Konzert

29.09.2017

Eine Frühform der Oper

Das Ensemble „musica cubicularis“ mit (von links) Domen Marincic (Cembalo), Theresa Dlouhy (Sopran), Matthew Baker (Bass) und Tomaz Sevsek (Truhenorgel) in der Auhausener Klosterkirche.
Bild: Friedrich Wörlen

In Auhausen wurde Musik präsentiert, die einst eine besondere Aufgabe hatte

Es hatte Anzeichen dafür gegeben, dass sich in der Klosterkirche von Auhausen Ungewöhnliches ereignen würde: Das Ensemble „musica cubicularis“ war angekündigt. Es kommt aus Slowenien und versteht seinen Namen entgegen anderslautenden Vorschlägen als internationalen Ausdruck für „Kammermusik“ oder ganz allgemein für Musik in kleiner Besetzung. Der Titel des Konzerts „Geistliche Dialoge des 17. Jahrhunderts“ ließ auf musikalische Nischenprodukte schließen. Jürgen Sellnow vom Verein Musica Ahuse charakterisierte in seinen Begrüßungsworten die angekündigte Musikgattung als Frühform der Oper.

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Szenenartiger Wechselgesang von jeweils zwei Personen in Frage- und Antwortform, ausschließlich und deutlich textbezogene musikalische Gestaltung – in der Regel ohne ausgedehnte Wiederholungen – und quasi-dramatische Entwicklung der vorgetragenen Szene von einem Eingangsgedanken über Argumente und Gesichtspunkte zu einem klar angestrebten Resümee – all das hebt die angebotenen Stücke von den bis zu ihrer Entstehungszeit üblichen Musikgattungen ab.

Vier Solisten auf der Bühne

Eine Frühform der Oper

Vier Solisten traten auf: Die Wiener Sopranistin Theresa Dlouhy und der aus Australien stammende, in den Niederlanden ausgebildete und wohnhafte Bassist Matthew Baker führten als „dramatis personae“ die musikalisch ausgestalteten Zweierszenen dar. Gott und Kain („O Cain, ubi est frater tuus?“), Jesus und Petrus („Petre, amas me?“), der zerknirschte Sünder und der zunächst zürnende, dann Vergebung spendende Christus („Arma, arma“), Christus und Maria Magdalena (Mulier, cur ploras hic“), wurden jeweils als Gesangsduo auf die „Bühne“ gebracht. Aber auch ein Psalmtext („Quemadmodum desiderat …“), eine jubelnde Paradiesvision („Hodie apparuerunt …“) oder ein Buß-, Vergebungs- und Erlösungsszenario („Cadite montes ...“), ausklingend in einem Trostversprechen auf die Ewigkeit wurden als Inhalt von geistlichen Dialogen gestaltet.

Domen Marincic und Tomaz Sevsek verliehen der Aufführung vom Cembalo beziehungsweise von der Truhenorgel aus Farbe und Plastizität. Als Solist steuerte Domen Marincic, der auch als Sprecher des Ensembles auftrat, die „Canzona ultima (detta la Victoria)“ aus einer „Toccata per Spinettina sola“ von Girolamo Frescobaldi bei (veröffentlicht 1628), und Tomas Sevsek ein Ricercare von Luigi Battiferri (1669). Die „Quinta Toccata sopra i pedali per l’organo“ (1627) von Frescobaldi – vorgetragen von Orgel und Cembalo – leitete zum großen Schlussstück und dramatischen Höhepunkt „Cadite montes“ von Giovanni Legrenzi über.

Dem heutigen Zuhörer erscheinen die Stücke als musikalische Alternative zu einer Prosa vorgetragenen Predigt. In ihrer Entstehungszeit (Gegenreformation) wurden sie zum Teil von der Kirchenobrigkeit missbilligt. Nur Spezialisten kennen die Komponisten; erst in den vergangenen Jahrzehnten wurden die Noten wiederentdeckt. Da sie ausnahmslos in lateinischer Kirchensprache gehalten sind, haben sie sich wohl an Gemeinden gerichtet, die entweder Latein verstanden (Klöster) oder die vorgetragenen Bibeltexte, wie es in der alten Kirche vielfach üblich war, an ihren lateinischen Anfangsworten erkannten. Das Publikum in Auhausen hatte dieses Problem nicht: Die Dialogtexte standen in lateinischer und deutscher Fassung auf dem Beiblatt zum Programm. So konnte jedermann wahrnehmen, wie im Italien des 17. Jahrhunderts Buße und Vergebung, Verzweiflung, Auferstehungsfreude und Jenseitshoffnung musikalischen Ausdruck fanden.

Nischenprodukte? Ja, aber wert, präsentiert und angenommen zu werden, auch von einem zahlreicheren Publikum, als wertvolle Kultur- und Glaubenszeugnisse von bemerkenswertem musikalischem Rang, vorbildlich dargeboten von dem Ensemble mit dem etwas enigmatischen Namen.

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