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Dracula

24.11.2012

Dem legendären Vampir auf der Spur

„Ich wollte einen homogenen Charakter erschaffen, der auch komische Elemente besitzt.“Andreas Nohl

Andreas Nohl hat Bram Stokers Klassiker neu übersetzt. In Nördlingen las er daraus vor

Nördlingen Der Name „Dracula“ steht wie kein anderer für den Vampir-Mythos und für das Böse, das die Menschen immer wieder aufs Neue erschaudern lässt und ihre Fantasie anregt. Zum 100. Todestag des Dracula-Schöpfers Bram Stoker im April dieses Jahres erschien eine deutsche Neuübersetzung des Weltklassikers von Andreas Nohl. Der Augsburger kam auf Einladung der Stadtbibliothek und Bücher-Lehmann nach Nördlingen. Er las aus seinem Werk und erzählte von seiner Arbeit.

Das englische Original leidet unter vielen Mängeln, sagt Nohl

„Stoker war kein guter Schriftsteller. Bis auf Dracula sind alle seine Romane vergessen“, sagte Nohl. Im englischen Original von Dracula ließen sich sprachliche wie stilistische Mängel leicht erkennen. Nohl wollte mit seiner Neuübersetzung diese Schwächen ausmerzen: „Es war eine sehr intensive Arbeit. Die Prämisse war, aus dem schlecht geschriebenen Original ein gutes Buch zu machen.“

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Nohl fahndete nach der englischen Erstausgabe von 1897 und wurde schließlich in der Landesbibliothek von Mecklenburg-Vorpommern fündig. „Diese Ausgabe ist mehr als 40000 Dollar wert und man schickte sie mir einfach per Fernleihe zu“, erzählte Nohl und lachte. Der zuständige Bibliothekar habe gar nicht von dem Wert dieser Antiquität gewusst, wie dieser später gegenüber Nohl am Telefon zugab. Dank der Originalausgabe konnte Nohl Fehler in später erschienenen englischen Ausgaben erkennen und machte sich ans Werk.Stokers Roman ist hauptsächlich aus der Sicht von vier verschiedenen Tagebuch-Autoren geschrieben. „Im Original schreiben die Vier alle denselben Stil – das ist eine tote Sache“, kritisierte Nohl. Daher sei der Hauptunterschied seiner Übersetzung, dass nun alle Figuren ihren eigenen Schreibstil hätten, der sie deutlich von den anderen unterscheide.

So drücke sich der Jurist Jonathan Harker nun eher trocken und sachlich aus, während Psychiater Dr. Seward gerne medizinische Begriffe in den Mund nehme. Das größte Problem machte laut Nohl die Figur des Vampir-Experten und Universalgelehrten, Professor Van Helsing, aus: „Im Original ist es geradezu grotesk, wie dieser Mann stottert und radebrecht, obwohl er angeblich acht Sprachen fließend spricht.“ Stoker wollte mit dem Holländer Van Helsing eine komische Figur in den Roman einbringen, deshalb spräche er Englisch wie etwa ein Inder, der gerade in dem Land angekommen sei.

Es gebe in dem Buch aber auch Stellen, in denen Van Helsing mit einer wortgewaltigen Brillanz Englisch rede. „Die Inkonsequenz der Figur ist eine Katastrophe“, kritisierte Nohl. Die bisherigen deutschen Übersetzungen haben dieses Problem bislang übergangen, indem sie Van Helsing einfach durchweg Hochdeutsch reden ließen.

„Ich wollte hingegen einen homogenen Charakter erschaffen, der auch komische Elemente besitzt – den typisch zerstreuten Professor“, erklärte Nohl. So macht Van Helsing in seiner Übersetzung an ganz bestimmten Stellen charakteristische Sprachfehler und bringt Dinge durcheinander. Er sagt zum Beispiel „glücklicher Pilz“ anstatt „Glückspilz.“ Trotz der oben erwähnten Mängel wurde Dracula zum Welterfolg. Das hat laut Nohl folgende Gründe: „Es gelang Stoker, dem Bösen mit Dracula eine unglaublich fassbare Gestalt zu verleihen. So prägnant, wie er das Böse in eine Figur bringt – das ist einzigartig in der Weltliteratur.“

Genial sei auch Stokers Schachzug gewesen, bei seinem Vampir auf den realen Fürsten Vlad III. (1431 bis 1477) zurückzugreifen, der „Dracula“ genannt wurde. Dieses rumänische Wort bedeutet „Sohn des Teufels“.

Der reale Dracula zeichnete sich durch Brutalität gegenüber Kriegsgefangenen aus, die er bei lebendigem Leibe auf Pfähle aufspießen ließ. „Stoker lädt seinen Vampir-Mythos mit einer tatsächlichen Figur auf, sein Roman bekommt dadurch einen historischen Horizont und die Figur wird ungeheuer greifbar.“

Ohne den Titel wäre es kein Welterfolg geworden

Kurz bevor das Buch 1897 erstmals gedruckt werden sollte, tauschte Bram Stoker den Titel aus: „Ursprünglich sollte es ,The Undead‘ – also: der Untote – heißen. Das ist natürlich viel zu neutral. ,Dracula‘ ist hingegen ein fantastischer Titel.“ Nohl meint, dass das Buch nie ein Welterfolg geworden wäre, hätte es diese Namensänderung nicht in letzter Minute gegen.

Der Augsburger Andreas Nohl ist zufrieden mit seiner Arbeit als Übersetzer und Herausgeber: „Das Buch ist jetzt besser als das Original“, sagte er abschließend.

Buch Andreas Nohls Neuübersetzung von Dracula (Steidl-Verlag) ist für 28 Euro im Buchhandel erhältlich.

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