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Nördlingen

24.05.2020

Historische Entdeckungstour durch die Nördlinger Altstadt

Nördlingen in der Schrägaufsicht, Kupferstich von Andreas Zeidler, 1651 (Stadtarchiv Nördlingen)

Plus Urlaub ist in Zeiten des Coronavirus eine vage Angelegenheit. Dabei gibt es auch in der Heimat viel zu erleben. Wie sich die Nördlinger Altstadt auf historische Weise neu entdecken lässt.

Zu Hause bleiben! So lautet heute die Devise. Die Heimat neu entdecken, könnte eine Alternative dazu sein. Warum nicht einmal – bei Einhaltung aller gebotenen Abstands- und Hygieneregeln – eine Entdeckungstour durch die historische Altstadt Nördlingens unternehmen?

Nördlingen hat das Glück, einen historischen „Stadtplan“ zu besitzen: den 1651 von Andreas Zeidler geschaffenen Kupferstich „Nördlingen in der Schrägaufsicht“ oder anders gesagt: „Nördlingen aus der Vogelperspektive“. Er zeigt auf beeindruckende Weise, dass sich Aufbau und Gliederung der historischen Altstadt Nördlingens bis heute nicht verändert haben. Nördlingen gilt mit Recht als „Modell einer mittelalterlichen Stadt“. An Nördlingens Altstadt sind all die Merkmale einer Stadt des Mittelalters heute noch im Stadtbild abzulesen.

"Im Stadtbild lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch"

Die Stadt des Mittelalters gilt, allgemein gesprochen, als ein „Gesamtkunstwerk“. Diesem „Gesamtkunstwerk“ liegt ein Ordnungsplan zugrunde, der auf dem Stadtplan von Andreas Zeidler abgelesen werden kann. Der Literatursoziologe und Volkskundler Rudolf Schenda (1930 bis 2000) hat einmal in Bezug auf Nördlingen den schönen Satz geprägt: „Im Stadtbild lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch.“ Man brauche dazu kein Alphabet, sondern nur einen wachen Verstand, um die Zeichen, die der „Buchtext Nördlingen“ dem Betrachter sendet, lesen zu können.

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Blickt man vom Daniel auf die Stadt, dann fällt dem aufmerksamen Beobachter zuerst einmal die fast runde Form der Stadtanlage auf. Der Blick folgt auch dem Verlauf der durch die fünf Stadttore in das Zentrum der Stadt führenden alten Handelsstraßen. Hinzu kommt der kreisförmig angelegte Straßenverlauf im Inneren der Stadt, der, das wissen wir heute, den ungefähren Verlauf der alten, staufischen Stadtmauer wiedergibt und bezeichnenderweise noch im 19. Jahrhundert „Auf dem alten Graben“ hieß. Aus der Vogelperspektive wird auch deutlich, dass durch das eng gewobene Netz an Straßen, Gassen und Plätzen unterschiedlich große Stadtviertel, also „Quartiere“, herausgeschnitten werden, die in ihren einzelnen Unterabteilungen in den ersten Adressbüchern des 19. Jahrhunderts als „Stöcke“ bezeichnet werden. Im Kern der Stadt finden sich auch die 20 größeren und kleineren Marktplätze, die einen Hinweis geben auf die Differenzierung des Warenangebotes der historischen Stadt.

Zwinger, Tore, Türme

Und nicht zuletzt ist der im Norden der Stadt durchziehende Wasserlauf der Eger zu erkennen, der als Lebensader für mehrere Berufe Bedeutung hatte und sowohl den Fischern als auch den Färbern und Gerbern, aber auch dem Spital Arbeits- und Lebensgrundlage war.

Zu den ausgesandten Zeichen des „Buchtextes“ zählt aber auch der geschlossene Ring der Stadtmauer und des gesamten Befestigungssystems mit dem zum größten Teil gefluteten Graben, mit Zwinger, Toren, Türmen, zwei Basteien und seit dem frühen 17. Jahrhundert mit den Sternschanzen. Auch die im Norden außerhalb der Stadt verlaufende Kornlach konnte in das Abwehrsystem einbezogen werden.

Zum „Buchtext“ gehört auch das Zentrum der Stadt, das geprägt ist von Kirche und Rathaus, Kanzlei und Waage, Ratstrinkstube und Fleischbank, Brot- und Tanzhaus sowie vom Markplatz. Deutlich werden die Zusammengehörigkeit von geistlicher und weltlicher Macht einerseits und die Bedeutung des Zentrums für ein mittelalterliches Gemeinwesen andererseits. Am Hauptmarkt befanden sich außer Kirche und Verwaltungsgebäude auch die großen Wohnhäuser der vornehmen und ratsfähigen Familien und vor allem ein Gasthaus mit Herberge. Diese bevorzugte Wohnlage in der Stadt ist Ausdruck der „Sozialtopografie“, die danach fragt, welche Menschen an welchen Orten der historischen Stadt beheimatet waren.

Spital im Stadtinneren

Wenn man vom Zentrum einer Stadt spricht, dann muss man auch ihre Randlage beschreiben. Dort wohnten die „Randgruppen“: die Dirnen des Frauenhauses (Frauengasse) und der Henker (Henkergasse), die in den „Kasarmen“ beheimateten Menschen oder die im „Seelhaus“ wohnenden „hausarmen Frauen“.

Zur Randlage der Stadt gehörten aber auch die beiden Stadtklöster der Karmeliter und der Franziskaner sowie das Spital. Das bereits 1243 erwähnte Barfüßerkloster lag ursprünglich am Rande der damaligen Kernstadt, unmittelbar an die staufische Stadtmauer angelehnt. Das um 1400 gegründete Karmeliterkloster wurde dagegen schon innerhalb der neuen, ab 1327 gebauten Stadtmauer errichtet. Ein Blick auf die Lage des an der Egerfurt gegründeten, 1233 erstmals genannten Spitals zeigt, dass diese Institution ursprünglich außerhalb der älteren bzw. staufischen Stadtmauer errichtet worden war. Erst mit dem Bau der neuen Stadtmauer wurde sie in das innere Stadtgebiet einbezogen. Mit dem Einbezug des Spitals in das Stadtinnere musste folgerichtig dafür gesorgt werden, dass die Sondersiechen- und Blatternpflege für ansteckende Krankheiten vor die Stadt verlegt wurde. Die Blatternpflege vor dem Baldinger Tor ist schon seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar.

Kein Judenghetto in Nördlingen

Wenn es um Randgruppen in der mittelalterlichen Stadt geht, muss auch vom jüdischen Bevölkerungsteil gesprochen werden. Ein Judengetto hat es in Nördlingen nicht gegeben, auch wenn den Juden im Mittelalter eine Straße als Wohnort und als Standort ihrer Synagoge zugewiesen worden war. Diese Straße befand sich jedoch nicht am Rande der Stadt, sondern zweckmäßig in der Nähe des Zentrums, da man die Juden ja für den Handel und für Geldgeschäfte benötigte. Die sog. Judengasse wurde zudem auch von Christen bewohnt, da die Juden nicht zahlreich genug waren, um die gesamte Gasse zu bevölkern. Nach der Vertreibung der Juden aus der Stadt zu Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Bezeichnung „Judengasse“ beibehalten, auch wenn sich erst wieder 1860 ein Jude in Nördlingen niedergelassen hat.

Blickt man über die Stadtmauer hinweg in das nahe Umland, dann fällt auf, dass vor den Toren kaum Bebauung anzutreffen war. Außerhalb standen nur, abgesehen von einigen Städeln und Gartenhäusern, die Bergmühle, der seit dem Dreißigjährigen Krieg aufgelassene Friedhof mit der 1634 abgebrochenen Kirche St. Emmeram, die Richtstätte auf der Marienhöhe und eine weitere vor dem Reimlinger Tor, der Ziegelstadel, das Schießhaus sowie die Leprosenanstalt.

"Innewohnende Ordnung"

Soweit der Blick von oben. Er zeigt, dass hier alles aufeinander abgestimmt ist. Genau diese Harmonie macht das Besondere der mittelalterlichen Stadt aus. Ein Forscher drückte dies in dem Satz aus, dass die Schönheit der mittelalterlichen Stadt „von der ihr innewohnenden Ordnung“ komme. Man könnte es auch so formulieren: Die Stadt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ist ein „Gesamtkunstwerk“, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Altstadt Nördlingens ist ein solches Kunstwerk und deswegen hat Nördlingen einen Sonderstatus, nicht nur wegen der rundum geschlossenen Stadtmauer. Dieses Erbe gilt es zu bewahren und gibt gleichzeitig eine unauflösbare Vorgabe für künftiges Bauen und Wohnen in dieser Stadt.

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