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Archäologie

09.08.2019

Deshalb gibt es so viele archäologische Funde im Ries

Diese Miniaturräder wurden in Wallerstein gefunden.
Bild: Szilvia Iszó

Dr. Manfred Woidich hat in Wallerstein die Miniaturräder entdeckt. Im Interview erklärt er, wie seine Arbeit aussieht und welche Funde er noch gemacht hat.

Herr Dr. Woidich, Ihr Archäologiebüro hat die Miniaturräder in Wallerstein entdeckt: War Ihnen sofort klar, dass Sie gerade etwas Besonderes gefunden haben?

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Manfred Woidich: Da ich mich in meinem Magisterstudium und auch im Rahmen meiner Promotion intensiv mit dem Zeitraum zwischen 3500 und 2500 v. Chr. in Mitteleuropa auseinandergesetzt hatte, habe ich auf den ersten Blick erfasst, um welch bedeutenden Fund um welch bedeutenden Fund es sich hierbei handelte.

Die Miniaturräder sind mehrere tausend Jahre alt. Haben Sie bei Ihrer Arbeit schon ältere Gegenstände entdeckt?

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Woidich: Die Miniaturräder dürften sehr wahrscheinlich in den Zeitraum zwischen 2800 und 2500 v. Chr. datieren, was im süddeutschen Chronologiesystem der finalen Phase der Jungsteinzeit entspricht. Funde aus dem älteren und den mittleren Abschnitten der Jungsteinzeit begegnen uns regelmäßig bei unseren Projekten im Ries. So konnten wir im vergangenen Jahr einen Ausschnitt einer Siedlung mit Langhäusern aus dem Zeitraum zwischen 5500 und 4900 vor Christus im Neubaugebiet westlich von Niederaltheim untersuchen. Ein weiteres Highlight waren acht Hockerbestattungen, die wir im vergangenen Jahr auf dem Firmengelände von DS Smith in Nördlingen ausgegraben haben. Vier dieser Skelette konnten wir mittels Radiocarbondatierung auf einen Zeitraum um 3600 vor Christus eingrenzen. Bisher waren aus ganz Bayern erst drei Körperbestattungen aus dieser Zeit bekannt.

So sieht die Arbeit des Archäologen aus

Sie haben Aufträge im gesamten Ries. Wie sieht Ihre Arbeit genau aus?

Woidich: Die Untere Denkmalschutzbehörde beauflagt Bauanträge innerhalb und in unmittelbarer Umgebung von bekannten Denkmälern mit einer archäologischen Begleitung. Daher muss ein Archäologe sämtliche maschinellen Bodeneingriffe, in der Regel die Entfernung der Humusdecke oder das Ausbauen von rezenten Auffüllungen wie zum Beispiel Bodenplatten und Fundamenten beaufsichtigen und gegebenenfalls bei der Entdeckung archäologisch relevanter Strukturen eingreifen und die Baggerarbeiten auf diesem Niveau stoppen. Im Anschluss daran erfolgt die archäologische Bestandsaufnahme, das heißt die fotografische Dokumentation, das Beschreiben und die Einmessung der Befunde in der Fläche.

Ist die Zieltiefe der Baumaßnahme bereits erreicht, können die Befunde danach in der Regel konservatorisch mit Vlies und Sand überdeckt werden und bleiben im Boden unterhalb der Baumaßnahme erhalten. Muss bauseitig jedoch noch ein tieferes Niveau erreicht werden, müssen die Befunde auch ausgegraben werden. Nach Abschluss der Grabung wird das Fundmaterial gereinigt, inventarisiert und datiert. Die Dokumentation wird digitalisiert und ein Abschlussbericht mit den wichtigsten Informationen verfasst.

Zeigen die Funde aus Wallerstein (von links): Dr. Manfred Woidich, Bürgermeister Joseph Mayer und Dr. Johann Tolksdorf.
Bild: Szilvia Iszó

Warum gibt es im Ries so viele Funde?

Woidich: Mit seinen ertragreichen Böden und dem günstigen Mikroklima zog der Nördlinger Rieskrater seit jeher die Menschen zum Sesshaftwerden an. Infolgedessen zählt die Region heute zu den fundstellenreichsten vor- und frühgeschichtlichen Siedlungskammern Bayerns.

Gibt es Orte im Landkreis, in denen es besonders viele archäologische Entdeckungen gibt?

Woidich: Das Ries zeichnet sich gegenüber den restlichen Gebieten des Landkreises durch eine signifikant höhere Dichte an Bodendenkmälern aus. Innerhalb des Rieses reihen sich die Fundstellen besonders entlang der Flüsse Eger und Wörnitz wie Perlen an einer Schnur.

Funde in Rumänien und Sri Lanka

Gab es einen Fund, der für Sie persönlich besonders war oder an den Sie sich noch genau erinnern können?

Woidich: Zu meinen prägendsten Ausgrabungen zählen vor allem die Auslandseinsätze im Rahmen meines Studiums. So nahm ich über mehrere Jahre im Sommer an der Forschungsgrabung meines Professors auf der jungsteinzeitlich bis kupferzeitlichen Tellsiedlung von Uivar im rumänischen Banat teil, die regelrecht tonnenweise archäologische Funde zutage brachte. Unvergesslich sind für mich auch die Erfahrungen, die ich bei einer Ausgrabung einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Institutes innerhalb der Königsstadt Alt-Ruhuna in Tissamaharama an der Südküste von Sri Lanka sammeln konnte.

Zu meinen schönsten Funden in Bayern zählen neben den Radmodellen aus Wallerstein unter anderem die Waffen- und Schmuckfunde aus einem bajuwarisch-fränkischen Reihengrab auf dem Firmengelände von Audi in Ingolstadt und zwei filigran gearbeitete Goldohrringe in Form von Weidenblättern aus einem römischen Brandgräberfeld in Kösching, Landkreis Eichstätt. Eigentlich ist es aber immer die Möglichkeit des nächsten, noch interessanteren Fundes, der die tägliche Arbeit als Archäologe so spannend macht.

Mehr zum Fund in Wallerstein lesen Sie hier.

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