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Porträt

06.06.2020

Hinterfragen war oft nur im Verein möglich

Der Vereinsvorsitzende Theo Betzler (links) und Georg Ott vor dem Holheimer Kriegerdenkmal.
Bild: Ronald Hummel

Plus Der Krieger- und Soldatenverein Holheim wird heuer 100 Jahre alt. Statt einer Feier erzählen die langjährigen Mitglieder Theo Betzler und Georg Ott.

1920 wurde der heutige Krieger- und Soldatenverein Holheim gegründet, die geplante 100-Jahr-Feier musste heuer wegen Corona ausfallen. Stattdessen kommen in unserer Porträt-Reihe der 1. Vorsitzende Theo Betzler und Georg Ott zu Wort, die den Verein im Wandel der Jahrzehnte Revue passieren lassen.

Ziel der Gründung durch Teilnehmer des Ersten Weltkriegs unter dem Namen „Veteranen- und Kriegerverein Holheim“ war es noch, die Verbundenheit, die durch die Kameradschaft entstanden war, auch in Friedenszeiten zu pflegen. 1945 wurde der Verein wie andere seiner Art auch durch die damalige Militärregierung aufgelöst und 1954 neu gegründet. Theo Betzler trat dem Verein 1974 bei, als generell beschlossen wurde, auch Bundeswehr-Reservisten aufzunehmen und dem Verein seinen heutigen Namen zu geben. Betzler wurde 1987 2. Vorsitzender und ist seit 1996 1. Vorsitzender. Georg Ott war von 2005 bis 2015 Mitglied des Vorstands; eingetreten war er 1987, in einer Zeit der Umstrukturierung: Es gab eine größere Gruppe jüngerer Bundeswehr-Reservisten, die andere Interessen hatten als die Älteren, sich in eigenen Veranstaltungen anders organisierten und schließlich den Reservistenverein gründeten, der bis heute existiert. „Wir lebten in einer guten Zeit, in der es nur bergauf ging, wir arbeiteten und bauten unser Leben auf“, sagt Theo Betzler, seinerzeit Metzger und Fernfahrer. Er und der frühere Kfz-Mechanikermeister Georg Ott sind sich bewusst, einer gesegneten Generation anzugehören. Vor einem weiteren Krieg hatte niemand Angst und im Rahmen des Vereins ging es viel um die Pflege der Gemeinschaft, etwa durch Familienausflüge oder seit der Errichtung des Gemeindezentrums 1990/91 durch Weihnachtsfeiern über Vereinsgrenzen hinaus für alle Dorfmitglieder.

Gleichwohl stand die Hinterfragung der Erlebnisse von Veteranen des Zweiten Weltkriegs immer im Raum: „Es hat noch niemand etwas durch einen Krieg gewonnen, es gibt nur Verlierer“, resümiert Theo Betzler. Und für Georg Ott war die Atmosphäre eine lang ersehnte Gelegenheit der Kriegs-Aufarbeitung: Er selbst ist im August 1939 geboren, einen knappen Monat vor Kriegsausbruch, sein älterer Bruder hatte Stalingrad überlebt. „Wir verstanden uns hervorragend, aber wenn die Sprache auf Stalingrad kam, stellte sich ein Schalter um – das Thema war einfach tabu“, erinnert er sich an die extreme Verschlossenheit der Kriegsgeneration. Allmählich bekam er eine Vorstellung von dem Grauen, wenn etwa immer wieder gesagt wurde, dass man von seiner Jugend nichts hatte oder bei Schilderungen von einstigen Kriegsgefangenen, wie sie vor Hunger Brennesseln am Zaun ausrupften und aßen.

Hinterfragen war oft nur im Verein möglich

Aus der Vergangenheit nichts gelernt?

Richtige Sorgen, dass Friede und Wohlstand nicht selbstverständlich sind, kamen bei beiden erst relativ spät auf: „Leute wie Trump, Erdogan oder die Diktatoren in Nordkorea warfen die Frage auf, ob man aus der Vergangenheit nichts gelernt hat“, so Ott. Er und Betzler sorgen sich nicht um die Demokratie, wohl aber um den Stil der Politik: Früher sei das Wort von Staatsmännern verlässlicher gewesen und man habe danach planen können; heute gehe es oft nur um Profilierung und Erhaltung der Pfründe.

Der Verein werde weiterhin auf die gesellschaftliche Situation seiner Zeit reagieren, zum Beispiel die Stabilisierung der Dorfgemeinschaft. Wirkte man anfangs mit den Patenvereinen Krieger- und Soldatenverein Kleinerdlingen und Kameradschaftsbund Ederheim zusammen, agiert man seit 30 Jahren auch in der Vereinsgemeinschaft Holheim. Gerade die Älteren werden dabei nicht vergessen, am Krankenbett besucht, zu runden Geburtstagen beschenkt, zu den Ausflügen und Veranstaltungen eingeladen. „Wenn es im Dorf keine Vereine gibt, läuft jeder in eine andere Richtung, wie in der Großstadt“, ist Theo Betzlers Ansatz gegen die weit verbreitete Ziellosigkeit unserer Zeit.

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