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Reportage

23.11.2019

Gute Aussichten, Ehingen - Diese Gemeinde vertritt den Landkreis beim Dorfwettbewerb

Vom Ehinger Friedhof aus können Besucher einen Großteil des Rieses überblicken – sofern es das Wetter zulässt.
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Vom Ehinger Friedhof aus können Besucher einen Großteil des Rieses überblicken – sofern es das Wetter zulässt.

Plus Die Gemeinde Ehingen am Ries vertritt den Landkreis beim Dorfwettbewerb Bayern 2020. Dass sich Katholiken und Protestanten eine Kirche teilen, ist heute (fast) kein Thema mehr. Eine Fahrt durch ein besonderes Dorf.

Erhard Michel will gerade die Tür seines Autos schließen, als der Postbote aus seinem kleinen, gelben Elektro-Transporter ruft: „Halt!“ Er hat einen weißen Umschlag für Michel, vermutlich ein Katalog, der Bürgermeister muss unterschreiben. Als Postbote kommt er herum, kennt die Gemeinde. Was macht Ehingen für ihn aus? „Das ist Heimat, es ist lebenswert. Aber im Winter für mich als Postbote durch die steilen Wege gefährlich“, schildert er. Doch diese Lage ermöglicht auch einen weiten Blick über das Ries, das zeigt sich später, nachdem Michel dann wirklich losfahren kann.

Der Bürgermeister fährt durch den Ort, das hat er vor einigen Wochen schon einmal getan. Damals führte er eine Jury durch das Dorf. Denn Ehingen vertritt den Landkreis beim „Dorfwettbewerb Bayern 2020“. Der Wettbewerb war früher vor allem auf Schönheit ausgerichtet. Das Grün im Dorf oder kulturelle Aktivitäten fließen mittlerweile auch in die Bewertung mit ein. Während Michel fährt, erzählt er viel. Ein Hof an dieser Straße stehe leer, einige Meter weiter wohne ein Junggeselle, an einer anderen Straße sagt er, habe eine Familie noch ein Stück Land dazugekauft. Der 68-Jährige kennt die Gemeinde.

Drei Fünftel der Bürger seien katholisch, zwei Fünftel evangelisch, sagt der Bürgermeister

Nicht nur der Bürgermeister, auch einige Bürger zeigen für sie besondere Orte. Das Ehepaar Bühler und Reinhard Fuchs zum Beispiel. Die Bühlers sind katholisch, Fuchs ist evangelisch. Menschen beider Konfessionen prägten einst den Ort. Heute sind in der Gemeinde laut Michel drei Fünftel der Bürger katholisch, zwei Fünftel evangelisch. Das sehen Besucher auch am Eingang zum Friedhof, wo zwei schwarze Schaukästen hängen, einer für jede Konfession. In der Kirche liegen im Regal links die lilafarbenen, evangelischen Liederhefte, rechts die grauen, katholischen Gesangsbücher. Die Kirche ist eine Simultankirche, beide Gemeinschaften haben dort ihren Platz. Es müsse aber schon genügend Abstand zwischen den Gottesdiensten geben, meint Georgine Bühler. Um 8.30 Uhr sind die Katholiken dran, um 10 Uhr die Protestanten. Auch wegen der wenigen Parkplätze, ergänzt Fuchs. Nur auf dem Friedhof, da gilt die Trennung nicht mehr. „Wenn sie nicht mehr leben, sind sie friedlich“, sagt Georgine Bühler. Früher habe es mal Streitereien gegeben, aber heute nicht mehr.

Die zwei Glaskästen und die verschiedenen Liederhefte sind Beispiele für die zwei Konfessionen, die in Ehingen zusammenleben.

Um Streit geht es auch nicht im Wettbewerb des Freistaates. Das Ziel ist es, dass die Menschen in ihren Dörfern die Chancen erkennen sollen, die ihr Dorf biete, heißt es in der Richtlinie des Wettbewerbs.

Es ist windig auf der Anhöhe bei der Kirche, Konrad Bühler, 79, graue Haare, zieht den Reißverschluss seines roten Pullovers zu. „Der ist schon warm“, sagt er, obwohl es seiner Frau lieber wäre, er würde sich eine Jacke holen. Der Ehinger zeigt auf eine freie Rasenfläche auf dem Friedhof. Dort hätte sein Grab hinkommen sollen, sagt Bühler. „Da habe ich gesagt, hier zieht es durch, das ist mir zu frisch“, erzählt Bühler und lacht.

Bühler zeigt, wie er früher in der Kirche die Glocken läutete

Im Inneren der Kirche führt er in den Turm, dort, wo oben die Kirchenglocken hängen. Bühler ist in Ehingen geboren, führte die kleine Landwirtschaft der Familie fort, als sein Bruder und Onkel gefallen waren und der Vater im Krieg als vermisst gemeldet wurde. Bühlers Opa war Mesner, die Mutter Mesnerin, heute übt seine Frau das Amt aus. Als Bub half Bühler mit, läutete früh am Morgen die Glocken. Dort im Turm, wo heute keine Seile mehr herunterhängen, zeigt er, wie er erst am Seil der einen, dann an dem der anderen Glocke zog und sie schließlich im Takt läutete. „Die größte hat 28 Zentner gewogen, das hat gedauert, bis man die in Schwung gebracht hat. Und wenn man sie angehalten hat, hat es einen drei Meter raufgezogen.“ Bühler geht in die Knie, wippt nach oben und wenn er könnte, würde er auch die drei Meter nach oben springen, so wie ihn als Bub das Seil nach oben gezogen hat.

Georgine und Konrad Bühler (links) sind katholisch, Reinhard Fuchs ist evangelischen Glaubens.

Die Kirche sei eine Wehrkirche gewesen, erzählen die drei Ehinger, die Mauern sind mindestens einen Meter dick, es gibt eine schmale Schießscharte. Aus dem Turmraum nimmt Georgine Bühler noch eine blau-graue Krücke mit, die 71-Jährige stützt sich beim Gehen ab. Das Gelände ist von einer Mauer umzäunt, die Ehingerin steuert auf das südöstliche Stück zu. Nahe der Urnengrabstätte geht es einige Stufen hinunter, in der von weißen und orangenen Flechten befallenen Mauer ist das „Schlupftürchen“, wie Georgine Bühler den Durchgang nennt. Bei Belagerungen seien so Spione ins Umland geschickt worden.

Der Blick reicht über den Rieskrater

Spione braucht Ehingen heute nicht mehr, etwas zu sehen gibt es trotzdem. Georgine Bühler öffnet die dunkle Metalltür und gibt den Blick in den Rieskrater frei. Bei gutem Wetter sehen die Ehinger von hier oben bis nach Wemding, Möttingen, Nördlingen oder Wallerstein. An diesem Tag im November ist es etwas diesig, der Blick reicht über einzelne Bäume, Felder und Wälder. „Da“, Georgine Bühler hebt die Krücke und zeigt auf den Horizont, „da ist Nördlingen“. Und tatsächlich, dort hinten im Nebel streckt sich der Daniel in die Höhe.

Die Simultankirche sei nicht das einzige Besondere an Ehingen, sagen die drei Bürger. Ebenfalls speziell sei ihre Wasserleitung aus dem Jahr 1911, meint Reinhard Fuchs, dessen Familie seit drei Generationen in Ehingen lebt. Im Zentralries sei die Wasserversorgung lange schlecht gewesen, und Ehingen eines der ersten Dörfer mit zentraler Wasserversorgung gewesen. Nur nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Versorgung oben im Dorf schlechter geworden, weil die Bewohner unten viel Wasser verbraucht hätten, wirft Konrad Bühler ein. Die Leitung versorgt heute noch den Badeweiher mit Wasser, der jetzt zu zwei Dritteln mit Wasser und einem Drittel mit Laub gefüllt ist. Im Frühjahr reinigen die Jugendlichen den Weiher, helfen zusammen. Im Juli findet dort eine große Beachparty statt, ein DJ legt auf, 1000 Leute kämen, sagt Fuchs.

Das sagen der Bürgermeister und die Bewohner über die Gemeinde:

Ehingen am Ries vertritt den Landkreis Donau-Ries beim Dorfwettbewerb Bayern 2020. Bewohner und Bürgermeister erzählen von ihrer Gemeinde.
Video: Jan-Luc Treumann

Auch der Bürgermeister lobt das Engagement der Jugendlichen, zeigt den Maibaum, den sie zu Silvester mit einem Lichterkranz schmücken. Überhaupt, das Vereinsleben. Repräsentiert wird es im Dorf durch das Vereinszentrum samt Fußballplatz, am Zaun das blau-weiße Wappen des SV Niederhofen-Ehingen. Das Zentrum sei vor etwa zehn Jahren eröffnet worden. Zwar gebe es viele Sportheime im Ries, im Gebäude wie in Ehingen seien aber sechs Vereine angesiedelt, ob nun die Schützen, der Sport-, Gesangs-, Soldaten- oder Gartenbauverein, dazu der Bauwagen Broidalach. Für die Vereine ist das Zentrum mittlerweile notwendig, denn die Wirtschaften im Dorf haben fast alle geschlossen. Michel hält nahe einer der früheren Wirtschaften. Nur eine habe noch für Versammlungen geöffnet – Essen wird nicht serviert.

Nicht alles läuft gut in der Gemeinde

Die Ehingen-Tour endet vor der Gemeindekanzlei, dort, wo der Postbote „Halt!“ gerufen hat. Gegenüber ist eine der früheren Wirtschaften, die es seit rund 30 Jahren nicht mehr gibt. Im Glaskasten links neben der Tür hängt ein Zettel: „Kneipe geschlossen“ steht drauf. Die Schrift ist kaum lesbar, so verblichen ist sie. Die weiße Fassade ist schmutzig, jemand hat in den Dreck Blumen geritzt. Auf dem Dach blinken Solaranlagen in der Sonne.

Die Gemeinde Ehingen am Ries nimmt am Dorfwettbewerb Bayern 2020 teil.
Foto: Jan-luc Treumann

Für Reinhard Fuchs läuft nicht alles gut in der Gemeinde, einige der jungen Menschen zögen weg. Vieles Positive sei einem aber nicht bewusst: „Man gewöhnt sich an den Anblick. Aber wenn Besucher kommen, sind sie von der Aussicht entzückt. Es ist schon schön hier.“

Ehingen ist laut Michel der einzige Ort im Landkreis, der sich beworben hat, tritt gegen Unterliezheim (Landkreis Dillingen) und Derching (Aichach-Friedberg) an. Eine kleine Gemeinde, die so mutig ist wie ihr Postbote, der sich bei Schnee und Eis die steilen Wege hinaufmacht. Und vom Kraterrand einen einzigartigen Ausblick hat.

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