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Bühne

27.10.2018

Kampf gegen das große Vergessen

Uwe Spille und Britta Martin erhielten im Nördlinger Schrannensaal viel Applaus für ihre Darbietung.
Bild: Kutscherauer

Wie im berührenden Schauspiel „Dementieren zwecklos“ in der Alten Schranne in Nördlingen ein schwieriges Thema facettenreich aufgearbeitet wird

„Oben klar und unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht.“ Der zitierte Reim aus dem „Gebet eines Achtzigjährigen“ lässt einen schmunzeln. Doch was tun, wenn der Kopf plötzlich nicht mehr richtig funktioniert, wenn die Diagnose Demenz gestellt wird? Mit Fragen rund um diese schwierige Thematik beschäftigt sich das kabarettistische Schauspiel „Dementieren zwecklos“ von Uwe Spille und Britta Martin, das im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Stadt Nördlingen zum Welt-Alzheimertag in der Alten Schranne aufgeführt wurde.

Im Mittelpunkt steht dabei das seit 40 Jahren verheiratete Ehepaar Heinz und Irene, das sich nach einem erfüllten Arbeits- und Familienleben an seinem wohlverdienten Ruhestand erfreut. In kurzen, schlaglichtartigen Szenen werden die Zuschauer in der Folge Zeugen eines unaufhaltsam voranschreitenden Prozesses: Während zu Beginn noch jeder der beiden Ehepartner seine Rituale und Marotten pflegt, stellen sich bei Irene gelegentlich Wortfindungsprobleme ein („es fühlt sich an, als wären die Wörter durch ein Sieb gefallen“). Als die niederschmetternde Diagnose Demenz gestellt wird, bricht für Irene zunächst die Welt zusammen („Ich verblöde!“). Und obwohl Heinz sich rührend um seine geliebte Frau kümmert („Schön, dass ich bei dir in aller Ruhe den Verstand verlieren darf“), mit ihr in ein Mehrgenerationenhaus zieht und eine Nachmittagsbetreuung organisiert, ist die dramatische Entwicklung nicht zu stoppen.

Zwischen den Spielszenen treten Uwe Spille, der auch der Autor des Stücks ist, und Britta Martin wie Moderatoren einer Show auf und stellen die jeweilige Situation in einen medizinischen, gesellschaftlichen, soziokulturellen und politischen Kontext. Dabei gibt es reichlich Interessantes und Wissenswertes zu erfahren, etwa dass Demenz keine Erscheinung der Neuzeit oder eine Frage der Intelligenz ist. So gehörten auch große Geister wie Immanuel Kant oder Lenin zum großen Kreis der Betroffenen.

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Zudem werden artverwandte Problemfelder angerissen, gezielt Impulse gesetzt und Fragen aufgeworfen: Ist Demenz überhaupt als Krankheit einzustufen oder eher als „natürliche Folge des Alterns“? Schließlich werden jährlich Milliarden für zweifelhafte Medikamente der Pharma-Industrie ausgegeben, während Behandlungserfolge eher bei Naturprodukten wie Cannabis zu verzeichnen sind. Oder wie stehen wir als Gesellschaft der pränatalen Diagnostik im Zusammenhang mit Trisomie 21 gegenüber? Und wie ist es moralisch einzuordnen, wenn sich ein aufopferungsvoll Pflegender in jemand anderen verliebt, ohne den dementen Partner zu vernachlässigen? Reichlich Stoff für die Besucher zur Selbstreflexion.

Während der gesamten Aufführung stehen die beiden Protagonisten in direktem Kontakt mit dem Publikum, sprechen dieses direkt an und verarbeiten eingebrachte Beiträge unmittelbar. Diese Konfrontation führt zu hoher Aufmerksamkeit und Konzentration im Saal, mitunter kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Geschickt flechten Spille und Martin jedoch viele kabarettistisch-witzige Passagen in ihr „kleines Schauspiel über das große Vergessen“ ein. So werden die Besucher nicht von der Schwere der Thematik erdrückt, vielmehr entsteht eine positive, mitunter heitere Grundstimmung, ohne die Ernsthaftigkeit der facettenreichen Inhalte zu verletzen. Auf diese Weise sind die rund 180 Zuschauer in der Alten Schranne mehr als eineinhalb Stunden lang gefesselt und dennoch aktiv – was wiederum die stark agierenden Schauspieler zusätzlich anspornt, wie diese nach der Vorstellung preisgeben. Am Ende gibt es ausgiebigen Applaus für Britta Martin und Uwe Spille für „Dementieren zwecklos“, einen eindrucksvollen und nachwirkenden Beitrag zur Veranstaltungsreihe „Nördlingen verbindet – Demenz geht uns alle an“.

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