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10.10.2009

"Ich fand die Idee überzeugend, ein goldenes Kalb zu schlachten"

Nördlingen Seit August leitet Robert Böse das Nördlinger Theodor-Heuss-Gymnasium (THG). Böse war zuvor drei Jahre lang stellvertretender Leiter des Albertus-Gymnasiums in Lauingen und neun Jahre Lehrer an einer deutschen Schule in Madrid. Wir sprachen mit dem 53-Jährigen über die Folgen von G8, die Zukunft des THG und die Zeit in Spanien.

RN: Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Nördlingen?

Böse: Nördlingen war mir nicht fremd, von Dillingen aus haben wir oft Ausflüge ins Ries unternommen - noch bevor ich wusste, dass es beruflich mal ein Thema wird. Nördlingen ist, abgesehen vom architektonischen Reichtum, ein wunderbares Beispiel einer gelungenen Kleinstadt, in der man sich wohlfühlen kann.

RN: Sie waren bis 2006 neun Jahre lang in Madrid, einer der lebhaftesten Metropolen Europas. Fiel die Rückkehr ins beschauliche Bayerisch-Schwaben nicht schwer?

"Ich fand die Idee überzeugend, ein goldenes Kalb zu schlachten"

Böse: Man kann nicht unbegrenzt lang an einer deutschen Schule im Ausland arbeiten. Acht Jahre sind möglich, und ich habe sogar verlängert. Wohin man danach in Deutschland kommt, weiß man nicht. Ich wollte in die Schulleitung, zumal ich das in Madrid, als zweiter Stellvertreter, schon war.

RN: Viel Verwaltungsarbeit, wenig Unterricht - viele Lehrer reißen sich nicht darum, eine Schule zu leiten. Was reizt Sie daran?

Böse: Vor allem die Möglichkeit zu gestalten. Man ist zwar durch die gesetzlichen Vorgaben etwas eingeschränkt, aber es geht auch darum, mitverantwortlich zu sein für das, was ich als Klima und Atmosphäre bezeichne.

RN: Haben Sie Erfahrungen mit mangelhaften Arbeitsbedingungen gesammelt, weil Ihnen dieser Aspekt so wichtig ist?

Böse: Ich habe viele Schulleiter kennengelernt und gesehen, wie wichtig es ist, dass Personen eine Atmosphäre schaffen, die eine Schule positiv prägt.

RN: Sie leiteten in Lauingen eine Entwicklungsgruppe, die zur Profilbildung einer Schule beitragen sollte. Warum muss ein Gymnasium ein Profil besitzen?

Böse: Schulen sind nicht gleich und lassen sich auch nicht angleichen. Sie leben davon, welche Personen in ihr arbeiten. Daraus ergeben sich Fragen: Welche Schule sind wir und welche wollen wir sein? Ich will Themen finden, mit denen man nicht so zufrieden war und über die sich Lehrer mit Eltern oder, wenn es um bauliche Dinge geht, mit Vertretern des Schulträgers unterhalten sollen.

RN: Welche Punkte halten Sie am THG für verbesserungswürdig?

Böse: Ich will mich nicht aus dem Fenster lehnen, weil ich erst zwei Monate im Amt bin. Organisatorische Abläufe lassen sich optimieren, aber das sind einfache Dinge. Ein zweiter Punkt betrifft die pädagogische Arbeit. In dieser Hinsicht kenne ich das THG noch kaum, aber als Schulentwicklungsthema halte ich es für ganz wichtig. Wichtig sind zum Dritten die baulichen Entwicklungsmöglichkeiten. Die Gebäude sind teils im Originalzustand und vieles, was mit dem achtstufigen Gymnasium zusammenhängt, ist nicht ausgeprägt. Ein G8 erfordert viel mehr Nachmittagsunterricht, und weil Schüler und Lehrer mehr Zeit an der Schule verbringen, muss es Aufenthaltsräume zum Lernen und Arbeiten geben.

RN: Ohne Anbau dürfte der Wunsch nicht zu erfüllen sein.

Böse: Stimmt, meiner Meinung nach wäre ein Anbau notwendig.

RN: Die Verringerung der Schulzeit im Gymnasium von neun auf acht Jahre war eine umstrittene politische Entscheidung. War sie richtig oder hätte man den Schülern nicht das eine Jahr mehr zur Reife lassen können?

Böse: Man findet für beide Standpunkte Befürworter und Gegner. Ich kenne das G8 aus Madrid, an deutschen Schulen im Ausland gab's das schon länger. Die Ergebnisse dort waren respektabel.

RN: Gehörten Sie von Anfang an zu den Befürwortern des G8?

Böse: Ich hatte die Debatte vom Ausland aus verfolgt und fand die Idee überzeugend, das Goldene Kalb zu schlachten, dass Schule nur eine Vormittagsveranstaltung ist. Nach meiner Rückkehr aus Spanien fiel mir aber auf, dass man versucht hatte, das G8 in ein G9-Schema zu pressen. Das ist auch nach wie vor ein Problem. Die Schule muss zum Lebensraum werden für die Schüler. Was sie bisher zu Hause erledigten, nicht nur Hausaufgaben, auch Sport, Musik, Jugendgruppen, wird sich mehr und mehr in die Schule verlagern.

RN: War nicht die übereilte Einführung des G8 das Problem? Wurde nicht versäumt, die Stofffülle der kürzeren Schulzeit anzupassen?

Böse: Schnelle Einführungen sind nie gut, das weiß man aus dem Alltag. Ein Hausbau braucht auch eine gewisse Zeit, sonst fällt das Haus zusammen. Deshalb trifft die Kritik mit Ausnahme der Oberstufe zu, über die man sich langfristig Gedanken gemacht hatte. Bei der Stofffülle ist man sich nicht einig: Soll weiter das humboldtsche Ideal hochgehalten und ein breites Allgemeinwissen vermittelt werden, oder sollen die Schüler moderne Schlüsselkompetenzen lernen - wie Medienkompetenz, eigenständige Informationsbeschaffung oder Sprachkompetenz, wozu Fremdsprachen, aber auch die deutsche Sprache zählen.

RN: Böten sich Fremdsprachen unter einem Schulleiter Böse am THG nicht zur Profilbildung an? Sie sind Englischlehrer und unterrichten als Wahlfach Spanisch.

Böse: Das THG ist stolz auf seine Tradition und hat als Profil die Vielfalt. Das will ich auf keinen Fall abwürgen. Der mathematisch-naturwissenschaftliche und der neusprachliche Zweig sind für mich gleichbedeutend, hinzu kommt als Ergänzung der wirtschaftliche Zweig. Grundsätzlich würde ich die Aufspaltung in Zweige aber nicht überbewerten. Es handelt sich um drei Jahre, in denen das eine Rolle spielt, und mit der 10. Klasse ist es abgeschlossen.

RN: Wer länger im Ausland lebt, entwickelt oft einen schärferen Blick fürs Geschehen in Deutschland. Wie gut sind die deutschen Schulen?

Böse: Ich war kritischer, als ich gegangen, und unkritischer, als ich zurückgekehrt bin. Man lernt das deutsche Schulsystem zu schätzen.

RN: Was ist für Sie besonders positiv?

Böse: In der deutschen Schule in Madrid waren wir in den Fremdsprachen sehr erfolgreich. Bei uns lernten die Kinder vier Sprachen auf hohem Niveau: Deutsch, Spanisch, Englisch, Französisch. Das wussten auch die spanischen Eltern, von denen immer mehr ihre Kinder an unsere Schule bringen wollten. Das ging so weit, dass wir nicht alle aufnehmen konnten. Was in Deutschland oft beklagt wird, ist die Verrechtlichung an Schulen. Doch es kann auch ein Schutz sein, dass die Dinge klar geregelt sind und nicht Einzelne die Regeln elegant umgehen können.

RN: Während Ihrer Zeit in Madrid haben Sie nicht nur in der evangelischen Gemeinde mitgewirkt, sondern sich auch um deutsche Strafgefangene gekümmert. Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Engagement?

Böse: Die Botschaften und Konsulate haben die Aufgabe, die inhaftierten Deutschen im Ausland zu betreuen. Das sind Hunderte Gefangene, aber dafür zuständig im Konsulat ist eine einzige Person. Deshalb helfen andere Leute mit. Einmal im Monat ging ich in ein Gefängnis, um mit den Leuten zu sprechen, weil sie sonst niemand besucht.

RN: Weshalb saßen die Deutschen ein?

Böse: Wegen Mordes oder aufgrund von Drogendelikten. Tragische Fälle waren darunter: Leute wurden als Lockvogel eingesetzt oder sollten bei Drogenschmuggel die spanischen Zollbeamten ablenken. Wurden sie erwischt, mussten sie für drei, sechs oder neun Jahre ins Gefängnis. Die spanische Gesetzgebung ist rigoros.

RN: Sie könnten Ihr Engagement zum Beispiel in Kaisheim fortsetzen.

Böse: Zurzeit halte ich still, weil ich beruflich stark ausgelastet bin. Das gilt auch für Aktivitäten in der Kirchengemeinde. In Spanien sind Pfarrer oft für die Deutschen im ganzen Land zuständig und auf Mithilfe angewiesen. Deshalb absolvierte ich die Prädikantenausbildung und durfte selbst Gottesdienste abhalten. Hier in Deutschland gehe ich auch regelmäßig in die Kirche, fühle mich aber sehr wohl auf den Besucherbänken.

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