Musikereignis

20.06.2018

Die Welt der Kastraten

Faszinierendes Konzert im Oettinger Residenzschloss mit Armin Gramer (Vierter von rechts) und dem Concilium musicum aus Wien.
Bild: Ernst Mayer

Das Concilium musicum aus Wien bietet in Oettingen zusammen mit dem Countertenor Armin Gramer ein ganz besonderes Konzert. Auftakt auf historischen Instrumenten

Diese ungewöhnliche Erscheinung in der Musik hat ihren Ursprung im Zeitalter des Barocks. In den katholischen Chören durften nämlich aufgrund eines päpstlichen Gebotes gegen Ende des 16. Jahrhunderts keine Frauen mehr singen. Die hohen Stimmen übernahmen deshalb Kastraten, denen bereits als Jungen die Samenstränge getrennt wurden, damit sie ihre Kinderstimme behielten, oft mit der Folge, dass sie an den Folgen unsteriler Operation starben. Traten die wenigen erfolgreich Umgewandelten als Solisten in Opernhäusern auf, wurden sie als Musikstars verehrt. Sie gelangten zu sensationellem Ruhm und Reichtum. Ihre Stimmen rührten das schmachtsüchtige barocke Publikum zu Tränen.

Dass viele Konzertbesucher heute noch fasziniert sind, bewies das jüngste Oettinger Residenzkonzert mit dem Countertenor Armin Gramer, der mit dem „Concilium musicum“ aus Wien Arien von Georg Friedrich Händel und Christoph Willibald Gluck sang. Diese hatten mit Kastratenarien ein Erfolgsgeheimnis für ihre Opern entdeckt. Zur Einleitung auf diese Musik spielte das „Concilium musicum“ auf historischen Instrumenten eine Sonate von Ch. W. Gluck mit drei Sätzen, einem geheimnisvoll klingenden Andante, einem beschwingten Menuett und einer tänzerischen Gigue zum Ausklang, bevor man den Countertenor erleben konnte. Die hohe Falsettstimme wird heute ausschließlich durch ein spezielles Training ausgebildet, speziell für die Opernarien des Barocks im 18. Jahrhundert. So authentisch wie bei den Opernaufführungen G. F. Händels soll es klingen. Das „Concilium musicum“ ergänzte mit einzelnen Sätzen aus dessen „Concerto Nr. 5 für Orgel F-Dur“ mit dem Titel „Der Kuckuck und die Nachtigall“, ein originelles Werk für Orgel und Orchester, in dem sich diese Vögel musikalisch unterhalten. Diese Arien müssen zu Händels Zeit echte „Gassenhauer“ (die damaligen Hits) gewesen sein, die jeder Schusterjunge vor sich hin pfiff: „Verdi prati“ (Grüne Wiesen) aus „Alcina“, „Ombra mai fu“ (Nie war ein Schatten lieblicher) aus „Xerxes“ und „Lascia ch’io pianga“ (Lass mich mein Schicksal mit Tränen begraben) aus der Oper „Rinaldo“. Sehr lyrisch wirkte „Che faro senza Euridice“ (Was mach ich ohne Euridice?) aus Ch. W. Glucks Oper „Orpheus und Euridike“.

Der instrumentale Part des „Concilium musicum“ zu Armin Gramers Gesang entsprach nicht nur dem barocken Original, sondern verlieh ihm auch die Authentizität des Zeitgeistes, in dem die Kastratenliteratur entstand. Die Streicher demonstrierten auch beim folgenden „Divertimento G-Dur“ von Joseph Haydn ihre reife historische Spielpraxis, die noch durch Christoph Angerers virtuosen Umgang mit seiner mehrsaitigen Viola d’amore, ein heute wenig gebräuchliches Instrument, gesteigert wurde in Antonio Vivaldis „Concerto“.

Im Schlussteil sang Armin Gramer aus der Oper „La Clemenza di Tito“ die Arie „Vo disperato a morte“ so eindringlich, dass beim heftigen Beifall der Zuhörer noch eine Zugabe fällig war, ein Lied aus Michael Haydns Singspiel „Die Wahrheit der Natur“. Diese Art zu singen erwies sich als ein körperlicher Kraftakt, der nur durch tägliche intensive Gymnastik gestemmt wird. Armin Gramer beherrschte ihn mit Bravour bis zum gefeierten Schluss.

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