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Geschichte

12.11.2018

Dem Unfassbaren gedenken

Kantor Nikola David trug bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in Hainsfarth eindrucksvoll jüdische Lieder vor.
Bild: Peter Urban

In der ehemaligen Synagoge in Hainsfarth wird an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert. Regionalbischöfin fordert auf, wachsam zu sein

„Wenn es dunkelt nach Deutschland“: Dieser Satz aus Paul Celans Gedicht „Die Todesfuge“ wäre eine würdige Überschrift für die beeindruckende Gedenkstunde zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in der ehemaligen Synagoge in Hainsfarth. Der Weg zum Eingang war von brennenden Kerzen gesäumt und drinnen herrschte schon eine Viertelstunde vor Beginn drangvolle Enge – so viele Mitbürger wollten der Millionen Opfer des Holocausts im Allgemeinen und der Ereignisse der Pogromnacht in und um Hainsfarth im Besonderen gedenken.

Die Vorsitzende des Freundeskreises Synagoge Hainsfarth, Sigi Atzmon, hatte ein Programm zusammengestellt, das zwar ergreifend und eindringlich auf das Schicksal der Juden in Deutschland hinwies, aber vor allem darauf ausgerichtet war, die Bereitschaft zum Dialog anzubieten, nach vorne zu schauen, gegen das Vergessen anzukämpfen. Es sollte aber auch der Realität ins Auge blicken und vor einem scheinbar wieder salonfähig werdenden Antisemitismus warnen – vor Sätze wie „Ich kann es nicht mehr hören“ oder „Man darf das ja wohl noch sagen dürfen“ der Ewiggestrigen.

Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin und Oberkirchenrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bezeichnete in ihrer Rede solche Sätze ganz unverblümt als „kriminell“. Während Sigried Atzmon sehr emotional und persönlich betroffen über Anfeindungen bis hin zu offenem Hass „mit zugeschnürter Kehle“ berichtete, rief Breit-Keßler dazu auf, wachsam zu sein, zu widersprechen und „zu schreien“, wenn sich der aufkeimende Antisemitismus Gehör verschaffen will. Sie bedauerte ganz offen die „weithin schändliche Rolle der Kirchen während der NS-Zeit“ und fand eigentlich keine Worte für das Unfassbare, Unbegreifbare, Unvorstellbare, was „Ebenbilder Gottes anderen Ebenbildern Gottes“ damals anzutun fähig waren.

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Sie nannte die Juden, die sich trauen, hier in Deutschland wieder zu leben, einen Schatz und einen Segen. Sie forderte alle Menschen auf, „diese Hand, die uns die Juden zu Versöhnung reichen, dankbar und demütig zu ergreifen“. Die Bischöfin sagte ganz klar, dass Antisemitismus „nicht nur bei Menschen in Springerstiefeln zu Hause“ sei, sondern dass immer noch (oder schon wieder) 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch seien. Noch schlimmer, 20 Prozent der Deutschen wüssten heute mit dem Begriff „Auschwitz“ gar nichts mehr anzufangen.

Ebenso eindringlich wie die Rede der Bischöfin waren das eingangs erwähnte Gedicht von Paul Celan, das Werner Eisenschink vortrug, wie auch der Beitrag von Lena Engelhardt, die nur durch das Verlesen von Auszügen aus Gesetzesänderungen, die zur systematischen Ausgrenzung, Entrechtung und Vertreibung sowie zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung geführt haben, das Unbegreifliche deutlich machte. Umrahmt wurden die Wortbeiträge vom Serbischen Tenor Nikola David, der als Kantor mit mächtiger und eindrucksvoller Stimme jüdische Lieder sang, aber auch ein jüdisches Totengebet sprach. Der vielleicht berührendste Moment der Veranstaltung war sein behutsam vorgetragenes jüdisches Lied vom Kälbchen, das sich nicht dagegen wehren kann, zur Schlachtbank geführt zu werden: „Donna Donna“. Viele der Zuhörer sangen den letzten Refrain dieses Songs, der in der Version von Joan Baez weltbekannt geworden ist, ergriffen mit.

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