Newsticker

EU sichert sich bis zu 160 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs von Moderna
  1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Gestohlen, weil er Hunger hatte

Justiz

14.11.2018

Gestohlen, weil er Hunger hatte

Ein 65-Jähriger steckte sich eine Packung Grillfleisch in den Hosenbund. Nun steht er vor Gericht.
Bild: Symbolbild: Ralf Lienert

Ein 65-Jähriger soll Grillfleisch im Wert von 2,69 Euro in einem Supermarkt nicht bezahlt haben. Warum er sich wegen dieses geringen Betrags vor Gericht verantworten muss

Der Fall erinnert an „Oma Ingrid“, eine 84-Jährige aus Bad Wörishofen, die wegen Diebstahls von Lebensmitteln zu einer Haftstrafe von elf Monaten verurteilt wurde. In Nördlingen stand nun ein 65-Jähriger vor dem Amtsgericht, weil er im August eine Packung Grillfleisch im Wert von 2,69 Euro gestohlen haben soll. Da der Mann den ersten Termin versäumte (wir berichteten), wurde er nun von Polizisten zum Gerichtssaal geführt. Die Situation sah eher aus als hätte er ein schweres Verbrechen begangen.

Der Nördlinger soll sich Grillfleisch in den Hosenbund gesteckt haben und lediglich andere Waren an der Kasse gezahlt haben. Die Verkäuferin erwischte ihn dabei. Die Staatsanwältin Kerstin Reitlinger begründete die Anklage und die Strafverfolgung damit – wohl gemerkt, es handelte sich um einen Diebstahl in Höhe von 2,69 Euro – dass ein „besonderes öffentliches Interesse“ zu dem Fall bestehe.

Der Frührentner, der ohne Anwalt im Saal saß, räumte bereits zu Beginn ein, dass er „Scheiße gebaut“ habe und deshalb dafür gerade stehen müsse. „Ich habe das gemacht, es tut mir leid“, sagte er. Als Richterin Katrin Wegele ihn fragte, weshalb er das Fleisch gestohlen hat, antwortete er: „Ich hatte nichts zu essen.“ Das sagte „Oma Ingrid“ damals übrigens auch vor Gericht.

Die Verkäuferin des Supermarkts bestätigte den Vorfall, wie er in der Anklage steht. Als die Richterin auf die finanziellen Verhältnisse des Mannes zu sprechen kam, wurde seine Stimme merklich leiser. Im Flüsterton sagte er, dass ihm im Monat nicht viel zum Leben übrig bleibe und er derzeit kein Dach über dem Kopf habe. „Von meinem eigenen Haus kann ich nur träumen“, sagte er, als die Richterin ihn nach seinem Privatbesitz fragte.

Dass der Mann überhaupt vor Gericht stand, lag an seinen Vorstrafen. Er wurde bereits dreimal wegen Diebstahls verurteilt. Bisher kam er immer mit einer Geldstrafe davon. Dieses Mal sah das anders aus. Die Staatsanwältin sagte, dass eine weitere Geldauflage nicht mehr ausreiche. Daher forderte sie eine Bewährungsstrafe von drei Monaten, zusätzlich wollte sie ihm 80 Sozialstunden auferlegen.

Der Angeklagte hätte eine geringere Strafe fordern können

Theoretisch hätte der Angeklagte dann selbst ein Plädoyer halten können, um eine geringere Strafe einzufordern, da er sich selbst verteidigte. Er verzichtete aber in der Verhandlung darauf. Richterin Katrin Wegele kam der Aufforderung der Staatsanwaltschaft nach und verurteilte den 65-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe von drei Monaten. Die Sozialstunden muss er bei der Stadt Nördlingen ableisten.

Am Ende des Verfahrens passierte dann noch etwas Ungewöhnliches: Der Angeklagte bedankte sich bei der Richterin Katrin Wegele und sagte zu ihr: „Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren