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Hainsfarth

11.08.2019

Ein alter Zirkuswagen wird ihr Haus

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2 Bilder
Jean-Marc von Eulenburg und Franziska Höhenberger bauen sich ihr eigenes Haus, in dem sie nur sehr begrenzten Platz haben.
Bild: Jan-Luc Treumann

Plus Frenny und Joey wollen in einem winzigen Haus leben und bauen dieses auf dem Anhänger eines alten Zirkuswagens. Das machen sie ohne Kredit und ohne Ersparnisse.

Ein Hausbau ist grundsätzlich ein Abenteuer. Ein ganz spezielles wagt ein Paar aus dem Nordries: Sie bauen sich ein winziges Haus auf Rädern. Dass es kein normales Haus ist, wird bereits am Bauort klar: Ihr Haus steht in einem Unterstand in Hainsfarth, später soll es dann nach Dornstadt transportiert werden. Es ist ein sogenanntes Tiny House.

Doch Franziska Höhenberger, die zusammen mit ihrem Freund das Haus baut, mag den Begriff nicht. „Ich muss da immer lachen, Tiny House ist so ein neumodischer Hipsterkram. Da kaufen sich Leute, die das alternative Leben nicht verstehen, für 60.000 Euro ein Tiny House und stellen es sich irgendwo hin“, sagt Höhenberger. Was sie stattdessen sagt? „Wir bauen uns einen Zirkuswagen aus.“ Derzeit arbeiten sie an den Holzrahmen für das Haus.

So ist die Idee zur kleinen Wohnung entstanden

Die Idee zu ihrer kleinen Wohnung ist bei Franziska Höhenberger und Jean-Marc von Eulenburg, die lieber Joey und Frenny genannt werden wollen, nach ihrer Zeit auf der Walz entstanden. Frenny ist Polsterin, Joey Zimmermann, und sie waren viereinhalb beziehungsweise fünf Jahre lang unterwegs. Auf Wanderschaft lernten sie Leute kennen, die in Minihäusern wohnten, übernachteten dort selbst.

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Joey sagt über diese Zeit: „Man hat gemerkt, dass man gar nicht so viel braucht, wie man denkt, und kommt mit wenig klar.“ Und auch der Umweltgedanke spielt für die beiden eine Rolle: „Brauche ich zu zweit ein Einfamilienhaus? Nein“, beantwortet sich Frenny ihre Frage gleich selbst. Fenster, Türen und Einrichtung kaufen sie gebraucht, wenn es möglich ist.

Ein weiterer Aspekt für den Bau ist die Zeit, die sie in der Wohnung verbringen. Höhenberger sagt, sie wolle keine tausende Euro im Jahr an Miete zahlen, „für eine Wohnung, in der ich nur schlafe.“ Aber lebt man nicht auch in einer Wohnung? „Leben die Leute darin wirklich? Sie arbeiten zwölf Stunden, kaufen ein, kommen nach Hause, essen, gehen duschen und dann ins Bett.“

Zimmerei in Möttingen bietet Tiny-House an

Ein Tiny House bietet auch die Zimmerei Enßlin in Möttingen an. Die Frage, was ein Tiny House ist, ist für Stefan Enßlin schwer zu beantworten: „Es gibt keine Absprache der Tiny-House-Bauer, wie ein solches Haus aussieht. Jeder Nutzer kann sich das ganz individuell zusammenstellen lassen“, sagt er. Gabriele Hoidn vom Landratsamt Donau-Ries sagt, dass Tiny Houses baurechtlich „nach den Vorschriften des Baugesetzbuches und der Bayerischen Bauordnung geprüft werden müssen. Dies ist jedoch nur im jeweiligen Einzelfall anhand der konkreten Gegebenheiten möglich.“

Stefan Enßlin sieht grundsätzlich mehrere Gründe für den Kauf oder Bau eines kleinen Hauses: „Wohnraum ist in Ballungsgebieten unmöglich zu bekommen“, sagt er. Wenn doch, sei dieser kaum noch bezahlbar. Er will auch einen Trend erkennen, dass Leute weniger Eigentum wollen: „Grundstücke mit 1000 Quadratmetern, bei denen man drei Tage Arbeit mit dem Garten hat, ist selbst bei Einfamilienhäusern kein Thema mehr.“

Erst recht nicht bei Joey und Frenny. Deswegen arbeiten sie gerade an ihrem Traum vom eigenen Haus. Einem kleinen Haus eben. Sie haben einen Anhänger, der früher einem Zirkus gehört hat: 11,20 Meter lang, 2,50 Meter breit – beziehungsweise 2,55 Meter darf das Haus breit sein. Bei so einem Projekt komme es auf jeden Zentimeter an.

Tiny-House: An eine Seite kommt ein Erker

„Es war anstrengender, das Ding zu planen, als ein Wohnhaus. Denn man hat nur einen ganz begrenzten Raum, an die 2,55 Meter musst du dich halten. Bei einem Wohnhaus kannst du einfach mal zehn Zentimeter mehr machen, gibst deinen Bauantrag ab und der wird genehmigt oder auch nicht“, schildert Joey. Deswegen versuchen sie, jeden Platz zu nutzen. Das Bett? Ist nur zum Schlafen, braucht nicht so viel Platz. Nischen nutzen, Schubladen einbauen, überlegen, was man wirklich braucht und wie es sinnvoll angeordnet werden kann.

Dazu kommt der eine oder andere Trick: „Wir bauen an der Seite einen Erker ein, den wir rausschieben können. Das ist vom Prinzip wie eine Schublade“, sagt Joey. Zwar würden sie dadurch innen zunächst an Raum verlieren, doch der Erker werde nur für den Transport eingeschoben.

Denn das winzige Haus soll auf dem Gelände von Franziska Höhenbergers Vater stehen, der in Dornstadt eine Gaststätte hat. „Da ist auch meine Werkstatt“, sagt die Polsterin. Noch wohnen sie dort in einem Gästezimmer. „Momentan spielt sich alles in dem Zimmer ab. Wir wollen etwas eigenes“, schildert die 29-Jährige. Dort hätten sie dann mehr Platz als derzeit. Und sie freut sich auf noch etwas: Sie sei jahrelang bei anderen zu Gast gewesen: „Ich kann dann mal selber Gastgeber sein.“ Als Erstes bauen sie das Schlafzimmer im Zirkuswagen aus, dann können sie bereits einziehen. Wenn alles klappt, ist das im Oktober der Fall.

Das Tiny-House soll im Frühjahr fertig sein

Anschließend kommt der Badeinbau und dann der Rest des Hauses. Komplett fertig soll es im Frühjahr sein. Ihr Haus finanzieren sie sich durch ihre Arbeit, einen Kredit wollen sie nicht aufnehmen. „Rücklagen hast du nicht, wenn du von der Walz kommst. Man muss schauen, dass man sich das erarbeitet“, sagt Frenny. Jahrelang kamen die beiden auf ihrer Wanderschaft mit wenig aus, sind mit kaum etwas losgegangen und doch war selbst das zunächst zu viel, berichtet Joey: „Am Anfang hatte ich 20 Kilo Gepäck, weil ich es wichtig fand, viel Werkzeug dabeizuhaben.

Wenn du das zu Hause hochhebst, geht das schon. Wenn du damit drei Stunden läufst, denkst du: ,Was mache ich da?’ Die ersten Kilometer waren die Hölle.“ Frenny gibt auch noch zu bedenken: „Das ist auch kein supertoller Rucksack, wir tragen den traditionell über einer Schulter.“

Die Rückkehr 2018 nach Hause war für Franziska Höhenberger nicht so leicht. „Ich bin im Oktober angekommen und im November habe ich das Gefühl bekommen, ich muss wieder weg. Deswegen war ich dann auch noch mal im Januar und Februar unterwegs“, sagt die Polsterin. Joey kennt das Gefühl: „Man denkt sich, es könnte jetzt mal wieder was passieren, ein Abenteuer. Jetzt ist der Bauwagen unser Abenteuer.“

Franziska Höhenberger und Jean-Marc von Eulenburg bauen sich einen Bauwagen zum Haus aus.
Video: Jan-Luc Treumann
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