1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Jedermann: Premiere in ungewohnter Umgebung

Nördlingen

13.07.2018

Jedermann: Premiere in ungewohnter Umgebung

Copy%20of%20fotohirsch_van_jedermann_2A1B8064.tif
2 Bilder
Neues Stück an neuem Ort: „Der bayrische Jedermann“ wird insgesamt zehnmal auf dem Platz vor Sankt Salvator aufgeführt, Donnerstagabend feierte der Verein Alt Nördlingen Premiere.
Bild: Cara Irina Wagner

„Der bayrische Jedermann“ unterhält in den Massenszenen. Doch nicht immer können Text und Spiel des Stückes die puristische Kulisse tragen.

Kein leichtes Stück hat sich der Verein Alt Nördlingen für die Freilichtsaison ausgesucht: „Der bayrische Jedermann“ handelt von Tod und Sterben. In der volkstümlichen Inszenierung von Spielleiterin Ulla Schrödersecker, die den Posten während der Proben von Helmi Kling übernommen hatte, überzeugten die Schauspieler, die eigentlich keine Personen darstellten.

Raus aus der Komfort-Zone, der Alten Bastei, auf den Platz vor der Salvator-Kirche, wo eine große Zuschauertribüne geschickt eingepasst wurde. Eine gewohnte Spielstätte mit bekannten und bewährten Möglichkeiten gegen einen zwar monumentalen, aber nüchternen Platz als Bühne einzutauschen, das war mutig. Dort waren weit weniger Variationen möglich als in der Bastei. Die Tiefe der Bühne nutzten nur wenige Schauspieler geschickt aus.

Wenn größtenteils auf Kulisse und Requisite verzichtet wird, dann müssen Text und das Spiel die Handlung und die verschiedenen Stimmungen alleine tragen. Bei der nicht ganz ausverkauften Premiere am Donnerstagabend gelang dies nicht in allen Szenen. So schleppten sich die ersten Minuten dahin. Die Stimme des Herrn aus dem Off vor leerer Bühne war etwas befremdlich: Gott persönlich klagt über die verdorbene Menschheit und will am reichen Jedermann ein Exempel statuieren. In der Rolle des Jedermann tritt Steffen Höhn mit dem dicken und dem dünnen Vetter (Timo Meister und Matthias Kornmann) auf die Bühne, dazu kommt Jedermanns Freund (Fabian Merk), der seine Geschäfte in der Stadt führt. Wie die Verfehlungen des Jedermann aussehen, bleibt vage. Zwar besprechen die vier Akteure Besitz und Einkünfte. Jedermann ist dabei aber weder der skrupellose Managertyp noch ein Aufreißer oder Unsympath. Die Rolle, die von der Regie nicht schwarz und nicht weiß angelegt ist, wird Höhn im Lauf des Abends nicht immer ausfüllen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Doch zunächst sollen die Zuschauer erfahren, wie gnadenlos der Jedermann mit einem armen Nachbarn verfährt. Michael Eßmann spielt in dieser kleinen Szene überzeugend den Mann, der jeglichen Stolz verloren hat, vor dem reichen Mann sogar in den Staub fällt. Vorwürfe, dass schon Jedermanns Vater ein Ausbeuter gewesen sei, bringt er vor. Ob sich Jedermann dem Nachbarn verpflichtet fühlt oder ihn einfach los werden will, bleibt unklar.

Auch der Auftritt der Mutter ist im Ansatz gut gedacht, lässt aber zu viele Fragen offen. Jedermanns Mutter (Gudrun Meier) ist als extremer Charakter angelegt, mahnt den Sohn, doch zu beichten und zu heiraten. Beides ist ihr so wichtig, dass es fast ins Komische abdriftet. Als Jedermann sie beschwichtigt, ertönt eine Klarinette, „Engelsmusik“, die aber sofort von einer lauten Blaskapelle übertönt wird. Endlich ist etwas los auf der Bühne. Mit gut 30 Leuten ziehen Musiker und eine bunte Gästeschar ein, es wird getanzt und gelacht. Mitten unter den Trachten- und Landhausmode-Frauen ist die Buhlschaft (Victoria Schrödersecker), auffällig im roten Korsagen-Kleid. Aus den Musikern lösen sich drei Vorsänger (Alexander Plöger, Josef Taglieber und Franz Klaus), die mit G’stanzeln im Dreivierteltakt das Festmahl einläuten. Aber Jedermann ist nicht in Stimmung. Er glaubt, seine Gäste nicht zu erkennen, sieht sie im Totenhemd dasitzen, hat Erscheinungen und beteiligt sich an keinerlei Späßen. In dieser großen Szene funktioniert die Theater-Unterhaltung: Gelächter, ein Stille-Post-Spiel, Einwürfe von links und rechts, frivole Andeutungen, der dicke Vetter als witziger Wortführer, dazwischen Jedermann als Spaßverderber. Glockengeläut dröhnt, die Gäste sind verstört, mitten unter ihnen steht plötzlich der Tod (Alexander Knief). Die Vorsänger versuchen, die Stimmung zu retten, Alexander Plöger hat die Lacher auf seiner Seite, als er mit Sopran-Stimme und Kopftuch die Geliebte eines Ritters gibt. Besser könnte der Kontrast nicht sein, denn der Tod lässt sich nicht aufhalten. Die Szene friert ein. Es gibt kein Entrinnen.

Zuvor gelingt es der Buhlschaft noch, zu Jedermann in seinem Wahn durchzudringen. Trotzdem wäre im Zusammenspiel der beiden noch mehr Leidenschaft möglich gewesen.

Getragen wird die Aufführung von einigen Nebenrollen, besonders vom „Mammon“, dem personifizierten Reichtum. Michael Eßmann steigt aus einer Schatztruhe mit Federhut und Schützenmeister-Jackett. Er zeigt, dass ein guter Schauspieler nicht viel Platz braucht und auf kleinstem Raum in einer Truhe agieren kann.

Als Jedermann von allen Freunden verlassen wird, bleiben seine „Werke“. Auch hier wird ein abstraktes Wort zur Person. Karin Leinfelder robbt in Lumpen gehüllt an der Kirchenwand entlang, die Stimme zittert, ist dennoch klar und passend. Dagegen wirkt der Glaube, als große Frau in Burgfräulein-Optik mit Kreuz, aufgesetzt. Dann kommt noch Luzifer (Marcus Prügel) und hüpft wie ein Rumpelstilzchen über die gesamte Bühne. Eine schöne Rolle, die ein letztes Mal Schwung in die Handlung bringt.

Als die Reue des Jedermanns vollzogen ist, tritt er als geläuterter Mann aus der Kirchentür. Begleitet von Freddy-Mercury-Klängen („Who wants to live forever“), kann er seine letzte Reise antreten.

Der bayrische Jedermann überzeugt vor allem in den Massenszenen und durch routinierte Darsteller, die keine Angst vor der großen Bühne haben. Wo die Figuren nicht exakt ausgearbeitet sind, wird es für Laien schwierig, überzeugend zu spielen. Der Premieren-Applaus war demnach nicht überschwänglich, aber sehr ordentlich.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
RN_7228.jpg
Bildergalerie

Gewerbeschau und Kürbisfest in Alerheim.

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden