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Porträt

26.01.2020

Diese Friseurin aus Oettingen hat mit 18 Jahren ihren Meister

Die junge Meisterin Chiara Reichelt im Spiegel der Geschichte von drei Generationen einer Friseur-Familie. Im modernen Oettinger Salon wird die Einrichtung des Großvaters als Erinnerung hochgehalten.
Foto: Ronald Hummel

Chiara Reichelt lebt ihre Friseur-Leidenschaft voll aus. Warum ihre Mitschülerinnen ihren Vater für einen Vogue-Fotografen hielten.

Ja, es gibt sie, die familienbedingten Berufs-Gene: Nicht weniger als sechs Friseur-Meister aus der Familie Reichelt sind derzeit in dritter Generation aktiv. Helmut Reichelt senior hatte 1963 in Wassertrüdingen einen Herrensalon eröffnet, 1981 gründete sein Sohn Helmut „Reichelt Friseure“ in Oettingen. Mittlerweile gibt es ein zweites familiengeführtes Friseurgeschäft in Wassertrüdingen und noch eines in Dinkelsbühl; 30 Mitarbeiter sind in den vier Geschäften insgesamt tätig. Helmut Reichelts Tochter Chiara, die bei der Familie in Wassertrüdingen lebt, folgte begeistert der Familientradition und ist mit 18 Jahren eine der jüngsten Meisterinnen Deutschlands, vielleicht die jüngste überhaupt.

Ihr Weg war vorgezeichnet, aber nicht erzwungen – der Vater riet ihr eher, in einer anderen Branche mehr Geld zu verdienen, zwei ältere Geschwister üben tatsächlich andere Berufe aus. Doch sie hatte als Kind schon die Atmosphäre in den Salons der Familie förmlich aufgesogen und das gespürt, was den Beruf ihrer Ansicht nach tatsächlich ausmacht: „Er ist extrem abwechslungsreich – zum einen, weil man es mit wahnsinnig vielen völlig unterschiedlichen Menschen zu tun hat, zum anderen, weil keine zwei Aufgaben gleich sind.“

Für Chiara Reichelt war klar, welchen Beruf sie ergreifen würde

Also war für sie nach der Hauptschule mit 15 Jahren klar: Sie machte im elterlichen Betrieb eine Lehre als Friseurin, besuchte die Berufsschule in Ansbach und, besonders wichtig, absolvierte den harten halbjährlichen Ausbildungsblock auf der Forchheimer Meininghaus-Akademie, der größten Friseurschule Deutschlands.

„Die achten darauf, dass man alles grundlegend und solide lernt“, war die Erfahrung von Chiara Reichelt. Alte Techniken, wie Wasserwellen à la 1920er-Jahre oder Papilotten, also ringförmige, anliegende Locken gehören ebenso zum Programm wie die Verwendung moderner wie auch klassischer Werkzeuge, zum Beispiel das Onduliereisen für Locken. Die ehrgeizige Absolventin hängte noch einen dreimonatigen Volontärskurs dran, absolvierte die verbleibende Lehrzeit für die insgesamt vorgeschriebenen drei Jahre im heimischen Betrieb.

Sie ließ quasi den Lockenstab nicht kalt werden – zwei Wochen nach der Gesellen-Freisprechung war sie wieder im Meininghaus, diesmal zum 111-tägigen Meisterkurs. Ihr Vorteil: Früher musste man einige Gesellenjahre verstreichen lassen, bevor man mit der Meisterausbildung begann, doch diese Vorschrift gibt es nicht mehr.

Der Meisterkurs war eine anspruchsvolle Zeit

Der Meisterkurs wurde richtig hart, jeden Tag ging es von 7.30 oder 8.30 bis 20.15 Uhr richtig zur Sache, an Praxistagen auch einmal bis 22.30 Uhr. Der Höhepunkt war die praktische Prüfung: Es galt, ein männliches und ein weibliches Modell völlig neu zu schneiden und zu stylen, vom Schnitt bis hin zu Makeup und Nageldesign bei der Frau. Dem Ganzen musste man ein selbst gewähltes Thema als Rahmen setzen; üblich waren etwa Hochzeit, Abiball, Oscarverleihung oder Casino.

Das alles war Chiaras Vater nicht originell genug, er drängte sie, sich etwas Ausgefalleneres zu überlegen. So entstand das Motto „Herbst-Fotoshooting für die Vogue“. Helmut Reichelt fungierte dabei als männliches Modell wie auch als Fotograf. „Er hat vielleicht etwas übertrieben“, sagt Chiara lachend, als sie schildert, wie er sich extra eine Fotoausrüstung samt Fotografen-Ausweis und -Anstecker zugelegt und sogar einen Vogue-Schriftzug aufs Auto geklebt hatte.

„Meine Mitschülerinnen glaubten, da kommt wirklich einer von der Vogue.“ Anfang Dezember hatte sie den Meistertitel, gönnt sich derzeit eine kleine Auszeit und will ab Februar im Familienbetrieb praktische Alltagserfahrung sammeln. Später sollen Spezialisierungs-Seminare dazukommen wie der „Master of Colour“ oder Visagistin. Etliche Kunden warten schon auf die junge, enthusiastische Meisterin.

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