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Geologie

15.06.2018

Der Riesimpakt war auf der ganzen Welt hörbar

Diese Darstellung zeigt, wie das Ries kurz nach dem Impakt aussah. Das Ereignis war auf der ganzen Welt zu hören.

Im dritten Teil unserer Serie erklären wir, wie der Einschlag ablief und warum das Ries nicht tiefer liegt.

Kein Mensch war dabei, als vor mehr als 14,3 Millionen Jahren ein gleißender Lichtpunkt über der Jura-Landschaft auftauchte, sich in Millisekundenschnelle zu einem Feuerball entwickelte und mit seiner Helligkeit alles Alltägliche in unvorstellbarer Weise überstieg. Physikalische und geochemische Untersuchungen belegen, dass ein Steinmeteorit beziehungsweise Asteroid bei Klosterzimmern in einem flachen Winkel von etwa 30 Grad auf die Erde traf. Er hatte mit circa einem Kilometer fast den gleichen Durchmesser wie die Nördlinger Stadtmauer. Im Weltraum hatte er einen kleinen Mond, der zeitgleich die Erde traf und wenige Kilometer weiter das Steinheimer Becken formte.

Bevor der Asteroid die Erdoberfläche erschütterte, wurde die zwischen ihm und der Erdoberfläche befindliche Luft so stark zusammengepresst, dass ein Teil der Erdoberfläche verdampfte und das extrem erhitzte Material seitlich weggeschleudert wurde. Daraus sind die grünen, glasartigen Moldavite entstanden, welche heute in Böhmen, Mähren und in der Lausitz gefunden werden.

Der Asteroid traf die Erde und produzierte eine Schockwelle, die sich vom Impaktzentrum kreisförmig in die Erde fortsetzte, aber auch in der Atmosphäre als Knall minutenlang nachhallte. Computermodelle zeigen – je nach den Annahmen über Material und Geschwindigkeit des Asteroiden – dass die dabei erzeugte Schallwelle theoretisch nach rund 17 Stunden auf die andere Seite der Erde gelangte. Sie hätte dann noch eine Stärke von 40 Dezibel gehabt, was einem Flüstern oder leiser Musik entspräche. Damit wäre der Riesimpakt auf der ganzen Welt nicht nur durch Erschütterungen messbar, sondern auch hörbar gewesen.

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Der Himmelskörper durchschlug die rund 600 Meter mächtige Sedimentdecke vollständig und drang noch fast 4000 Meter in das Grundgebirge ein. Der Primärkrater war also etwa 4500 Meter tief. Sein Durchmesser betrug rund acht Kilometer. Eine gewaltige Rückfederung ließ eine senkrechte Glutwolke aus verdampftem Gestein – von dem eingeschlagenen Himmelskörper und vom getroffenen Planeten – bis weit in den Weltraum aufsteigen. Mit mehr als 100 Kilometer war sie fast zehn Mal so hoch wie der Atompilz von Hiroshima.

Zugleich wurden millimeter- bis kilometergroße Gesteinsbruchstücke „ballistisch“ durch die Luft geschleudert beziehungsweise unter hohem Druck aus dem Krater herausgeschoben. Dieses Gestein heißt heute „Bunte Breccie“. Schmelzprodukte und Gesteinsstaub der Glutwolke legten sich beim Zusammenbruch der Wolke als „Suevit“ über die abgelagerte Bunte Breccie.

Wie weit die Gesteinstrümmer geschleudert wurden, kann heute nur noch bruchstückhaft und exemplarisch nachvollzogen werden, weil ganz Süddeutschland seit Jahrmillionen Festland und seit Jahrtausenden Kulturland ist und so die ursprünglichen Spuren längst verwischt wurden. Einzelfunde lassen darauf schließen, dass im ganzen süddeutschen Raum bis in die Schweiz Gesteinstrümmer vom Ries landeten.

Dies zeigen die sogenannten Strahlenkalke, die derzeit in einer eindrucksvollen Sonderausstellung im Rieskrater-Museum zu bestaunen sind. Diese kegelartig geformten Brocken mit einer charakteristisch geformten Oberfläche wurden geschossartig bis nach Bernhardzell bei St. Gallen (Schweiz) geschleudert. Dass sie nicht nur aus dem weniger zerstörerischen, weil kleineren Impaktereignis des Steinheimer Beckens ausgeworfen wurden, sondern auch vom Ries aus, kann aufgrund neuester Funde als gesichert gelten. Was im Kernbereich des Einschlages an Pflanzen und Tieren, Gewässer und Gestein vorhanden gewesen war, war mit der Wolke unterwegs – sozusagen „vom Winde verweht“. Im weiten Umkreis, wahrscheinlich bis zu einer Entfernung von mehr als 200 Kilometer, vernichteten die überschallschnelle Druckwelle und anschließende Feuerstürme alles Leben.

Die zunächst steilen Wände des Primärkraters – immerhin über 4000 Meter hoch – waren nicht stabil. Nachdem die kraterbildende Wirkung des Asteroiden zum Stillstand gekommen war, brachen sie ein, und das verbliebene, in kleine und kleinste Trümmer zerschlagene und aufgeschmolzene Material rutschte zum Kraterzentrum, „schwappte“ dort – wie bei einem großen Wassertropfen – erst steil, dann ringförmig auf und blieb als innerer Kraterrand stehen, während sich der dann „nur noch“ 600 Meter tiefe Krater durch ständig fortschreitende Randabbrüche noch weiter – bis zum heutigen äußeren Kraterrand – ausdehnte.

In zehn Minuten war eine neue Landschaft entstanden. Am und im Krater lagerte sich der bis über 600 Grad heiße Suevit ab, und der in die Luft gelangte Gesteinsstaub ging in sintflutartigen Regenfällen nieder. Der Anfang des Riessees?

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