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Nördlingen

08.01.2021

Gastro in der Krise: Eine ganze Branche geht baden

Seit März kein Einlass mehr: Der Club Badeanstalt in Nördlingen hat seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland geschlossen.
Foto: Christof Paulus

Plus Corona bringt das Nachtleben inzwischen vollständig zum Erliegen. Manche Gastronomen sind seit Monaten ohne Einnahmen. Wer weiß, ob die Szene jemals wirklich wiederkommt?

Zehn Monate ist es inzwischen her, dass an einem Sonntagmorgen die letzten Gäste die Badeanstalt in Nördlingen verlassen haben. Als sich hinter ihnen die Tür schloss, dachte Jos Mack, dass sie eine Woche später wieder öffnen würde. So wie immer. Dann kam die Corona-Pandemie und, noch bevor die Behörden Veranstaltungen definitiv verboten, die Entscheidung: „Die Gesundheit geht vor.“ So teilte es die Badeanstalt über die sozialen Netzwerke am 13. März 2020 mit. Die kommenden Veranstaltungen wurden abgesagt. Und die Türen der Badeanstalt sind seither verschlossen.

Früher, da war die Badeanstalt ein Ort, an dem tatsächlich geschwommen wurde. Vor zehn Jahren wurde dann aus dem ehemaligen Nördlinger Hallenbad eine Diskothek, die Mack gemeinsam mit zwei Kollegen betreibt. Seit der Corona-Pandemie, in der zunächst im Frühjahr und dann im Winter viele Betriebe zwangsschließen mussten, ist das Bild vom Schwimmbad eines, das kaum passender sein könnte. Denn die Pandemie macht die ganze Welt zu einem Gewässer, in dem viele Betriebe nur noch versuchen, sich an der Wasseroberfläche zu halten. Der Nördlinger Badeanstalt hilft weiter ihr großer Schwimmreifen, dem schleichend die Luft entweicht. Denn wirklich schwimmen kann sie nicht, sagt Gesellschafter Mack. „Wir sind seit März ganz ohne Einnahmen“, sagt er. Eine Diskothek zu betreiben, ist seit Beginn der Pandemie aussichtslos. Und jedes Alternativkonzept – wie etwa ein Biergarten im Sommer – sei viel zu aufwendig gewesen, erklärt Mack.

Der Club Badeanstalt in Nördlingen wird nebenberuflich betrieben

Was die Badeanstalt entlastet: Mack und seine beiden Kollegen betreiben diese nebenberuflich, keiner von ihnen ist finanziell vom Betrieb abhängig. „Und wir werden alles versuchen, die Badeanstalt zu erhalten“, sagt Mack. Vor dem zweiten Halbjahr rechnet er mit keinen Veranstaltungen in dem Gebäude im Nördlinger Westen. Die Rücklagen und eine Reduktion der laufenden Kosten auf das Minimum ist Macks Mittel, um durch die Krise zu kommen. „Ein Vorteil für uns ist, dass wir keine festen Mitarbeiter haben“, sagt er. „Für unsere Minijobber tut es mir aber natürlich leid, viele sind schon lange dabei und wir fehlen ihnen natürlich jetzt als Einnahmequelle.“ Die staatlichen Hilfen seien nur „ein paar Euro, ein Tropfen auf den heißen Stein“. Oder eben ein Schnorchel, der kurz helfen könnte, wenn es unter Wasser geht.

Im Corona-Gewässer bewegt sich auch Karl Huber. Schon zum zweiten Mal während der Corona-Pandemie darf der Wirt des Gasthofs Goldene Sonne in Maihingen keine Gäste empfangen, lediglich im Sommer sei das Geschäft für ein paar Wochen gut gelaufen. Huber sehnt sich merklich nach einem Rettungsring, oder zumindest Schwimmflügeln. Allerdings scheinen die nicht in Sicht zu sein. Er versucht sich deshalb selbst zu helfen, bietet Speisen zum Mitnehmen an. Doch: „Im Frühjahr haben noch viele an die Gastronomie gedacht und bestellt, um zu helfen. Doch der Gedanke ist inzwischen weg“, berichtet er. „Wir schwimmen momentan einfach nur, um nicht unterzugehen“, sagt Huber. Die staatlichen Hilfen seien noch nicht angekommen. „Wenn es im April nicht weitergeht, sieht es schlecht aus.“

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Offene Unterhaltungsbühne des Dramatischen Ensembles im Pilsclub 2016.
Foto: Bernhard Hampp (Archiv)

Gastronomen im Corona-Lockdown kämpfen um ihr Überleben

Ein paar Monate noch könnten sie planen, viel weiter reicht die Hoffnung nicht. Das klingt immer wieder in Gesprächen mit Gastronomen durch, ganz gleich ob diese wie Huber zumindest noch ein paar dürftige Einnahmen generieren oder nichts tun können, als zu warten. Evelyn Metzger, die den Nördlinger Pilsclub bewirtet, ärgert vor allem, dass sie und andere Betriebe ihrer Einschätzung nach umfangreiche Hygienekonzepte aufgestellt hätten, alle Vorgaben eingehalten hätten – und nun dennoch geschlossen sind. „Lange geht es nicht mehr“, sagt sie. Bisher habe sie von den staatlichen Hilfen nur einen Teil erhalten, auf den Rest wartet sie noch. „Vielen fehlt ein Abend in der Kneipe einfach“, sagt sie. Seit Anfang November ist ihr Laden wieder dicht. Wann es weiter geht, weiß niemand.

 

Etwas mehr Hoffnung versprüht Alexander Russe, der Wirt des Alexanderplatz in Nördlingen. „Gastro ist ein anstrengendes, aber geiles Gewerbe“, sagt er. „Nur wenn man nicht für seine Gäste in gewohnter Umgebung da sein kann, ist es nervenfresssend.“ Er finanziere sich aktuell noch über einen Kredit, habe zudem im ersten Lockdown dank der Spenden seiner Gäste keine Schulden machen müssen – eine „hammermäßige Unterstützung“, wie Russe es nennt. Digital läuft seine Bar zumindest teilweise weiter, zweimal im Monat veranstaltet er ein Kneipenquiz, er verkauft Gutscheine sowie Cocktails und Burger zum Mitnehmen. Eine Besonderheit im Alexanderplatz sind die Wein- und Bierverkostungen. Dazu stellt Russe Pakete zum Abholen oder Versand zusammen, die die Gäste in einer Online-Konferenz gemeinsam probieren. Doch die Mühe ändert nichts daran: „Ein offizielles Nachtleben existiert nicht mehr“, sagt Russe.

Kommt das Nachtleben nach der Pandemie zurück?

Weit weg wirkt die Vorstellung von vollen Bars und lauten Clubs zum Jahresbeginn 2021. Ob eine Zeit nach der Pandemie so aussieht, wie man es früher gewohnt war, hängt auch davon ab, ob die Gastronomen durchhalten. Die meisten von ihnen schwimmen noch oben. Doch bei vielen lässt die Ausdauer spürbar nach. Helfen dürfte ihnen nur noch eines: dass der Impfstoff zum rettenden Ufer wird.

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