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16.03.2018

Das verschwundene Deininger Gasthaus

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2 Bilder
Das „Gasthaus Reinl“, ehemaliges Kommandanturgebäude, im Zustand vom Oktober 2007.
Bild: Melber

In der Riesgemeinde gab es einst ein Wirtshaus, das unter dem Namen seines Betreibers weithin bekannt war: „Reinl“. Dort wurde ein besonderes Kartenspiel gespielt.

Vor wenigen Jahren sind die letzten verfallenen Gebäude des ehemaligen Deininger Flugplatzes abgerissen worden. Er befand sich nördlich des Dorfes, ungefähr auf halber Strecke zwischen Klosterzimmern und dem Möderhof. 1939 bis 1945 war das Gelände vom deutschen Militär genutzt worden und der darauf stehende Gebäudekomplex samt Baracken nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Unterkunft für Heimatvertriebene und Flüchtlinge – überwiegend aus Sudetendeutschland – genutzt worden. Sehr viele Egerländer aus dem Kreis Marienbad befanden sich darunter. Hunderte von Ankömmlingen versuchten, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen, doch brachten sie neben ihrem Handwerk auch ihre Kultur mit ins Ries.

Einer derjenigen, die ihre Heimat verloren hatten, nutzte das Gebäude der ehemaligen Kommandantur als Gasthaus, das nach seinem Namen, „Reinl“, allgemein bekannt wurde. Die Wirtschaft des hinkenden Gaststättenbetreibers wurde zu einem äußerst beliebten Treffpunkt, wohin sich durchaus auch Rieser Einheimische begaben. Albin Reinl war zwar wegen eines angeborenen Fußproblems der Kriegsdienst erspart geblieben. Dafür hatte er als SPD-Mitglied einen KZ-Aufenthalt in Aschau zu erdulden gehabt.

Obwohl die Heimatvertriebenen in den Baracken Entbehrungen wie Arbeitslosigkeit, strenge Winter, dürftige Hygieneverhältnisse und Läusebefall ertragen mussten, fehlte es ihnen doch nicht an der Heiterkeit, zu dichten, Theaterstücke aufzuführen oder zu singen. Die Neubürger der damals sogenannten „Siedlung Deiningen“ auf dem Flugplatz stimmten von Herzen ihr „Es war im Böhmerwald“ an, ebenso inbrünstig den bekannten Schlager „La Paloma“. Die Kapelle „Schreck“ spielte beim „Reinl“ auf und sorgte für zünftige musikalische Begleitung. Richard Kreisbeck, später in der Deininger Sudetenstraße wohnhaft und 1991 verstorben, erhielt wegen des damals von ihm gespielten Instruments den Spitznamen „Klarinettl“.

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Noch einen weiteren Kosenamen erhielt er unter den leidenschaftlichen Kartenspielern: „Pagatl“ stammte vom „Pagat“, einer hohen Trumpfkarte des „Tarock“, einem Blatt mit 54 bzw. 78 Karten, das mit unserem bayerischen Schafkopf nicht zu vergleichen und wesentlich anspruchsvoller zu spielen ist. Noch heute spielt man den Tarock (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tarock der Schafkopfspielkarten) im Gebiet des ehemaligen Österreich-Ungarn, also in Tschechien und Österreich. Die Männer auf dem Flugplatz waren dafür bekannt, dass sie alles stehen und liegen ließen, wenn nach Feierabend der Ruf ertönte: „A Tarock geit zom!“ Kein Wunder, dass mitunter eine der besorgten Ehefrauen heimlich von außen durch ein „Reinl-Fenster“ blickte, um die Treue ihres regelmäßig einkehrenden Ehemannes zu überprüfen – auf dass nicht ein fremdes „Weibsbild“ daneben sitzen mochte. Faschingsveranstaltungen verstärkten solchen Argwohn noch. Da war der gerade von SPD-Anhängern mit Ernst begangene Tag der Arbeit bei der Maifeier im Reinl-Gasthaus vergleichsweise harmlos und ließ die Handwerker sich auf ihre Wurzeln besinnen.

Als in den 1960er Jahren nach und nach auch der letzte Bewohner den Flugplatz mit seiner vergangenen Infrastruktur verlassen musste, verfielen restliche Gebäude bald, nachdem die Familie zu Oettingen-Wallerstein vorübergehenden landwirtschaftlichen Nutzen aus dem Areal gezogen hatte.

Die Reinl-Wirtschaft steht nicht mehr, doch in den Erinnerungen und Fotoalben einiger noch lebender Zeitzeugen und ihrer Nachfahren bleibt erhalten, was sich bei einem Besuch des Areals ohne Dokumentation dieser Geschichten kaum mehr erahnen lässt.

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