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Corona-Krise: 650.000 Betriebe haben bereits Kurzarbeit angemeldet
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Coronakrise

22.03.2020

Die Pandemie trifft Rieser Unternehmen hart

Bislang ging es der Baubranche gut - angesichts der Coronakrise könnte sich das nun ändern.
Bild: Jens Wolf/dpa-Zentralbild/dpa

Plus Einige Firmen bereiten sich auf Auftragsrückgänge vor. Staatskredite und Kurzarbeit sind eine Option. In Oettingen warten Jeld-Wen und Feuerwehr auf 1000 Schutzmasken. So reagieren andere große Arbeitgeber der Region.

Das Coronavirus trifft die Wirtschaft hart. In Schwaben erwarten einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer zufolge 90 Prozent der Unternehmen, dass die Wirtschaft heuer schrumpft. Wir haben große Arbeitgeber im Ries gefragt, wie sie mit der Krise umgehen und wie sie in die Zukunft blicken – einige haben geantwortet:

Bei Jeld-Wen ist bereits ein Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert und befindet sich in Quarantäne. „Es geht ihm gut. Das ist ein junger Kerl, der sich beim Skifahren angesteckt hat“, sagt Wolfgang Oswald Leiter des Oettinger Werks, der für 600 Angestellte verantwortlich ist. Er schreibt täglich eine Nachricht an alle Mitarbeiter. Viele von ihnen arbeiteten bereits im Homeoffice. In der Produktion gehe das natürlich nicht.

Geteilte Schichten und versetzte Arbeitszeiten in der Produktion, Dixis für Lkw-Fahrer und mehrmals täglich geputzte Türklinken sollen den Betrieb sichern. Die Firma habe 1000 Schutzmasken bestellt, die per Luftfracht aus China unterwegs nach Oettingen seien. Einige werde man der Freiwilligen Feuerwehr Oettingen überlassen. Ob Bundeskredite eine Option für Jeld-Wen sind, weiß Oswald nicht. „So etwas wird an unserem amerikanischen Hauptsitz entschieden.“

Die Pandemie trifft Rieser Unternehmen hart

Das Unternehmen habe sich über Kurzarbeit informiert. „Das liegt jetzt aber nur in der Schublade.“ Der Auftragseingang sei bislang eher hoch. Die Lieferketten funktionierten gut. Zudem verfüge Jeld-Wen über ausreichend Lagerbestände. „Wir werden alles tun, um einen Abbau von Arbeitsplätzen zu vermeiden.“ Jeld-Wen könne gestärkt aus der Krise hervorgehen: „Türen braucht man auch, wenn diese Pandemie vorbei ist.“

Eisen-Fischer liefert weiter, Thannhauser baut

Eisen-Fischer muss wegen der am Freitag erlassenen Maßnahmen seine Ausstellungsflächen schließen, sagt Geschäftsführer Volker Baumgärtner. Glücklicherweise sei das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern, 270 am Nördlinger Standort, hauptsächlich auf den Großhandel ausgerichtet. Auch in diesem Bereich rechnet er aber mit Einschränkungen: „Es werden jetzt vermutlich weniger Menschen einen Handwerker bestellen.“ Aber Eisen-Fischer liefere weiter – und das sei auch notwendig: „Wenn Ihnen ein Rohr bricht, liefern wir es dem Handwerker sofort“, sagt er.

Die Unternehmensbereiche seien strikt getrennt. „Ein Kaffeepläuschchen bei Kollegen geht in dieser Situation nicht mehr.“ Die Lieferketten funktionierten noch. Einzelne Stahlprodukte, insbesondere aus Italien, seien nicht mehr lieferbar, allerdings verfüge Eisen-Fischer über Lagerbestände für mehrere Monate. Sollten Bereiche geschlossen werden, sei Kurzarbeit eine Option. Man stehe im Austausch mit Banken, um gegebenenfalls Bundeskredite zu beantragen. „Dafür braucht man allerdings Gründe, und aktuell liegen diese bei uns noch nicht vor“, betont der Geschäftsführer. „Ich schließe einen Abbau von Arbeitsplätzen definitiv aus.“

Bei Thannhauser Straßen- und Tiefbau halten sich die Auswirkungen der Pandemie nach Angaben des Geschäftsführers Johannes Käser bislang in Grenzen. Das Fremdinger Unternehmen beschäftigt 250 Mitarbeiter. Sie müssen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen einhalten. Auf den Baustellen beobachtet Käser allerdings, dass dies mancher nicht ernst genug nimmt. Zwei Mitarbeiter seien wegen grippeähnlicher Symptome krankgeschrieben, von einem wisse man aber, dass er definitiv nicht vom Coronavirus infiziert sei. Das Unternehmen sei liquide und für mehrere schwierige Monate gerüstet. „Unser Horrorszenario ist, dass ein infizierter Mitarbeiter mit vielen anderen in Kontakt kommt und der Betrieb geschlossen werden muss.“ Dann wäre Kurzarbeit eine Option. Die staatlichen Kreditzusicherungen besorgen den Geschäftsführer, weil dann an anderer Stelle gespart werden müsse – zum Beispiel beim Straßenbau. „Irgendwo muss das Geld ja wieder gespart werden.“ Wird die Krise Arbeitsplätze bei Thannhauser Kosten? „Ich weiß es noch nicht, aber ich befürchte es“, sagt Käser.

SPN denkt über Verlängerung der Kurzarbeit nach

Das Coronavirus trifft die Firma SPN Schwaben Präzision Fritz Hopf in einer ungünstigen Lage. Rainer Hertle, technischer Geschäftsführer des Unternehmens, rechnet mit deutlichen konjunkturellen Auswirkungen. „Unsere größte Angst ist derzeit eine behördliche Anordnung zur Schließung.“ Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen sowie räumliche und zeitliche Trennung der Mitarbeiter sollen Infektionen verhindern. Mehrere der 335 Mitarbeiter hätten sich in Risikogebieten befunden. Sie mussten zwei Wochen zuhause bleiben. Die Lieferketten funktionierten Hertle zufolge bisher, Engpässe fürchtet er bei Gütern aus Südeuropa. Die Mitarbeiter arbeiteten seit 1. Januar in Kurzarbeit. „Wir hatten in den vergangenen sechs Monaten eine schwierige Auftragslage, die sich allerdings in den letzten sechs Wochen stabilisiert und sogar etwas verbessert hat.“ SPN produziere Investitionsgüter und werde wohl zeitversetzt von der Pandemie getroffen. „Allerdings erhöht die neue Krise das Risiko, dass wir die Kurzarbeit verlängern.“

Zu der Frage, ob die SPN staatliche Hilfe in Anspruch nehmen werde, sagte Hertle: „Angesichts der Horrorszenarien von Betriebsschließungen oder einer mehrjährigen Rezession, kann ich das kaum ausschließen.“ Es sei aber auch möglich, dass sich die Ausbreitung des Virus’ in einigen Wochen verlangsamt. Auf die Frage, wie hoch das Risiko sei, dass er Arbeitsplätze abbauen muss, sagt er: „Es ist unser oberstes Ziel, das zu verhindern, aber ausschließen kann ich es nicht.“

Der Geschäftsführer des Nördlinger Bauunternehmens Eigner Werner Luther fordert eine drastische Maßnahme vom Staat. „Auf den Baustellen kommen unsere Mitarbeiter miteinander in Kontakt, das lässt sich gar nicht vermeiden.“ Um die Verbreitung des Virus im Land zu verlangsamen, fordert er, dass die Politik alle nicht unbedingt notwendigen Unternehmen schließt. „Wir überleben auch, wenn wir einen Monat nicht mehr bauen“, sagt er. Dann seien aber nicht nur staatliche Kredite, sondern Zuschüsse nötig. Wirtschaftliche Interessen müssten in dieser Krise der Gesundheit der Bevölkerung untergeordnet werden. Als Unternehmer könne er nicht einfach den Betrieb schließen. „Dann mache ich mich gegenüber meinen Auftraggebern angreifbar. Handelt der Staat, ist das höhere Gewalt.“ Er rechnet mit baldigen Lieferengpässen bei Rohstoffen. Verzögerungen bei Bauprojekten seien unvermeidlich. Personelle Konsequenzen schließt er aus: „Wir werden keine Arbeitsplätze abbauen:“

Varta hat weder im Ausland noch in Deutschland bestätigte Coronavirus-Infektionen innerhalb der Belegschaft. „Die Nachfrage nach unseren Produkten ist anhaltend hoch, daher läuft unsere hochautomatisierte Produktion in voller Auslastung weiter“, teilt das Unternehmen auf Anfrage schriftlich mit. Einige Maßnahmen wie höhere Hygienestandards, früher endende Schichten, versetzte Pausen und strenge Regeln für Dienstreisen hat das Unternehmen getroffen. Die Bestellungen seien unverändert. Bei den Lieferketten seien keine „wesentlichen Einschränkungen“ erkennbar. „Wir halten an unseren Investitionsplänen fest“, schreibt Varta. Das Unternehmen baut ein zusätzliches Werk in Nördlingen. Aktuell beschäftigt der Konzern in Deutschland rund 2400 Mitarbeiter, davon knapp 500 am Rieser Standort. „Wir planen derzeit im Raum Nördlingen und Ellwangen, 600 weitere Mitarbeiter in diesem Jahr einzustellen.“

Die Wallersteiner Firma Ohnhäuser hat ihre 320 Mitarbeiter in drei Teams unterteilt und einen Zeitpuffer von 30 Minuten eingerichtet. „So gehen wir sicher, dass es bei dem Schichtwechsel zu keiner Berührung mit der Gegenschicht kommt“, sagt Marketing- und Personalreferent Fabian Sekler. „Momentan produzieren wir und haben keine Kurzarbeit angemeldet.“ Mitarbeiter, Vorgesetzte und Geschäftsführung müssten sich an Verhaltens- und Hygienehinweise halten, die Essensausgabe der Kantine und Getränkeautomaten schließt diese Woche, ein Sitzabstand von zwei Metern muss eingehalten werden, Pausen wurden versetzt. Lkw-Fahrer und Paketboten dürfen nicht mit Mitarbeitern in Kontakt kommen. „Stand jetzt funktionieren die Lieferketten, aber es wird weniger.“

Ohnhäuser ist nach eigenen Angaben Premium-Zulieferer von Bauteilen und Baugruppen für die Luft- und Raumfahrtindustrie und den Maschinen- und Anlagenbau. Die Probleme der Fluggesellschaften und der Flugzeugbauer könnten sich auf die Firma auswirken. „Die Kunden werden vorsichtiger. Das wirkt sich negativ auf die Auftragslage aus.“ Kurzarbeit und die Inanspruchnahme von Bundeskrediten seien derzeit nicht notwendig, allerdings Optionen, sollten sie im Laufe der Krise erforderlich werden. Zum Thema Arbeitsplätze sagt Sekler: „Ausschließen kann man das nicht, wenn es wirtschaftlich langfristig nach unten gehen sollte.“

Oettinger braut weiter unter verschäften Hygienevorschriften

Die Oettinger Brauerei mit ihren rund 1000 Mitarbeitern in Deutschland, 450 am Stammsitz in Oettingen, hat in den vergangenen Tagen und Wochen zahlreiche Schritte unternommen, um einer Infektion vorzubeugen, schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Hygienevorschriften wurden verschärft, Mitarbeiter sollen Abstand einhalten und wenn möglich im Homeoffice arbeiten. Oettinger sorge dafür, dass ausreichend Rohstoffe zur Verfügung stehen. „Ziel hierbei ist es, als Lebensmittelbetrieb unsere Lieferfähigkeit aufrecht zu erhalten.“

Von Vorteil sei, dass das Unternehmen regional braue und die Rohstoffe überwiegend aus dem jeweiligen Umkreis der Brauereien in Oettingen, Gotha, Braunschweig und Mönchengladbach bezogen würden. Derzeit gebe es in der Firma keine begründeten Verdachtsfälle oder Infektionen. „Noch brauen wir, noch füllen wir ab und noch liefern wir aus.“ Als Unternehmen der Lebensmittelindustrie müsse Oettinger dazu beitragen, die Versorgungslage im Land zu sichern.

Die Gerlinger Unternehmensgruppe beschäftigt an vier Standorten in Deutschland und Österreich 280 Mitarbeiter, 240 davon in Nördlingen. Die Auswirkungen des Virus’ auf das Unternehmen seien noch nicht absehbar. „Sicher ist, dass die deutsche und europäische Wirtschaft einen immensen Schaden erleiden wird“, schreibt Prokurist Friedrich Gerlinger auf Anfrage unserer Redaktion. Wenn möglich, arbeiteten Mitarbeiter im Homeoffice. Auch Auszubildende lernten von zu Hause aus, würden aber weiter von Ausbildern betreut. In Produktion und Lagerlogistik gelten strikte Hygiene- und Verhaltensregeln, auf Überlappungszeiten verzichte man.

Im Umgang mit Fahrern und betriebsfremden Personen gelten spezielle Regeln. Bei Gerlinger gebe es weder bestätigte Corona-Infektionen noch einen Verdachtsfall. Bisher habe man noch keine Bundesmittel in Anspruch genommen. „Wenn es die betriebliche Situation erforderlich macht, werden wir auf die staatlichen Hilfen selbstverständlich zurückgreifen, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten.“ Auch Kurzarbeit wäre eine Option, sollte sich an der Situation etwas ändern – derzeit ist Gerlinger aber voll ausgelastet. Lieferungen aus Asien seien stark verspätet. Der Prokurist erwartet infolge der Grenzschließungen und Ausgangssperren „massive Lieferengpässe“ und „enorme Zeitverzögerungen beim Versand unserer Waren“.

Derzeit stelle man keinen signifikanten Auftragsrückgang fest. Mit Verweis auf die Schließung der Autobauer prognostiziert Gerlinger allerdings, dass sich dies ändern wird. „Aber auch in allen anderen industriellen Branchen und im Bauwesen gehen wir von einem Auftragsrückgang aus.“ Diese Löcher könne man mit aufgestauten Aufträgen füllen, aber nur temporär. Zur Frage, wie hoch das Risiko eines Arbeitsplatzabbaus sei, verweist Gerlinger erneut darauf, dass die Dauer der Krise nicht absehbar sei. „Deshalb wage ich keine Einschätzung, was das Thema Arbeitsplatzabbau aufgrund der Corona-Krise angeht, zu treffen.“ Man setze alles daran, die Mitarbeiter zu halten. „Wir wären sehr schlecht beraten, eine solche Krise auf dem Rücken unserer Mitarbeiter abzuwettern. Sie sind unser wichtigstes Kapital, das entsprechend behandelt und geschützt werden muss.“

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