Kabarett

15.10.2014

Grandiose Neurose

„Rose Neu“ begeisterte ihr Publikum im Konzertstadel.
Bild: Kutscherauer

„Rose Neu“ begeistert im Stadel

„Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“ Diese unverblümte Frage ans Publikum gleich zu Beginn bleibt nicht die einzige außergewöhnliche Konfrontation und verweist schon frühzeitig auf den Programmtitel. Mit „Ich bin anders“ trat die Musikerin und Sängerin „Rose Neu“ auf Einladung des Kulturforums Nördlingen in Reimlingen auf und begeisterte die Besucher im nicht ganz voll besetzten Konzertstadel.

Markant und ein wenig exaltiert wirkt die Künstlerin, wenn sie sich im auffälligen rotschwarzen Kleid mit „Ich bin ihre Neurose“ vorstellt, um mit dem Refrain „Oh lieber Himmelsvater, beschütz’ mir die Psychiater“ thematisch in den Abend einzuführen. Dieser gestaltet sich aus einer eigenwilligen Mischung von schrägen Liedern und Texten, leidenschaftlich vorgetragenen Chansons sowie launigen Kabarettnummern.

Vor allem als wunderbare Sängerin mit erstaunlichem Stimmumfang und inhaltlicher Bandbreite gewinnt „Rose Neu“ die Besucher schnell für sich. Hintersinniges Liedgut von der Massenmörderin und vom toten Hamster Eberhard wechselt mit herrlich interpretierten Edith Piaf-Chansons – bei „Milord“ stimmen bereits früh die Zuschauer mit ein.

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In den eingestreuten Kabarettszenen werden Skurrilitäten wie das „Schneewittchen-Syndrom“ für Männer mit Bierbauch erklärt und die abgewandelten Sprichwörter richten sich an die Trinker („Der Klügere kippt nach“, „Was du heute kannst entkorken ...“). Schließlich erfährt noch der deutsche Schlager eine satirische Würdigung, „Ramona“, dem „Seemann“ und dem „Zigeunerjungen“ wird ein frecher neuer Text verpasst.

Berührungsängste mit dem Publikum sind der Kabarettistin offenbar fremd: Sie befragt Besucher nach ihrer Stimmung, um schließlich auf Günters Schoß zu landen und diesen zum Liedtext „Keiner riecht wie du“ zu beschnüffeln.

Munter dreht sich der schrille Reigen, „Rose Neu“ brilliert mit extravaganter Gestik und Mimik, verkleidet sich, singt, tanzt, musiziert und schwadroniert. Frauenthemen wie Hitzewallungen („Ich bin die Wallküre von Augsburg“) und schwindendes Bindegewebe („Biokost kommt mir nicht ins Haus – eine Frau wie ich braucht alle Konservierungsstoffe, die sie kriegen kann“) werden ebenso selbstironisch behandelt wie Schönheits-OPs besungen werden („Wer schön sein will muss leiden – ich lass mich gern zerschneiden“).

Ungewöhnlich und extraordinär

In der Tat, es ist das angekündigte „Musik-Kabarett von der anderen Sorte“, das „Rose Neu“ auf die Bühne im Konzertstadel bringt – ungewöhnlich und extraordinär. Vielleicht hätte man sich einzelne Nummern wie das Interview mit dem Boxbeutel-Experten oder einen der Schlagerblöcke sparen können. Doch die großartigen Gesangseinlagen entschädigen für alles: Bei einer deutschen Version von Janis Joplins „Mercedes Benz“ schnippen die Gäste munter mit, Adeles „Addicted To You“-Adaption sprüht nur so vor Kraft und Leidenschaft und beim Trude-Herr-Gassenhauer „Ich will keine Schokolade“ zeigt die Sängerin, dass sie Soul in der Stimme hat.

Am Ende gibt es ausgiebigen Beilfall des engagiert mitgehenden Publikums, gleich dreimal wird die „grandiose Neurose“ wieder auf die Bühne geholt. „Mein allerletztes Fest“ titelt der dynamische Chanson am Ende, ein gelungener Abschluss für einen bemerkenswert anderen Kabarett-Abend.

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