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Nördlingen

23.10.2017

Ein Mikro-Schatz aus dem Rieskrater

In starker Vergrößerung erkennt man den Riesit als kleines Kristallkorn, das in den Schmelzadern des Suevit eingelagert ist.
Bild: California Institute of Technology

Mit der Entdeckung eines neuen, einzigartigen Minerals, dem „Riesit“, entzückt die Region erneut die Fachwelt. Was es mit dem Gestein auf sich hat.

Wer an der Georgskirche in Nördlingen vorbeikommt, kann heute noch die Folgen des Asteroideneinschlags vor 15 Millionen Jahren begutachten. Quader für Quader ist das Gotteshaus aus einem Stein gebaut, der erst in Folge jener kosmischen Katastrophe entstanden ist: der Suevit oder Schwabenstein. Dass er nicht unbedingt das beste Baumaterial ist, zeigen die vielen Stellen, an denen er inzwischen durch andere Steine ersetzt ist, denn die Luftverschmutzung unserer heutigen Zeit setzt ihm zu. Doch das konnte im Mittelalter noch niemand ahnen und deshalb sieht man die Georgskirche selten völlig frei von Baugerüsten.

Ein Forschungsgegenstand namhafter Geologen ist der Suevit aber bis heute. Wer den Stein genauer betrachtet, kann die poröse Struktur des Materials erkennen, mit vielen kleinen, unregelmäßigen Hohlstellen. Was sich aber bereits dem bloßen Auge entzieht und das Interesse der Wissenschaftler weckt, das sind kleine, nur unter dem Mikroskop sichtbare Gesteinsadern, in denen bereits verschiedene Minerale gefunden wurden. Am spektakulärsten ist bis heute die erste Entdeckung gewesen, denn sie stellte gleichzeitig die gesamte bis dahin bestehende Rieskrater-Forschung auf den Kopf: Im Jahr 1960 konnte Eugen Shoemaker, nach dem der Platz vor dem Rieskrater Museum benannt ist, in einer Gesteinsprobe aus dem Suevit-Steinbruch von Otting ein neues Mineral nachweisen, das den Namen Coesit trägt. Dieses entsteht unter hohem Druck und bei hohen Temperaturen aus Quarz. Ein Druck in dieser Stärke kann an der Erdoberfläche nur durch Einschläge von Asterioden oder Kometen entstehen. Das Ries, das man bis dahin für einen Vulkankrater hielt, wurde somit zum Einschlags- oder Impaktkrater und damit auch zu einem internationalen Forschungsobjekt. Auch weitere Untersuchungen waren von Erfolg gekrönt und so finden sich im Suevit des Rieses inzwischen die meisten Hochdruckminerale unter allen 190 Impaktkratern der Erde. Ihre Bezeichnungen lesen sich für den Durchschnittslaien so fremdartig wie eine Aufzählung von Rheuma-Präparaten. Nur bei einem Namen stockt der Blick und löst ein beeindrucktes Staunen aus: Diamant. Das wohl bekannteste Hochdruckmineral, entstanden aus Graphit, lässt sich auch im Rieskrater nachweisen, wenn auch nur in einer Größenordnung von Mikrometern, also Bruchteilen von Millimetern.

Seit Januar diesen Jahres ist das Ries nun auch selber Namensgeber für ein neues Hochdruckmineral, das von Dr. Oliver Tschauner, Las Vegas und seinem Kollegen Dr. Chi Ma, Pasadena neu entdeckt wurde: der in einer Gesteinsprobe aus Zipplingen gefundene und von seinen Entdeckern benannte Riesit. Möglich gemacht hat den Erfolg eine Untersuchungsmethode, bei der nicht Licht- oder Elektronenstrahlen, sondern die sogenannte Synchrotron-Strahlung zum Einsatz kam, wie Prof. Dr. Dieter Stöffler vom Museum für Naturkunde in Berlin erklärt, der die Untersuchung des Rieser Gesteins angeregt hatte. „Diese Technik hat den Vorteil, dass sie das Material bei der Untersuchung nicht erhitzt, sodass es nicht zerstört wird, bevor man es entdecken kann.“ Der Forscher geht davon aus, dass es Riesit auch in anderen Impaktkratern gibt, nur wüsste man das mangels Untersuchungen eben noch nicht. Bis dahin bleibt das Ries zunächst einmal der einzige Ort auf der Welt, für den der Riesit nachgewiesen ist, und das Reich der Mineralien, von denen es über 5200 verschiedene gibt, ist um ein Exemplar reicher.

Doch was passiert nun mit der Gesteinsprobe, die die winzigen Riesit-Kristallkörner enthält? Als Belegprobe und damit wichtiges Dokument erhalte jeder Stein, der eine Entdeckung birgt, eine Art Inventarnummer und werde an seiner jeweiligen Forschungseinrichtung quasi als Beweisstück hinterlegt, beschreibt Gisela Pösges vom Rieskrater Museum in Nördlingen die übliche Vorgehensweise. Dort müsse er allen Wissenschaftlern für weitere Forschungen und Vergleiche zugänglich sein. Sich den Stein auch als Laie anzuschauen, ist also gar nicht so leicht möglich. Doch vielleicht kann er eines Tages zumindest für eine Zeit lang als Leihgabe an den Ort seines Ursprungs zurückkehren und dann im Rieskrater Museum bestaunt werden.

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