1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Ein pragmatischer Politiker: Karl Heinz Lemmrich

04.09.2010

Ein pragmatischer Politiker: Karl Heinz Lemmrich

Ein pragmatischer Politiker: Karl Heinz Lemmrich
2 Bilder
Der frühere Bundestagsabgeordnete Karl Heinz Lemmrich (83) lebt jetzt in Sauerlach (zwischen München und dem Tegernsee). Unser Bild rechts zeigt ihn zu aktiven politischen Zeiten: Zum 60. Geburtstag bekam Karl Heinz Lemmrich ein Fahrrad geschenkt, mit dem er heute noch ab und an unterwegs ist. Die Geburtstagsfeier fand im Donauwörther Tanzhaus statt. Mit auf dem Bild sind (von links): Theo Waigel (CSU), Dr. Anton Dietrich (Landrat Dillingen), Lemmrich, teilweise verdeckt Ludwig Schwarm (CSU Kreisvorsitzender) und Wirtschaftsminister Anton Jaumann. Fotos: privat/Sisulak

Sauerlach/Nördlingen Der 83-jährige Karl Heinz Lemmrich war von 1961 bis 1988 Mitglied des Deutschen Bundestages, ab 1965 vertrat er als Abgeordneter den Landkreis Donauwörth beziehungsweise Donau-Ries. Seit diesem Jahr war er auch Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarates und der Westeuropäischen Union. Ab 1976 saß er dem Verkehrsausschuss im Bundestag vor. Sogar seine Gegner schätzten ihn als besonders fleißigen, pragmatischen Politiker, der sich an langfristigen Strategien orientierte. Die Rieser Nachrichten fragten ihn unter anderem, ob er seine langfristigen Ziele verwirklicht sieht und wie er im Vergleich zu damals den heutigen Politikstil einschätzt.

RN: Herr Lemmrich, zunächst ein aktueller Bezug zur Vergangenheit: Sie hatten als Mitglied im Verwaltungsrat der Deutschen Bundesbahn viel mit Thilo Sarrazin zu tun?

Lemmrich: Ja, er war Mitglied des Bundesfinanzministeriums. Ich lernte ihn als Mann mit klaren, eindeutigen, nüchternen und realistischen Definitionen kennen.

RN: Was halten Sie von der derzeitigen Diskussion um seine Thesen?

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Lemmrich: Ich halte es allgemein für unangebracht, in welchem Umfang sich Spitzenpolitiker dazu äußern. Inhaltliche Punkte wie Erbanlagen sind Naturgesetze, die kann man nicht durch politische Beschlüsse ändern. Zumal in der Diskussion auf Inhalte ja kaum noch eingegangen wird, man schießt sich nur auf die Person Sarrazin ein.

RN: Unabhängig von den Inhalten gibt es viele, die Sarrazins konsequente Offenheit schätzen. Ist das eine Erscheinung im Zeitalter der political correctness, dass Politiker solche Offenheit zusehends vermeiden?

Lemmrich: Es gab schon immer Politiker, die "gestanden" waren und andere, die nichts herauslassen, was der Karriere schädlich sein könnte. Das ist heute so wie früher. Franz Josef Strauß hat Offenheit geschätzt und trotzdem gab es auch damals viele sehr vorsichtige Politiker.

RN: Was hat sich dann im Polit-Stil geändert? Die Kurzfristigkeit, die heute so viel kritisiert wird?

Lemmrich: Das hat höchstens tendenziell zugenommen. Man muss ja bedenken, dass die Probleme heute ganz anders liegen als früher. Zum Beispiel beim Thema Rente: Früher gab es viel mehr Kinder als heute und man musste die Rentenversicherung im Durchschnitt acht Jahre lang ausbezahlen. Heute sind es 18 Jahre. Das kann man nur ausgleichen, indem man die Arbeitszeit verlängert und die Steuerlast erhöht.

RN: Sie pflegten ja mit Ihrem naturgemäßen Gegner, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Axel Wernitz, einen Gentleman-liken Umgang. Wurde so etwas früher mehr gepflegt als heute?

Lemmrich: Das ist keine Zeiterscheinung, sondern eine Frage der persönlichen Wertschätzung. Ich schätze Herrn Wernitz heute noch als echten Sozialisten im Stil eines Georg Leber.

RN: Sie wechselten 1988 nach Ihrer politischen Karriere zur Rhein-Main-Donau-AG. War das nicht ein Widerspruch in Ihrem idealistischen Denken?

Lemmrich: In keiner Weise, im Gegenteil. Ich finde es richtig, wenn man seine Erfahrung in die Wirtschaft einbringt. Ich habe es ja auch umgekehrt gehalten und meine Erfahrung als Ingenieur für Straßen- und Brückenbau in die Politik eingebracht. Hier sehe ich einen Unterschied zu früher - heute ist man während seines akademischen Studiums schon auf die Karriere als Politiker eingestellt. Da mangelt es oft an einer gewissen Lebenserfahrung.

RN: Sie waren ja lange Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. Sehen Sie Ihre langfristigen Vorstellungen heute verwirklicht?

Lemmrich: Ja, Deutschland hat im Großen und Ganzen eine beeindruckende Infrastruktur. Als Fortschritt empfinde ich es, dass man die langfristigen Ausbaupläne vom Straßenverkehr auf die Bahn erweitert hat.

RN: Wie stehen Sie zur Mautpolitik?

Lemmrich: Grundsätzlich finde ich die Autobahn-Maut für Lkw richtig und gerecht. Das Problem ist der Ausweichverkehr auf Bundes- und Landstraßen.

RN: Wie sollte man dieses Problem angehen?

Lemmrich: Man sollte von Fall zu Fall hinsichtlich der Verkehrsströme handeln. Stark vom Ausweichverkehr betroffene Bundesstraßen wie beispielsweise die B 16 könnte man durchaus mit einer Maut belegen. Entwickeln sich neue Verkehrsströme, kann man wieder genauso individuell reagieren.

RN: Wie standen Sie damals und wie stehen Sie heute zur Ries-Autobahn?

Lemmrich: Ich hatte zusammen mit Wirtschaftsminister Anton Jaumann die Ries-Autobahn befürwortet. Natürlich war uns klar, dass die hervorragenden landwirtschaftlichen Böden eigentlich zu schade dafür gewesen wären. Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass die Entwicklung der A 7 eine vernünftige Lösung war. Nordschwaben ist generell gut erschlossen, so hat die A 2 bis Donauwörth ja autobahnmäßigen Charakter.

RN: Wie beurteilen Sie als einstiges Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates die Entwicklung Europas heute?

Lemmrich: Es bereitet mir Kümmernisse, wenn ich sehe, was hier von hoch bezahlten Beamten am grünen Tisch fabriziert wird. Die Bürokratie ufert einfach aus. Dabei war es zu meiner Zeit schon schlimm: eine Verordnung zur Anbringung von Überrollbügeln an Kleintraktoren umfasste 26 Seiten. Das ist übrigens abgelehnt worden.

RN: Wie sollte die Entwicklung weitergehen?

Lemmrich: Wichtig wäre nicht eine unermessliche Erweiterung der EU, sondern zunächst einmal eine Vertiefung. Ansonsten wollen zu viele einfach nur an die Fleischtöpfe.

RN: Was verbindet Sie heute noch mit Nördlingen?

Lemmrich: Ich besuche oft Hans Lachenmayer, den ich sehr schätze. Ich hatte lange Zeit noch viel mehr Kontakte hierher wie zu Hermann Keßler, aber das wird naturgemäß eben immer weniger.

RN: Wie leben Sie heute in Sauerlach (zwischen München und dem Tegernsee)?

Lemmrich: Seit dem Tod meiner Frau vor 13 Jahren führe ich meinen Haushalt selbst, meine berufstätige Tochter wohnt ebenfalls im Haus. Mein Sohn wohnt mit seinen drei Kindern eine Autostunde entfernt in Rott am Inn, wir besuchen uns gelegentlich gegenseitig. Ansonsten wandere ich täglich, die Gegend hier ist herrlich dafür. Nach wie vor verreise ich gerne, oft nach Südtirol. Und ich lese viel. Ich will ja politisch auf dem Laufenden bleiben. (hum)

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
leit76235752323_015.jpg
Polizeireport

Junge Frau nach Unfall auf B29 schwer verletzt

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen