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Nostalgie

08.10.2016

In diesem Auto kam sogar ein Kind zur Welt

BMW-Dixie der Krämerin Christine Müller aus Schrattenhofen (nach 1927); es war eines der ersten Automobile auf den Dörfern, das von einer Frau gefahren wurde.
Bild:  F. Steinmeier

Dieses besondere Auto fuhr die Krämerin von Schrattenhofen. Sie war sogar eine der ersten Fahrerinnen im Ries überhaupt.

In jedem Ort gab es früher schon fortschrittliche Leute. Bauern kauften sich einen Bulldog, andere ein Auto. In Heroldingen hatte nach dem Krieg als einer der ersten der Pfarrer einen 600er Lloyd und die Krämerin vom nahen Schrattenhofen ebenfalls. Dieser guten Frau Müller, die wir Kinder eigentlich alle gern hatten, weil wir beim Einkauf in ihrem Laden stets „a Gutsle“ bekamen, spielten wir Ende der 1950er Jahre einmal einen dummen Streich, indem wir in den Auspuff des vor dem Heroldinger Wirtshaus geparkten Autos eine rohe Kartoffel steckten, die wir auf der Straße gefunden hatten. Natürlich sprang das Fahrzeug nicht an und wir freuten uns diebisch darüber. Der Schmied fand die Ursache und behob den „Schaden“, verständigte jedoch den Oberlehrer, der Tags darauf uns Übeltäter ermittelte und auch bestrafte.

Christine Müller hatte aber schon Jahrzehnte früher ein BMW-Dixie, wie die verstorbene Gerda Schupp-Schied in ihrem 9. und letzten, 2014 beim Steinmeier-Verlag erschienenen Band „Hommelbloama-Wei“ (Seiten 143 bis 145) festgehalten hat. Beim Thema „Frau am Steuer“ berichtet sie, was sie von ihrem in Möttingen geborenen Gewährsmann Dr. Gerhard Seiler erfahren hatte: „Als Frau am Steuer ist mir auch noch eine Frau aus Schrattenhofen in Erinnerung. Ich glaube, sie war Eier- oder Geflügelhändlerin und hatte wohl einen kleinen ‚Hanomag’. Bei der Frau handelte es sich um Christine Müller, geborene Herrmann. In Schrattenhofen betrieb sie einen Krämerladen. Ihr Neffe Friedrich Herrmann in Wörnitzostheim erinnert sich noch lebhaft an das erste Auto seiner Tante. „Sie hatte das Automobil, einen BMW-Dixie, 1926/27 gekauft, und es wurde als Liefer- bzw. Allzweck-Auto bis 1955 eingesetzt. Das Cabrio hatte noch keinen Anlasser, es musste mit einer Handkurbel unterhalb des Kühlers angeworfen werden. Mit 13 oder 14 Jahren durfte ich es manchmal starten und im Hof vor- und rückwärts fahren.“ Schmunzelnd berichtet Friedrich Herrmann, dass im „Dixie’ der Tante sogar ein Kind das Licht der Welt erblickt habe. Auf der Fahrt ins Krankenhaus brachte eine werdende Mutter aus Wörnitzostheim auf der holperigen Straße zwischen „Oaschte ond Alre“ ihren ersten Zwillingsbuben im Auto zur Welt.

Die ganze Klasse hielt das Auto an

An das „Wägele“ der Schrattenhofener Krämerin und an damit verbundene „Jugendsünden“ erinnert sich auch noch Pfarrer Eugen Hänle in Fremdingen. „In meiner Gymnasialzeit in den 1940er Jahren an der Oberrealschule im Hallgebäude am Nördlinger Weinmarkt gab es dort nicht genügend Raum, sodass etliche Klassen ins Tanzhaus ausgelagert wurden, darunter auch meine Klasse. „D Krämere vo Schrattahofa“ stand mit ihrem leichten Gefährt bei Unterrichtsende oft vor dem Tanzhaus gegenüber dem Rathaus, um in den Geschäften im Erdgeschoss einzukaufen. Wenn nun unsere ganze Bubenklasse ihr Auto festhielt, kam sie nicht vom Fleck; der Motor starb ab, sie musste aussteigen und mit dem Triebel vorne den Motor wieder anwerfen.“ Soweit der Beitrag von Gerda Schupp-Schied.

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