ ist Teil der Themenwoche „Toleranz“ an der Schule St. Georg. Vier Tage lang drehte sich hier alles um die Themen „Toleranz, Demokratie, Rechtsextremismus und Judentum“. Ins Leben gerufen, haben diese Aktionswoche für die Klassen sechs bis acht Jana Niederlöhner (Kommunale Jugendarbeit Nördlingen) und Doris Hiemeyer (Jugendsozialarbeit vom Sonderpädagogischen Förderzentrum St. Georg-Schule). „Bei unseren Schülern gibt es einen großen Informationsbedarf zum Thema Rechtsextremismus. Wir nehmen auch wahr, dass immer wieder Schüler gefährdet sind, in die rechte Szene abzurutschen“, sagt Doris Hiemeyer. Denn: Wenig Hintergrundwissen, geringes Selbstwertgefühl und fehlende soziale Bindungen böten den idealen Nährboden für fremdenfeindliches Gedankengut. Mit spannend aufbereiteter Information verfolgte die Themenwoche das Ziel, dieser Gefahr gegenüberzutreten.

Tatsächlich löcherten die Kids die mutige Aussteigerin aus der rechten Szene regelrecht mit ihren Fragen: Ob sie ein schlechtes Gewissen gehabt habe, wie sie sich bei Schlägereien fühlte, wie es dazu kam, dass sie ausstieg und wie sie überhaupt da hinein geraten sei.

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Susanne erzählte ohne Schnörkel: In der Schule sei sie immer eine Außenseiterin gewesen, darunter habe sie stark gelitten. Nach der Schule verließ sie ihren Heimatort. Sie wollte ganz von vorne anfangen. Dann traf sie eine Gruppe junger „Glatzen, Neonazis oder Rechtsextreme, wie auch immer man sie bezeichnen will“.

Fasziniert von der Aura des Geheimnisvollen, das diese Gruppe umgab, ging sie zunächst mit auf ein Konzert. Danach geriet sie immer tiefer in die Szene. Zuerst hatte Susanne von dem rechtsextremen Gedankengut gar nicht so viel mitbekommen. Als ihr dann das ganze Ausmaß bewusst wurde, war es zu spät. Die Neonazis waren zu diesem Zeitpunkt bereits ihre einzigen Bezugspersonen.

Als sie Kinder bekam, wurde aus dem ständig an ihr nagenden Zweifel an ihren „Freunden“, blanke Furcht. „Ich hatte Angst um meine Kinder und mir wurde klar, dass sie, genauso wie ich selbst als Kind, Außenseiter waren.“ Das habe sie auf jeden Fall verhindern wollen und so sei sie an die Informationsstelle gegen Extremismus herangetreten, die Aussteigern aus der rechten Szene hilft, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.

Von dieser Informationsstelle waren auch zwei Referenten an der Nördlinger Schule: Wolfgang Meyer und Christa Bründl. Sie warnten die Schüler mehrmals eindringlich: „Schüler in eurem Alter werden besonders gerne von Neonazis angesprochen und geködert.“

Damit die Themenwoche auch über die Aktionstage hinaus wirkt, wurde in der Aula der Schule ein „Toleranzvertrag“ ausgehängt, den die Schüler unterzeichnen können. Bereits unterschrieben haben diesen Oberbürgermeister Hermann Faul und Landrat Stefan Rößle sowie Sigi Atzmon. Die Vorsitzende des Freundeskreises der ehemaligen Synagoge Hainsfarth hatte sich bereit erklärt, Workshops zu den Themen „Judentum und Antisemitismus“ zu halten. Sogar ein Tag in der einstigen Synagoge stand auf dem „Toleranzprogramm“ der Nördlinger Schüler.

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