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Interview

28.12.2019

„Die Menschheit wäre ohne Bauern längst ausgestorben“

Lange Jahre war Dr. Josef Raffalt Regierungsveterinär im Landkreis und in der Stadt Nördlingen. Jetzt meldet er sich in der aktuellen Debatte um die Landwirtschaft zu Wort.
Bild: Hummel

Dr. Josef Raffalt über die Debatte um die Landwirtschaft, den Strukturwandel in den vergangenen Jahrzehnten und was sich jetzt ändern muss

Herr Dr. Raffalt, Sie sind jetzt 90 Jahre alt und waren von 1966 bis 1989 Regierungsveterinär im Landkreis und in der Stadt Nördlingen. Inwieweit können Sie mit ihren Erfahrungen zum Verständnis der derzeitigen grundlegenden Diskussion um die Landwirtschaft beitragen?

Dr. Josef Raffalt: Ganz grundlegend muss sich jeder vor Augen halten, dass die Menschheit ohne Bauern schon längst ausgestorben wäre. Hierzulande haben sich die Bauern nach der Zeit gerichtet, in der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunächst ein langsamer, dann ein radikaler Strukturwandel einsetzte. Das ist nicht verwerflich; wir können heute nicht mehr leben wie vor 200 Jahren. Früher produzierte ein Bauer für seine Familie und darüber hinaus noch für drei Menschen. Heute sind es etwa 160 Menschen.

Wie lässt sich dieser Wandel beschreiben?

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Dr. Raffalt: Klein- und Kleinstbetriebe lösten sich zusehends auf, weil die Industrie immer mehr Arbeitskräfte benötigte. Die Technisierung der Industrie wiederum hielt in der Landwirtschaft Einzug: Sense, Mähmaschine, Bindemäher, Dreschmaschine, Mähdrescher – solch eine Entwicklung erleichterte die Arbeit ungemein.

Aber sie erforderte auch große Investitionen und immer größere Produktions-Dimensionen.

Dr. Raffalt: Nach dem Zweiten Weltkrieg legte der Prozess gewaltig an Dynamik zu. Wer bestehen wollte, musste Land zukaufen, den Viehbestand vergrößern, sich spezialisieren. Früher diente das Drei-Nutzungs-Rind zum Einspannen, Milch und Fleisch geben. Heute ist man auf Milch- oder Fleischproduktion, Aufzucht, Schweinemast, Hähnchenmast oder Kartoffelanbau spezialisiert.

Haben die Größenordnungen überhand genommen?

Dr. Raffalt: Das ist einer von vielen Punkten, wo in der derzeitigen Diskussion zu viel Unklarheit herrscht, weil Begriffe nicht geklärt sind. Wann spricht man von Massentierhaltung, wann von Industriebetrieb? Meiner Ansicht nach sollte es dabei nicht um Zahlen gehen, sondern um die Qualität der Betriebsführung. Gutes Management bringt gute Bedingungen für die Tiere und gute Erträge mit sich; schlechtes Management bedeutet das Gegenteil.

Was wäre für Sie hinsichtlich der Größenordnung der Betriebe ideal?

Dr. Raffalt: Die Fläche sollte im Einklang mit dem Tierbestand stehen. Sprich, das Futter sollte zum größten Teil auf eigenem Boden angebaut werden und der Boden sollte die gesamte anfallende Gülle aufnehmen können.

Sie sagen, Bio-Landwirtschaft war bis in die 80-er Jahre selbstverständlich?

Dr. Raffalt: Zumindest für kleinere Betriebe waren beispielsweise Pflanzenschutzmittel oft nicht rentabel, so produzierten sie automatisch das, was wir heute Bio-Ware nennen.

Welche Rolle spielt in ihren Augen der Tierschutz?

Dr. Raffalt: Heute muss man darauf achten, dass die Tiere nicht zu sehr vermenschlicht werden. Sie sind Wesen, die sich so wohl fühlen sollen wie möglich, doch man muss im Laufe der Entwicklung immer die Möglichkeiten im Auge behalten. Natürlich fühlt sich das Vieh in großen Freilaufställen wohler als angekettet im engen Stall– aber den Dorf-Bauernhöfen stand früher nicht der Raum für solche Freiheiten zur Verfügung. Praktikables Denken ist auch bei heiklen Fragen unerlässlich. So klingt das Schreddern von männlichen Küken zwar martialisch, ist aber genau besehen ein schneller, schmerzloser Tod.

Wo sehen Sie die Hauptverantwortlichen?

Dr. Raffalt: Alle sind gleichermaßen für die Gesamtentwicklung verantwortlich. Die Politik darf sich nicht auf eine Seite stellen, muss das Gesamtwohl im Auge behalten und beispielsweise das Grundwasser unbedingt schützen. Bauern sind gleichermaßen Betroffene wie Verursacher und sollten sowohl für ihre Existenzsicherung eintreten als auch zugunsten des Umweltschutzes nicht mit der Produktivität übertreiben – man muss nicht den letzten Cent an Erträgen herauspressen und beispielsweise direkt bis an Gewässer düngen. Verbraucher nehmen das an, was Supermärkte bieten – sie werden immer billig kaufen, wenn es billige Angebote gibt. Andererseits wird gesunde Ware zum vernünftigen Preis auch angeboten, wenn sie nachgefragt wird. Alle Beteiligten sollten ein gewisses Verständnis füreinander aufbringen.

Was sollte aus politischer Sicht optimiert werden?

Dr. Raffalt: Die Regularien, über die sich die Landwirte derzeit so ärgern, sollten mit Bedacht festgelegt sein und in viel größerem Umfang wissenschaftlich untermauert sein. So ist die schädliche Wirkung von Glyphosat bei weitem nicht hinreichend untersucht, ebenso das Empfinden domestizierter Tiere – niemand weiß, ob sie sich gut versorgt in engen Ställen besser fühlen als Tiere in freier Wildbahn mit viel geringerer Lebenserwartung. Der Strukturwandel ist noch lange nicht beendet, wie beispielsweise die Riesenfarmen in Amerika oder Kanada zeigen. Er lässt sich nicht aufhalten, muss aber in geregelte Bahnen gelenkt werden.

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