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Menschen im Ries

06.01.2019

Diese Nördlingerin baut Brücken über Abgründe

Waltraud Englisch etablierte vor 20 Jahren den Kinderschutzbund Donau-Ries.
Bild: Ronald Hummel

Waltraud Englisch leitete 20 Jahre lang den Kinderschutzbund Donau-Ries. Wie alles anfing und was die Kernaufgabe der Organisation wurde.

Anfang der 90er Jahre lernte die in Treuchtlingen geborene, aber schon lange in Nördlingen lebende Waltraud Englisch jemanden vom Kinderschutzbund in Dillingen kennen. Die Qual von Kindern aus zerrütteten Familien berührte sie sehr, und so entstand ihr Leitspruch: „Ich will jemand sein, der hilft.“ Englisch, im Berufsleben versierte Feinkost-Fachverkäuferin, packte es gleich professionell an und begann 1992 eine dreijährige Ausbildung in Dillingen, um den belastenden Anforderungen gewachsen zu sein. Danach hegte sie den Wunsch, in Nördlingen eine Anlaufstelle des Kinderschutzbundes zu etablieren. Damals spielten sich die Probleme der betroffenen Kinder hinter verschlossenen Türen ab, die Öffentlichkeit nahm bei Weitem nicht so großen Anteil wie heute. Jemand riet ihr: „Wenn du das bekannt machen willst, veranstalte ein Fest.“

Kinderschutzbund: Grundstein bildete sich schnell

So bat sie den Schützenverein in Deiningen, dessen Zelt nach einem eigenen Fest nutzen zu dürfen und schaffte es, den damaligen Landrat Alfons Braun für die Eröffnungsrede zu gewinnen. Der schoss weit über das Ziel hinaus, regte gleich die Gründung des Kinderschutzbundes Donau-Ries an und warb vehement für Mitstreiter. Die fanden sich an Ort und Stelle, unter anderem der Sozialpädagoge Walter Fograscher, die Kindergärtnerin Ingrid Baar oder die Lehrerin Elisabeth Stannek und andere, die den personellen Grundstein bildeten und alle sofort eine entsprechende Ausbildung machten.

Die Rieser Nachrichten berichteten über das Fest, und als der Apotheker Michael Frickhinger darüber las, stellte er ein leer stehendes Haus am Obstmarkt zur Verfügung. Der Zentralverband forderte, dass sich die Nördlinger Niederlassung erst einmal ein Jahr lang durch Öffentlichkeitsarbeit wie Diskussionen an Schulen etablieren musste. 1998 wurde dann der deutsche Kinderschutzbund Donau-Ries gegründet, mit Waltraud Englisch als Vorsitzender. Ein Gebraucht-Kleidermarkt in den neuen Geschäftsräumen an der Kaiserwiese kam sehr gut an; das eingenommene Geld floss zum einen in die Ausbildung der Mitglieder, zum anderen kam es Kindern aus Problemfamilien zugute, denen beispielsweise Schwimmunterricht oder ein Besuch in einem Abenteuerpark ermöglicht wurde.

Der begleitende Umgang als Kernaufgabe

Kernaufgabe war und ist aber der begleitende Umgang: Hat nach einer Trennung ein Elternteil eingeschränktes Besuchsrecht und sind die Eltern unversöhnlich zerstritten, werden von Jugendamt oder Familienrichter erst Gespräche, dann Besuche in den Räumen des Kinderschutzbundes in Auftrag gegeben. „Man muss stabil sein“, sagt Waltraud Englisch zu dem blanken Hass, der hier aufeinanderprallt, oft auch mit dem ganzen familiären Umfeld der verstörten Kinder, das die Kontrahenten massiv beeinflusst.

Und doch gelingt es immer wieder, mit einfühlsamen, aber dennoch strengen Worten in die Seelen zu treffen und Brücken über die Abgründe zu bauen – in 70 Prozent der Fälle klappt die Überführung zum offenen Umgang ohne notwendige Begleitung von außen. „Es ist die größte Belohnung, wenn beispielsweise Mitarbeiter des Jugendamtes Vater, Mutter und Kinder gemeinsam im Restaurant sehen, bei uns anrufen und staunen: „Wie habt ihr denn das geschafft?“

Als Anerkennung erhielt Waltraud Englisch 2012 eine Trophäe der Fürstin Wilhelmine Stiftung Wallerstein als „Heldin im Alltag.“ Das 20-jährige Jubiläum nahm sie zum Anlass, den Vorsitz an Isabel Groß weiterzugeben. Dennoch widmet sie sich nun nicht nur ihrem Mann, den drei Kindern, sieben Enkeln und einem Urenkel: „Für den begleitenden Umgang bleibe ich noch erhalten.“

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