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Religion

15.04.2015

Eine Steuer lässt manche vom Glauben abfallen

Im evangelischen Dekanat Nördlingen kehren meist etwa 20 Menschen pro Jahr der Kirche den Rücken. Doch 2014 ist die Zahl der Kirchenaustritte auf 30 angestiegen. Das hat wohl damit zu tun, dass die Kirchensteuer, die auf Zinseinnahmen erhoben wird, mittlerweile direkt an das Finanzamt abgeführt wird.

Auch auf Zinseinnahmen wird die Kirchensteuer erhoben, das ist schon länger so. Seit diesem Jahr gibt es eine Neuerung. Warum offenbar viele Menschen aus der Kirche austreten

Sei es ein Missverständnis oder eine neue Erkenntnis, es trug jedenfalls wohl auch im Ries zu Kirchenaustritten bei: Seit Anfang des Jahres wird Kirchensteuer, die auf Zinseinnahmen erhoben wird, von Banken, Versicherungen, Kapitalgesellschaften oder Genossenschaften direkt ans Finan zamt abgeführt. Als die Art der Abwicklung bekannt wurde, glaubten viele, es handele sich um eine neue Kirchensteuer. Anderen wurde erst bewusst, dass die Steuer auf Zinseinnahmen fällig ist, und zwar schon seit 2009, als die Kapitalertragssteuer auf Zinseinnahmen eingeführt wurde.

Der evangelische Nördlinger Dekan Gerhard Wolfermann vermutet, dass das zu Kirchenaustritten beigetragen haben könnte. „Für Menschen, die auf Distanz zur Kirche stehen, könnte so etwas der Anlass sein“, sagt er. Jedenfalls sei 2014, als die Neuerung bekannt wurde, die Zahl der Austritte im Dekanat Nördlingen von bislang 20 pro Jahr auf 30 angestiegen. Wolfermann hat kaum Gelegenheit, persönliche Gründe dafür zu erfahren – Austritte erfolgen über das Einwohnermeldeamt und werden der Kirche erst ein halbes Jahr später bekannt. Dann biete das Dekanat noch per Brief ein Gespräch an, was aber sehr selten angenommen werde.

Generell habe die Verbundenheit zur Kirche nachgelassen, sagt Wolfermann, im Ries allerdings deutlich weniger als beispielsweise in Ballungszentren. Wer dem Glauben kritisch gegenüberstehe, differenziere nicht zwischen Konfessionen, der übertrage alles, was ihn störe, auf die Kirche generell. „Wer der Kirche verbunden ist, sieht aber ein, dass das Geld ja nicht nur der Kirche selbst, sondern zum Beispiel auch Diakonie oder Kindertagesstätten zugute kommt“, sagt Wolfermann. Der katholische Nördlinger Dekan Paul Erber sieht die Lage exakt genau so; auch in seiner Gemeinde stiegen die Austritte leicht an. Einzelne Skandale oder Ärgernisse seien nie der alleinige Grund für einen Austritt, wohl aber „der letzte Tropfen“, der das Fass zum Überlaufen bringt.

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Johannes Keßler, Leiter der Wertpapier-Abteilung bei der Raiffeisen-Volksbank Nördlingen, kann negative Reaktionen von Kunden nur in wenigen Einzelfällen bestätigen. Das Thema Kapitalertrags-Steuer sei ja in Zeiten fast abgeschaffter Zinsen nur für eine Minderheit aktuell, die über alte, noch relativ hoch verzinste Geldanlagen verfüge. Der Zins-Freibetrag liegt derzeit bei 801 Euro für Unverheiratete und bei 1602 Euro für Ehepaare.

Wolfgang Winter, Direktor der Sparkasse Nördlingen, sind keine Irritationen im Kreis seiner Kunden bekannt, nur Nachfragen. Mögliche Einsprüche werden nicht an die Kreditinstitute gerichtet, sondern ans Bundeszentralamt für Steuern. Wer seine Konfession der Sparkasse nicht angibt, in Nördlingen schätzungsweise etwa 2000 Kunden, muss die Steuer selbst im Rahmen der Steuererklärung abführen. Wer dieser Verpflichtung nicht nachkommt, kann die Bank nicht wissen.

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