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Justiz

24.01.2020

Ein Prozess, den keiner will

Der Fall eines geworfenen Glases wurde vor dem Amstgericht Nördlingen verhandelt.
Bild: Wolfgang Widemann (Symbolbild)

Plus Zwei Männer stehen vor Gericht, weil einer den anderen auf der Mess’ mit einem Glas beworfen hat. Doch der Geschädigte hat eigentlich gar kein Interesse an einer Strafverfolgung.

Besucher trinken auf der Nördlinger Mess’ gerne mal eine Maß Bier oder ein anderes kühles Getränk. Die meisten Gäste stoßen friedlich miteinander an, doch gelegentlich fliegen die Gläser auch mal durch die Gegend. So geschah es im vergangenen Jahr, als ein Mann laut Polizei nach einer Frau ein Schnapsglas warf. Und auch im Jahr davor flog ein Glas auf dem Volksfest. Um diesen Glaswurf ging es nun vor dem Nördlinger Amtsgericht. Der Angeklagte, ein heute 27-Jähriger, warf laut Staatsanwaltschaft ein Cocktailglas nach einem Mann. Auch wenn es zu keiner schlimmen Verletzung gekommen sei, habe der 27-Jährige eine Verletzung billigend in Kauf genommen. Ihm wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Der Angeklagte erzählte, dass er damals den linken Arm in einer Schlinge getragen habe. An einer Stelle im Zelt sei es eng gewesen, er wollte zu seiner Familie, die zwei Tische reserviert hatte. Als er dann an einer Gruppe von Leuten vorbeiging, habe er jemanden berührt. Die Person habe sich wohl angegriffen gefühlt und ihn weggestoßen, sagte der Zeuge. Seine Schwester sei dazugekommen und im Verlauf des Streits so geschubst worden, dass sie auf den Boden fiel. Daraufhin habe er ein Glas genommen und nach dem Mann geschmissen, aber den dahinter stehenden Sohn getroffen – auf Höhe der Hüfte, nicht am Kopf, schildert der 27-Jährige.

Nach der Entschuldigung sei die Sache erledigt gewesen

Der Getroffene sagte dagegen, dass er an der Stirn getroffen worden sei und etwa eine Woche lang eine Beule gehabt habe. Er räumte aber auch ein, dass sich der Angeklagte wenige Minuten später bei ihm entschuldigt habe. „Für mich war das damals gegessen“, sagte der ebenfalls 27 Jahre alte Zeuge.

Ein Prozess, den keiner will

Dieser Satz leitete eine kuriose Wende in der Verhandlung ein. Es stellte sich heraus, dass der Beworfene den Werfer gar nicht zur Rechenschaft ziehen wollte. Teilweise konnte sich eine Gruppe Schüler aus Donauwörth, die den Tag bei Gericht verbrachte, sich ein Kichern nicht verkneifen. Staatsanwalt Daniel Grimm fragte den Zeugen: „Haben Sie überhaupt Interesse an einer Strafverfolgung?“ Der Geschädigte verneinte. Und warum habe er dann überhaupt den Antrag gestellt? „Ich war damals bei der Polizei vorgeladen, und wenn er meint, er muss mich anschwärzen, dann sag’ ich halt, wie es war“, so der Zeuge.

Staatsanwalt und Anwalt verhandeln

Damit bezog er sich auf eine Vorgeschichte, die der Anwalt des Angeklagten zu Beginn der Verhandlung beschrieben hatte. Demnach seien bei einer Auseinandersetzung zwei Frauen verletzt worden, ihre Wunden hätten genäht werden müssen. In einer anderen Verhandlung hätte kein Täter ermittelt werden können. Doch vier Wochen nachdem dieser Fall aufkam, sei die Anzeige wegen des geworfenen Glases gestellt worden. „Aus unserer Sicht ist das eine Retourkutsche“, sagte Anwalt Georg Zengerle.

Nachdem aber klar war, dass der Mann eigentlich gar kein Interesse hatte, gerichtlich gegen den Angeklagten vorzugehen, begannen die Verhandlungen über das Strafmaß zwischen Anwalt Zengerle und Staatsanwalt Grimm.

Nicht wie auf dem Viehmarkt

Der sagte, dass der Fall schon eineinhalb Jahre her sei und weitere Zeugenaussagen nicht unbedingt mehr Klarheit in den Fall brächten. Allerdings habe der Angeklagte eben auch das Glas geworfen, ganz abtun könne man den Fall nicht. Anwalt Zengerle gab zu bedenken, dass sein Mandant zwar relativ gut verdiene, aber auch hohe Schulden von einem Hauskauf abbezahlen müsse.

Nach einigem Hin und Her einigten sich Anwalt, Staatsanwalt und Richterin Katrin Wegele auf eine vorläufige Einstellung des Verfahrens für eine Geldauflage in Höhe von 3000 Euro, die an eine gemeinnützige Einrichtung bezahlt werden.

Staatsanwalt Grimm wandte sich auch noch an die Schüler: Auch wenn es so aussehe, bei Gericht werde nicht gehandelt wie beim Viehmarkt. In diesem Fall sei es so, dass beim Angeklagten ein Umdenken stattgefunden habe und sich dieser kurz nach dem Vorfall entschuldigt habe. Das müsse man berücksichtigen.

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