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Wirtschaft

11.11.2020

Herbert Schein über die Zukunft von Varta: "Fabriken nur mit grünem Strom"

Für Varta ist der Standort Nördlingen ein wichtiger.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Plus In einem halben Jahr soll Vartas größte Lithium-Ionen-Batterien-Fabrik in Nördlingen fertiggestellt sein. Vorstandschef Herbert Schein über Anreize für Fachkräfte, grünere Produktionsstätten und Frauen in Top-Positionen.

Herr Schein, Ihre Vertragsverlängerung findet in einem Jahr statt, in dem es Höhen und Tiefen gab. Wobei bei Varta die Höhen höher als die Tiefen tief waren. Die staatliche Förderung für das Unternehmen war ein Höhepunkt, aber auch Sie trifft die Corona-Krise, wie haben Sie dieses Jahr erlebt?

Herbert Schein: Die Corona-Krise haben wir schon Ende Dezember kommen sehen, weil wir sehr eng mit Asien vernetzt sind, speziell mit China. Wir haben uns rechtzeitig Anfang des Jahres auf Corona vorbereitet. Die Hygienemaßnahmen sind bei der Varta sehr umfassend und wir wurden dadurch bis heute nicht beeinträchtigt. Unsere Produktion lief weiter 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an allen Standorten.

Das heißt, es gab Corona-Fälle, aber der Betrieb wurde nicht gestört?

Schein: Es gab auch positiv getestete Mitarbeiter. Aber wichtig für uns war es, dass diese im Unternehmen niemanden anstecken, vor allem nicht in der Produktion. Das heißt, die Hygienemaßnahmen greifen. Es ist wichtig bei Corona, dass man die Infektionswege so schnell wie möglich abschneidet. Deshalb führen wir auch intern Corona-Tests durch. Dann können wir schneller reagieren und bekommen die Ergebnisse sofort.

Varta-Chef: "In Nördlingen laufen Fäden aus aller Welt zusammen"

Wer und wann wird getestet?

Schein: Das sind vor allem Mitarbeiter, die Symptome zeigen oder einen Fall im privaten Umfeld haben. Wir können an unseren Standorten Corona-Schnelltests durchführen und haben somit innerhalb von 15 Minuten die Ergebnisse. Wir können Corona nur eindämmen, wenn wir absolut schnell die Infektionsketten unterbrechen. Die Tests machen das möglich.

Die Corona-Krise hat Ihr Jahr geprägt. Sind die Maßnahmen inzwischen in Ihren Tagesverlauf integriert?

Schein: Das Unternehmen muss der Lage angemessen geführt werden. Wir haben uns mit diesen Maßnahmen darauf eingestellt, dass Corona noch länger dauert und wir können das auch langfristig so weiterführen. Falls wir enger zusammenkommen, tragen wir einen Mund-Nasen-Schutz, in den Büros sorgen wir dafür, dass niemand nahe zusammensitzt und nehmen zum Teil die Möglichkeit von Homeoffice wahr.

Sie versuchen, mit Ihrer Firma viele Fachkräfte in die Region zu holen. Aber die kommen und bleiben natürlich nur unter gewissen Anreizen. Was zählt für Sie hier dazu?

Schein: Ein großer Anreiz ist Varta selber. In der ganzen Region, Nördlingen, Ellwangen, laufen Fäden aus der ganzen Welt zusammen. Das Unternehmen wird von Ellwangen aus weltweit gemanagt, wir arbeiten an den Zukunftstechnologien und die Batterie ist so eine strategische Komponente. Es gibt einen internationalen Technologiewettlauf. Wir arbeiten mit Firmen zusammen wie Google, Amazon oder in Asien Samsung oder Sony. Das ist für Mitarbeiter sehr attraktiv – gerade für junge Leute – und zieht Mitarbeiter an. Für Nördlingen und das Ries spricht aus Mitarbeitersicht die hohe Lebensqualität für Familien. Es gibt hier viel Platz und Natur.

Wo kann man noch feilen?

Schein: Wir müssen sicher in der Region die Innovationen vorantreiben. Das bedeutet, auf grüne Energie zu setzen und das schnelle Internet nicht zu vergessen. Es ist sehr wichtig, dass die Leute von jedem Ort aus – auch in der Umgebung von Varta – gut arbeiten können. Grüne Energie ist uns wichtig, weil wir in Zukunft CO2-neutrale Produkte produzieren möchten. Die Mitarbeiter wünschen sich eine gesunde und lebhafte Innenstadt, gepaart mit einem vernünftigen Freizeitangebot. Da sind wir in der Region aber auch gut aufgestellt.

Der Aufsichtsrat und die obere Führungsreihe der Varta ist sehr männlich. Wie wollen Sie das ändern?

Schein: Wir bilden unsere Nachwuchskräfte selber aus, deshalb können wir das in der Zukunft beeinflussen, denn sie kommen dann idealer Weise aus unserem Haus. Jeder, der bei Varta anfängt, hat die Möglichkeit, sich bei der Varta weiterzubilden und Karriere zu machen. Wenn ich heute die Bilder von den Neuzugängen anschaue, insbesondere bei den Studienabgängern, haben wir eine sehr gleichmäßige Mischung von Männern und Frauen. Bei Neueinstellungen der Top-Führungskräfte wählen wir natürlich nach der bestmöglichen Qualifikation aus. Da spielt es keine Rolle, ob man Mann oder Frau ist. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir ein gut verteiltes Potenzial haben zwischen Frauen und Männern in Top-Positionen. Der Grundstock dafür ist gelegt.

Gibt es weniger Bewerbungen von Frauen für die Top-Positionen?

Schein: Die Bewerbungen für die Top-Positionen sind noch von Männern dominiert, aber das dürfte sich angesichts des steigenden Frauenanteils bei unseren Neuzugängen ändern. Das Gros der Führungskräfte soll aus dem eigenen Haus kommen, deshalb lohnt es sich auch, bei der Varta eine Karriere anzustreben. Ich bin glaube ich dazu ein ganz gutes Beispiel. Es liegt aber auch an der Zeit: Als ich mein Ingenieursstudium angefangen habe, waren wir im Semester 200 Studenten, darunter eine Frau. Das war damals schon eine Ausnahme. Heute ist der Frauenanteil bei Elektrotechnik teils schon bei 30 Prozent. Es hat sich schon etwas bei den MINT-Fächern getan. Das ist gut so.

Standort und Arbeitsplätze in Nördlingen ausbauen

Inwieweit entwickelt sich der Standort Nördlingen im Vergleich zum Hauptsitz in Ellwangen?

Schein: Unsere beiden Standorte Ellwangen und Nördlingen wachsen. Das soll auch in Zukunft so sein. Wir haben die Kapazität, um mehr als 200 Millionen unserer kleinen Lithium-Ionen-Batterien pro Jahr zu produzieren, und es sollen noch mehr werden. Der Standort Nördlingen wurde massiv ausgebaut und seit Anfang letzten Jahres wurden 800 Mitarbeiter eingestellt. Jetzt stellen wir einen Neubau fertig mit einer Produktionsfläche von 15.000 Quadratmetern. Damit wird unsere Produktionsfläche in Nördlingen auf 60.000 Quadratmeter anwachsen. Mit dem Ausbau wird der Personalausbau fortschreiten.

Wann wird die Halle fertig sein?

Schein: Wir werden im ersten Halbjahr 2021 dort einziehen. Es ist übrigens nicht nur eine Halle für die Produktion. Im neuen Gebäude –das eine Reihe von Besonderheiten hat, wie etwa, dass wir die Abwärme der Maschinen nutzen – wird es auch ein Casino geben, einen Ort, an dem die Mitarbeiter den Mittag verbringen können, eine Art Kantine.

Sie hatten angesprochen, dass Varta nachhaltiger werden möchte. Welche Überlegungen gibt es diesbezüglich im Unternehmen?

Schein: Nachhaltigkeit ist nicht nur CO2-Neutralität. Wir müssen auch problematischere Rohstoffe weiter reduzieren. In den letzten Jahren haben wir zum Beispiel Kobalt in unseren Lithium-Ionen-Zellen reduziert und haben heute 80 Prozent weniger Kobalt in unseren Zellen im Vergleich zu den meisten unserer Konkurrenten in Asien, die noch diese Lithium-Kobalt-Technologie verwenden.

Sie setzen auf Alternativen?

Schein: Wir reduzieren den Anteil auf ein Minimum, weil Kobalt ein Rohstoff ist, der aus Afrika kommt und dort unter oft problematischen Umständen abgebaut wird. Wir wollen Rohstoffe einsetzen, die weltweit verfügbar sind und bei denen wir die Lieferwege besser kontrollieren können. Daneben geht es natürlich auch um die Reduktion von CO2. Allein im Jahr 2020 haben wir den Energieverbrauch pro Lithium-Ionen-Zelle in unseren Fabriken um ein Drittel reduziert. Bis zum Jahr 2027 wollen wir CO2-neutrale Produktionsstätten haben. Ab nächstem Jahr werden unsere Fabriken in Europa alle nur mit grünem Strom betrieben werden.

Herbert Schein will Varta grüner machen. Am Standort in Nördlingen soll – wie in allen Varta-Fabriken in Europa – ab 2021 Strom ausschließlich aus regenerativen Energien verwendet werden.
Bild: Varta AG

Wissen Sie, woher Ihr nachhaltiger Strom stammt?

Schein: Ja, wir haben entsprechende Verträge. Wichtig für die Nachhaltigkeit ist aber, überhaupt Energie und CO2 einzusparen. Wir bauen das neue Gebäude in Nördlingen nach der Maßgabe, dass es überhaupt nicht mehr geheizt werden muss. Die Wärme kommt als Abwärme von den Anlagen. Der Energieverbrauch wird auf ein Minimum reduziert. Im Consumer-Bereich entwickeln wir Verpackungen, die zu 100 Prozent aus Karton hergestellt werden. Wir werden den Wasserverbrauch weiter reduzieren. Wir werden weniger Abfall produzieren. All diese Aktionen zahlen sich auch aus.

Varta will auch in der Landwirtschaft neue Technologien einsetzen. Was schwebt ihnen vor?

Schein: Die Vision sind fahrerlose Systeme mit grüner Energie. Diese Systeme sollen dann auch mit Lithium-Ionen-Batterien ausgestattet sein. Wir haben hier mit führenden Landmaschinen-Herstellern ein Konzept entwickelt, um solche Maschinen effizient zu gestalten. Die Idee ist, dass es auf dem Feld eine mobile Station mit Solarzellen gibt, zu der das Gerät automatisch fährt, um mit Sonnenstrom geladen zu werden. Ähnlich wie der Saugroboter in der Wohnung. Nur auf dem Feld wird die Ladestation ohne Kabel, sondern mit Solarzellen betrieben. Fahrerlose Systeme werden Schritt für Schritt in die Landwirtschaft einziehen. Auch bei uns in der Fabrik werden heute schon und in Zukunft verstärkt Materialien nicht mehr mit den Gabelstaplern bewegt, sondern mit fahrerlosen Transportsystemen. Die Produkte werden automatisch eingelagert, geholt und versendet. Bei fahrerlosen Systemen sehen wir einen großen Markt für uns.

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