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Lesung

08.12.2019

Gerd Müller: Weltstar wider Willen

Mit der Nationalmannschaft wurde Gerd Müller 1974 Weltmeister.

Der Historiker Hans Woller stellt in Nördlingen seine Biografie über den Fußballer Gerd Müller vor. Auf welche Schwierigkeiten der Autor bei der Recherche stieß.

„Wie das große Geld in den Fußball kam“ ist der Untertitel des Buches, das der Historiker Hans Woller in Form einer Biografie über Gerd Müller veröffentlicht hat. Bücher Lehmann und das Evangelische Bildungswerk Do-nauRies veranstalteten einen Vortrag und Diskussion zu diesem Buch. Woller war lange Jahre Mitarbeiter im Institut für Zeitgeschichte und von 1994 bis 2015 Chefredakteur der „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“.

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Gleich zu Beginn erklärte der Autor die Schwierigkeiten, die sich ihm stellten, als er versuchte, aus diesem Stück Fußballgeschichte Zeitgeschichte in wissenschaftlicher Dimension zu machen: es gibt, im Gegensatz zur normalen wissenschaftlichen Arbeit eines Historikers keinerlei Archive, es ist nichts dokumentiert und natürlich gibt es auch keine Referenzwerke. Er betrat mit seiner Arbeit Neuland, war auf die Aussagen von Insidern, auf Privatleute und ehemalige Fußballer angewiesen oder auf journalistische Quellen, wie den „Kicker“ oder das „Sportmagazin“ aus der damaligen Zeit.

Gerd Müller: Vom Provinzkicker zum Weltstar

Woller erzählte auch freimütig, dass alle seine Kontakte – seien es Journalisten, Funktionäre oder Spieler – auch „Teil des Systems“ gewesen seien und sich in diesem, wie er sagte, „symbiotischen Dschungel“ des beginnenden Profifußballs befunden hätten. Dennoch ist es Woller gelungen, einerseits die Etappen einer einzigartigen Karriere aus kritischer Distanz und zugleich voller Empathie zu schildern, andererseits die Entwicklung des Fußballs vom Amateur- zum Profizirkus und die damit einhergehende gesellschaftlichen Veränderungen glaubhaft zu erklären.

Gerd Müller: Weltstar wider Willen
Hans Woller stellte in Nördlingen sein Buch über Gerd Müller vor.
Bild: Peter Urban

Er erzählt die erst glückliche und dann tragische Geschichte des Nördlingers Gerd Müller, der vom Provinzkicker aus ärmlichsten Verhältnissen zum Weltstar aufstieg, um jeden Preis reich zu werden ver-suchte, es auch wurde und dann nach einer mehr oder weniger geplanten Flucht in das „Fußballentwicklungsland“ Amerika alkoholsüchtig wurde. Heute lebt Müller in einem Pflegeheim.

Die genauso schillernde wie zwielichtige Geschichte des FC Bayern München macht der Historiker dabei ebenfalls deutlich: Müllers Verein etablierte sich in seinen Erfolgsjahren an der Spitze des europäischen Fußballs, bewegte sich aber immer am Rande des finanziellen Ruins. Wie die Insolvenz abgewendet wurde, welche Rolle die CSU und die bayerische Staatsregierung dabei spielten und in welchem Maße Superstars wie Müller und Beckenbauer von diesen Machenschaften profitierten, das ist bisher noch nie so eindringlich dargestellt und mit Beweisen untermauert worden.

"Profifußball war und ist eine illegale Veranstaltung"

Woller beschreibt die damaligen Alkoholexzesse, das systematische Doping, die von ganz oben sanktionierte Steuerhinterziehung, mithin die unheilvolle Allianz von Fußball und Politik: „Eine Hand wusch die andere, sauber war keine,“ sagte er. Dabei sei der FC Bayern natürlich kein Einzelfall, „Profifußball war und ist eine illegale Veranstaltung“.

Immer wieder kommt Woller dabei auf die tragische Gestalt Gerd Müller zu sprechen, der zwar Millionen verdiente, aber niemals wirklich dazugehörte, der ein Weltstar wider Willen war. „Er war ein genialer Kicker und freilich nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Entwicklungen“, sgate Woller bei der Lesung. Und: „Nach dem Schlusspfiff stand er im Abseits.“ Obwohl Hans Woller keine Zeile aus seinem Buch vorlas, machte er Lust darauf, die ganze Geschichte Gerd Müllers genauer kennenlernen zu wollen.

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