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Porträt

06.10.2019

Die Nördlingerin Sigrid Ludwig macht aus Haaren Kunst

Sigrid Ludwig vor ihrer neuen Serie stilisierter Porträts mit Silikon-Frisuren.
Bild: Ronald Hummel

Plus Sigrid Ludwig ist mit 83 Jahren noch künstlerisch aktiv. Was ihre Lehre damit zu tun hat.

Wer beim Besuch von Sigrid Ludwig am Nördlinger Tändelmarkt auf den Aufzug verzichtet und die Treppe nimmt, wird mit einem Galeriebesuch belohnt: Ihre farbenfrohen, phantasievollen Gemälde bereichern das Treppenhaus. Das Besondere: Sie bestehen nicht nur aus Farbe, sondern größtenteils auch aus Haaren. Denn Sigrid Ludwig war zeit ihres Berufslebens Friseurin, ging also schon immer kreativ mit Haaren um.

Als Lehrling musste sie die verschiedenen Frisuren von Rokoko bis Biedermeier mit Stift und Block skizzieren, woran sie außerordentlichen Gefallen fand. 1962 kam sie mit ihrem Mann nach Nördlingen, wo sie zwei Friseursalons eröffneten. Da skizzierte sie für ihre Kunden mögliche Frisuren, doch erst im Ruhestand ab dem Jahr 2002 konnte sie sich voll und ganz ihrer immer schon sichtbaren künstlerischen Ader widmen. Sie malte Phantasie-Porträts in Acryl, die sich durch zwei Besonderheiten auszeichneten: Haare waren als Frisuren oder schwungvolle Linien mit eingearbeitet und die Gesichter hatten nur ein Auge. Auch letzteres rührte von ihrem Beruf her: „Mein Salon hatte 15 Plätze, da sah ich die Kundinnen meist von der Seite.“

Haare sind für die Nördlingerin nicht nur künstlerisches Material

Ihr Stil entwickelte sich spontan, aus den Gemälden wurden halb abstrakte Motive, oft von Liebesszenen aus Filmen inspiriert. Eine andere Linie zeigte Damen mit eleganten Hüten, eine ihrer Lieblingsphasen war die Sonnenblick-Serie – gelb strahlende Sonnen mit einem Auge und teils buschigen Brauen. Daraus entwickelten sich die Haarstrahlen, wobei die Haare oftmals ohne Farbe das Motiv darstellten, kunstvoll auf die Leinwand frisiert wurden, als feine Lichtstrahlen in alle Richtungen weisen und oftmals mit funkelnden Swarowski-Steinen kombiniert sind.

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Haare sind für Sigrid Ludwig nicht nur künstlerisches Material, sondern auch Weltanschauung: 2002, als nach einer Phase relativ umfassenden Friedens wieder mehr und mehr Kriege aufflammten, schuf sie ein zwei Meter hohes Friedenskreuz mit Haaren, die sie aus aller Welt gesammelt hatte. Die Botschaft: Christen, Juden und Muslime, Menschen aller Nationen gehen alle friedlich zum Friseur – warum kann alles andere nicht auch friedlich verlaufen? Auch beim viel diskutierten Schonen der Ressourcen führt die Künstlerin die Haare an: „Sehr viele Menschen tragen lange Haare, doch beispielsweise ein Bob benötigt zur Pflege nur die Hälfte an Wasser und Energie.“

Sie teilt ihre Werke mit anderen Menschen

Wenn Millionen beim Haar anfangen würden, Ressourcen zu sparen und dann in ihrem Umfeld konsequent weiter machen, wäre schon viel erreicht. Als Sigrid Ludwig vor einigen Jahren mit dem Kunstverein die Weißgerber-Carbon-Werke in Wallerstein besichtigte, war die nächste Schaffensphase geboren: Die Carbonfasern sind noch viel feiner als Haar und so entsteht aktuell eine Reihe von Schwarz-weiß-Porträts eleganter Frauen mit Frisuren aus dem Werkstoff der Zukunft. Sigrid Wagner umgibt sich gerne mit ihren Bildern, denn jedes erinnert sie an eine persönliche Geschichte.

Doch ebenso gerne teilt sie die Werke mit anderen Menschen, öffnet ihr Zuhause bei den Ateliertagen, bestückt Ausstellungen wie in der Nördlinger Schranne oder im Reimlinger Schloss und stellt sozialen Einrichtungen wie dem Bürgerheim oder dem Altenheim St. Vinzenz ganze Serien dauerhaft zur Verfügung.

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