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Freilichtbühne

27.06.2013

Die Alte Bastei kommt auf Trab

Die Spielschar des Vereins Alt Nördlingen bietet einen schönen Theaterabend, bei dem man sich genüsslich zurücklehnen und gleichzeitig mitmachen kann

Nördlingen „Zuschaun kann i net“, beklagt sich Leopold, der unglücklich verliebte Zahlkellner im „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee, und eigentlich könnten in diesem Jahr alle Zuschauer in der Freilichtbühne der „Alten Bastei“ mitsingen. Keiner kann heuer „nur“ zuschauen, bekommt doch jeder Besucher am Eingang eine (all inklusive) „Mitmachtüte“, die auch schnurstracks erklärt wird: Die Zeitung als eventuelle Regenmütze, das Papiertaschentuch sowohl für die Herz-Schmerz-Tränchen als auch zum Abschiedwinken, das rote Herzerl zu den passenden romantischen Szenen, die Liedtexte zum Mitsingen und ein rot-weiß-rotes Austria-Fahnerl zum Radetzky-Marsch beim Einzug des Kaisers. Außerdem werden auf Taferl-Befehle aus dem Souffleurgraben Gockerlgekrähe, Busserlschmatzen und Ohrfeigen-Schmerzensrufe eingefordert.

Imposantes Bühnenbild und beachtliche sängerische Leistung

Trotz dieser – wohlgemerkt honorarfreien – Aktivitäten darf man sich nach zwei Jahren der Konzentration heuer in der Bastei wieder genüsslich zurücklehnen und das Spiel genießen mitsamt dem imposanten Bühnenbild von Wolfgang Balzer, das in Christo-Manier vom zentralen Gemäuer wenig übrig ließ.

Die Alte Bastei kommt auf Trab

Das „Weiße Rössl“, diese 1930 uraufgeführte Operette, dieses meist gespielte Stück Musikliteratur aller Zeiten, diese populäre Mixtur aus Alpen-Idylle und Österreich-Klischee, die aber – wie Barbara Lackermeier im Programmheft anmerkt – „eine Welt der leisen Untertöne, des Sentiments und der Überraschungen bleibt“, dieses „Weiße Rössl“ kommt auf der Freilichtbühne schnell auf Trab.

Dafür sorgt schon gleich zu Beginn der Karl Katzlbrunner (Matthias Baumann) als hyperhektischer Reiseleiter, der quasi mit der Tür ins Hotel fällt und alle auf Trab bringt: Die feschen Stubenmadl, den Piccolo und vor allem seine Reisegruppe, die nach dem Schnellschuss-Frühstück möglichst rasch zahlen will.

Aber mit „rasch“ geht beim Zahlkellner Leopold schon gleich gar nix. Alexander Plöger kommt mit diesem Typ gut zurecht. Betulich im Job, unglücklich im Gefühlsleben, ein Ösi-like geknautschtes „l“ und eine beachtliche sängerische Vorstellung. Bemerkenswert sein langer Atem auch in der hohen Stimmlage und, wenns dann wirklich nicht mehr reicht, sein respektables Umschalten in die Kopfstimme.

Erst resolut und hochnäsig, dann auf der Holperstrecke der Liebe stecken geblieben, schließlich demütig vor Leopold auf den Knien: Josepha Vogelhuber, die Wirtin im „Weißen Rössl“, ist bei Conny Michalski gut aufgehoben.

Josef Taglieber glänzt als Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler vor allem mit seiner Fähigkeit, recht passabel eine zweite Stimme ins Duett einzubringen.

Timo Meisters Wilhelmine Giesecke ist schlichtweg ein Genuss für Aug’ und Ohr: Eine (ge)wichtige Berliner Pflanze, die am Wolfgangsee „Be-uschl“ bestellt und bestürzt ist über das servierte „Lungenhaschee“, dann auf „Zijeunerjulasch“ besteht und im blauen Dirndl mit einem Wannsee-gefärbten Düdljo die Almhütte erklimmt.

Natürlich findet auch seine Tochter Ottilie (Julia Keplinger) im Salzkammergut ebenso ihren Traummann wie das lispelnde Klärchen (Marion Schieck), das sich ausgerechnet in den „süßen Sigismund Sülzheimer aus Sangershausen“ (Michael Friebel) verguckt hat. Der ist mit seiner „nackten Birne“ und vor allem im rot-weiß gestreiften 50er-Jahre-Einteiler-Badeanzug samt Bommelbadekappe eine Schau. Was kann er auch dafür, dass er so schön ist?

Reisefreudiger Professor und stattlicher Kaiser Franz Joseph

Und Klärchens Vater (Bernd Heinle), der reisefreudige, aber steife und vor allem finanziell klamme Professor Dr. Hinzelmann („Wir reisen jeden dritten Sommer. Und zwei Sommer lang freuen wir uns darauf“), wird wohl zumindest seinen nächsten Urlaub am Wannsee verbringen müssen.

Eine stattliche Erscheinung gibt Werner Schlientz als Kaiser Franz Joseph, erfolgreich eingefärbt im salzkammergütlichen Zungenschlag, stets staatlich besonnen und über die wuseligen Bemühungen der Untertanen „erfreit“.

Als Oberförster wacht Sigi Rauch über allem ganz hoch droben auf dem Ansitz und ballert mit seiner Flinte leidenschaftlich gern auf die allüberall knutschenden Liebespaare, befördert schließlich die Zenzi (Franziska Saur), das mannstolle Echo vom Schafberg, nolens volens ins Jenseits und findet dann ausreichenden Trost in seinem Flachmann.

Das Fräulein Wegehalter mit ihrem Schluckauf (Daniela Sachs), der Franz (Fabian Merk), die Kathi (Karin Leinfelder), die Wirtsleute (Nina Hellriegel, Anton Keplinger, Jutta Hummel), dazu ein Brautpaar, eine Handvoll Einheimische und ein Schwall Touristen komplettieren die Spielschar.

Alles Laien. Zugegeben: mittlerweile spielerfahrene Laien, aber eben doch. Und mit einem solchen Ensemble eine Operette zu spielen, ist mutig.

Umsichtige und risikoscheue Regie

Barbara Lackermeier hat mit ihrer umsichtigen, aber dafür risikoscheuen Regie (die sich übrigens jedwede regionale „Spitze“ verbot) den Spagat geschafft zwischen künstlerischem Anspruch und vorhandenem Schauspielermaterial.

Mit Andreas Hartwath hatte sie einen höchst kompetenten und realistisch agierenden musikalischen Leiter an der Seite. Was er aus den Laienkehlen herauskitzelt, ist bemerkenswert, nein, eher schon bewundernswert. Seinem Alexander Plöger verhilft er zu geradezu tenoralen Stimmbändern. Und „Wenn’s der Herrgott net will“, darf dieses Heurigenlied im Stil eines Hans Moser auch als summ-begleiteter Sprechgesang auf die Bühne. Schön unaufdringlich im Hintergrund, aber stets präsent im Ohr agiert unter zwei Pavillons das Orchester: Günter Schleinkofer, Hans Schleinkofer und Gerhard Martin (Violinen), Harald Simon (Cello), Werner Stehmann (Bass), Klaus Ortler (Klavier) und Martin Schnierer (Schlagzeug).

Bei einer Temperatur von rund zehn Grad war es lausig kalt in der Alten Bastei. Nicht nur die Musiker spielten mit klammen Fingern, auch Zuschauer und Akteure bibberten. Wenn Petrus mal ein Einsehen hat, wird wohl dieses „Weiße Rössl“ vom Trab auch noch in den Galopp kommen.

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