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Straßennamen im Ries

18.05.2019

Ein rätselhafter Straßenname in Munningen

Das Straßenschild Nachthaube in Munningen, links der Kirchturm der evangelischen Friedenskirche.
Bild: Ferber

In Munningen fragt sich so mancher, woher die Bezeichnung „Nachthaube“ kommt. Mit einer Kopfbedeckung hat der Name wenig zu tun, viel mehr dagegen mit Kühen.

An der langen Dorfstraße Munningens, einer einstigen Römerstraße, zeigt kurz vor dem südlichen Ortsende links ein Doppel-Straßenschild in Richtung „Nachthaube“. Einheimische wie Auswärtige denken beim Lesen dieses seltsam lautenden Gassennamens an verschiedene Begriffe. Sie reichen von der Kopfbedeckung im Bett über chirurgische Bandagen bis hin zur bekannten Schlafmütze.

Bei Fragen zur Wortbedeutung nannten Interessierte wiederholt Bilder, an die sie sich erinnerten: So zum Beispiel „der arme Poet“ mit Schlafhaube und Schirm im Bett aus einer Gemäldereihe von Spitzweg oder Grimms Märchen „Rotkäppchen“, mit dem mit einer Betthaube getarnten Wolf. Als Symbol der Nachtruhe wurden der „Mond mit Schlafmütze“ und das Merkmal des „deutschen Michels mit Zipfelkappe“ im Bereich der politischen Karikatur genannt. Die bisher interessanteste Frage stellte im vergangenen Sommer ein durchradelnder Augsburger Tourist, ob in dieser Gegend früher viele so genannte Schlafhauben wohnten. Im Ries und süddeutschen Raum werden allgemein heute noch Langschläfer sowie langsame oder schwerfällige Menschen als solche bezeichnet. Alle geäußerten Annahmen sind jedoch unzutreffend.

Der Gassenname ist ein sprachlicher Rest von der Bezeichnung des südlich anliegenden einstigen mittelalterlichen Geländeareals, welches als Nachtweideplatz, dem tagsüber arbeitenden Anspann-Vieh (Ochsen und Kühe) diente. Er leitet sich vom mittelhochdeutschen „naht-houbet“ ab. Das Grundwort „houbet“ bezeichnete eine bestimmte Anzahl von Menschen oder Tieren, bildlich auch die oberste, äußerste oder hervorragende Stätte eines Ortes.

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Im Bestimmungswort „naht“ wurde die Nutzungszeit der Einrichtung bei Nacht genannt, wozu auch Dämmerung und Morgenfrühe zählten. Die Größe des mit einer Hecke umfriedeten Platzes betrug zwei Morgen (drei Tagwerk), lag für die Hirtschaft günstig dorfnah und hatte durch die östlich anliegende „obere Wörth-Wette“ direkten Zugang zur Viehtränke in der Wörnitz.

Mit einer Flächenabteilung in zwei Parzellen wurde ein zweijähriger Platzwechsel praktiziert. Dieser diente der Düngung durch Beweidung mit Schafen und Gänsen. Die Entstehungszeit der Nachthaube kann im Rahmen des oberen Dorfausbaues im 13. Jahrhundert angenommen werden. Sie stand ursprünglich nur den Hofstätten des alten Meierhofverbandes zur Verfügung. 1353 verkaufte der Ortsritter Grundold von Munningen als Grundherr die Nachthaube an die Gemeinde Heuberg. Diese übereignete sie an die Pfarrei St. Jakob Oettingen als Ablösesumme zur Abtrennung Heubergs und Errichtung einer eigenen Pfarrei.

Als Teil des Oettinger Pfarrlehens wurde dem Platz Hofstatt- und Gartenrecht (Besiedlungsrecht) und ein Teilnutzungsrecht zur Heugewinnung eingeräumt. Es wurden dadurch die Hofstätten Hausnnumer 39 und 40 eingerichtet. Mit der Landaufteilung des Meierhofes und des Verkaufs der Wiedenhofgüter ab 1459 (320 Tagwerk) durch die Oettinger Grafen und das Kloster Mönchsdeggingen an die Söldeninhaber (Kleinlandwirte) dehnte sich der Viehbestand der Gemeinde stark aus. Die notwendige Erschließung größerer Nachtweideplätze erfolgte in den Flurteilen „Nabet“ und „Lach“. Nach Aufhebung der Fron-, Zehnt-und Grunddienstlasten 1848 ging der Nachthaubengrund in das Eigentum der bisherigen Leheninhaber über. Laut Aufzeichnungen des Oberamtes Oettingen betrug der Milchviehbestand der 84 Hofstätten vor dem Kriegsjahr 1634 insgesamt 182 Kühe. 1938 wurde die Spitze des Orts-Rindviehbestandes aller Zeiten mit 937 Tieren erreicht. Der heutige extrem geringe Kuhbestand der Gemeinde liegt weit unter der Nutzungsdichte in der Nachthaube der mittelalterlichen Entstehungszeit.

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