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Brauchtum

22.10.2018

Gänse, Kirmes, Tanz – Was ist Kirchweih?

Der Turm des Donauwörther Münsters mit Kirchweihfahne.
Bild: Widemann

Plus Am heutigen Kirchweihmontag lassen sich viele Menschen deftigen Braten schmecken, zahlreiche Behörden haben nachmittags frei. Was aber wird eigentlich gefeiert?

Knusprig-zarter Gänsebraten, zünftige Volksfeste mit Fahrgeschäften und Buden, traditionelle Tanzveranstaltungen, geschlossene Geschäfte und Behörden, freie Montagnachmittage zum Feiern: Das Kirchweihfest – vornehmlich im katholischen Sinne – ist in unseren Breiten mit etlichen Vari-anten von Brauchtum verbunden, die recht weltliche Züge tragen. Und dennoch steckt im unmittelbaren Wortsinn der „Kirchenweihe“ ja eigentlich etwas rein Sakrales, das eher ans Gebet erinnert und an die würdevolle Andacht einer Heiligen Messe. Was ist das Kirchweihfest nun eigentlich? Woher kommt es, wie hat es sich verändert? Und warum eigentlich haben das Landratsamt und etliche Rathäuser am heutigen Kirchweihmontag nachmittags geschlossen?

„Das ist bei uns kein Brauch im eigentlichen Sinne, sondern geht zurück auf die Arbeitszeitverordnung der Bayerischen Behörden, nämlich den Paragrafen fünf, Absatz drei, in ihrer letzten Fassung vom Juli 1995“, erklärt Landratsamts-Pressesprecherin Gabriele Hoidn die rein rechtliche Grundlage für kommunale Verwaltungen. Wenn sie und ihre Kollegen heute Mittag schon Feierabend machen, dann liegt das an jenem halben freien Tag, den bayerische Behörden laut dieser Verordnung flexibel wählen dürfen.

„Früher gab es zwei solcher halben Tage“, sagt Gabriele Hoidn, „die haben wir dann am Faschingsdienstag und am Kirchweihmontag nachmittags genommen. Inzwischen wurde diese Regelung auf einen halben reduziert – bei uns eben den Kirchweihmontag.“ Manche Abteilungen des Landratsamts nutzen ihn ab mittags, um miteinander loszuziehen und sich in einem Landgasthof deftigen Gänsebraten schmecken zu lassen.

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Diese weltliche Geselligkeit, die das Fest in unseren Tagen besitzt, geht bis ins zwölfte Jahrhundert zurück, auf den Heiligen Franz von Assisi. Er gilt als einer der frühen Reformer der Kirche in Europa und hat den Impuls dazu gegeben, das Kirchweihfest mehr weltlich zu öffnen. „Er hat die Kirche ins Volks- und Gemeindeleben hinausgetragen und deren Öffnung in die Welt mit begründet“, schildert der private Heimatforscher Franz Friedel aus Munningen, der sich mit dem Thema gut auskennt. Er beschäftigt sich mit dem Landkreis, speziell auch mit dem Ries, mit Kirchengeschichte und mehr und hat zu diesen Themen Schriften verfasst. „Franz von Assisi hat als einer der ersten die Themen Freude, Frohsinn und Natur in die Kirche mit hineingenommen“, weiß er. In seinem Sinne erlebten auch die Kirchweihfeste einen zunehmend fröhlichen und geselligen Charakter, wie Franz Friedel schildert.

Als die Feste ausuferten

Doch mit der Zeit nahm die Anzahl der Kirchweihfeste überhand. Jedes Gotteshaus hatte ja seinen speziellen Tag, an dem der jeweils zuständige Bischof es geweiht hatte – und Kirchen gab und gibt es viele. „Die Menschen waren oft tagelang zum Feiern unterwegs, denn wenn die eine Kirchweih zu Ende war, hat die nächste auch schon begonnen“, erzählt Franz Friedel. Hinzu kamen außerdem zahlreiche weitere Feiertage, die Heiligen gewidmet waren. „Kirchweihfeste haben oft am Donnerstagabend schon begonnen. Ihm schloss sich das Feiern am Freitag, Samstag und Sonntag an und der Montag war dann meist der eigentliche Feiertag. Mitunter wurde eine Woche später auch noch die Nachkirchweih begangen, bei der man der örtlichen Verstorbenen gedacht hat“, sagt Friedel.

Kreisheimatpfleger Herbert Dettweiler kann ebenfalls von ausgedehnten Festen an Kirchweih berichten. Während seiner Kenntnis nach am Freitag und Samstag vorrangig die Knechte gefeiert haben, gehörte der Sonntag den „normalen Leuten“. Am Montag indes „hat die bessere Gesellschaft, bestehend aus Geschäftsleuten, Pfarrer, Bürgermeister, Lehrer, die Zeche gemacht. Dann hatten immer auch auch die Geschäfte und Ämter zu“.

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts haben – nach Friedels Forschungen – die Diözesen die Unmäßigkeit und das Ausufern dieser Feste, die oft auch mit reichlich Alkohol verbunden waren, schließlich unterbunden. Damals hat man beschlossen, die Fülle einzudämmen, indem man einen einheitlichen Tag als Kirchweihtag festgesetzt hat und zwar den dritten Sonntag im Oktober. Wem diese Verordnung und Vereinheitlichung nicht gepasst hat, der hat oft verächtlich von „Allerweltskirchweih“ gesprochen, wie Franz Friedel erzählt. Oder gar von der „Saukirbe“, wie es im Rieser Dialekt heißt. Pfarreien, die den tatsächlichen Tag ihrer Kirchenweihe nachweisen können, können aber auch nach wie vor an ihrem individuellen Tag feiern.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, hat das Kirchweihfest – obgleich ein Hochfest – allerdings oft neben dem Patrozinium an Bedeutung eingebüßt. Während das Namensfest des jeweiligen Kirchenpatrons meist mit großem Zeremoniell begangen wird, gestaltet sich die Liturgie der „Allerweltskirchweih“ in der Regel schlicht. Der weltliche, der gesellige Charakter des Kirchweihtags ist heute mehr im Bewusstsein der Menschen verankert, denn der kirchliche.

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