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Prozess in Nördlingen

20.10.2016

Katastrophaler Unfall: Wie Sekunden das Leben einer Familie zerstörten

Bei dem Unfall zwischen Holheim und Nähermemmingen am 13. März starb eine Frau.
Bild: Dieter Mack

Ein Autofahrer aus dem Ries nimmt mit Alkohol im Blut einer Familie die Vorfahrt. Bei dem fatalen Unfall stirbt eine Frau. Nun wurde der Fall am Nördlinger Amtsgericht verhandelt.

An der Kreuzung schrie die Frau auf dem Beifahrersitz plötzlich auf, und ihr Sohn, hinten auf der Rückbank, schrie auch. Der Ehemann, der hinterm Steuer saß, schaute noch nach rechts durchs Fenster, ehe es krachte. Aber was heißt schon krachte. „Es ist nicht zu beschreiben, wie stark der Einschlag war“, sagt der Mann nun. Der 13. März war ein angenehmer Tag, mildes Wetter, kein Regen. Die Familie war zu Besuch bei der Oma, am Nachmittag fuhren sie zurück. Sie waren auf der Kreisstraße bei Holheim unterwegs, ein normaler Sonntag einer glücklichen Familie.

Was dann passierte, erzählt der Mann im Gerichtssaal des Nördlinger Amtsgerichtes, wo er als Zeuge geladen ist. Er erzählt es detailreich und mit halbwegs gefasster Stimme, aber es ist kaum zu ertragen. Er schildert, wie das andere Auto „mit einer Wahnsinnswucht“ ihren Wagen rammte, der sich überschlug und irgendwann liegen blieb. Wie er dann seine Frau neben sich sah und wusste, dass sie starb, so schwer waren ihre Verletzungen.

"Auf dem Höhepunkt unseres Lebens auseinandergerissen"

Heute, sieben Monate später, geht der Mann, ein 49-Jähriger aus dem Landkreis Dillingen, immer noch auf Krücken. Sein Becken war gebrochen damals, seine Wirbelsäule ist stark lädiert. Massive Schmerzen hat er immer noch. Ob er jemals wieder wird arbeiten können, ist unklar. Sein Sohn, ein Schulkind, ist stark traumatisiert, auch er hat Probleme an der Wirbelsäule, psychologisch betreut werden beide. „Auf dem Höhepunkt unseres Lebens wurden wir auseinandergerissen“, sagt der Mann.

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Ihr Leben, das sie bis zum Unfall geführt haben, ist zerstört, das des Angeklagten ist es auch. Das ist ein 43-Jähriger aus dem Ries, der an dem Tag im März alleine mit seinem Auto unterwegs war, dem Wagen der Familie beim Überqueren der Kreisstraße die Vorfahrt nahm und ihn ungebremst rammte. Er fuhr, so hat es ein Verkehrsgutachter ermittelt, wohl mit zwischen 85 bis 95 Stundenkilometern. Er hatte 0,89 Promille Alkohol im Blut. Fahrlässige Tötung wirft die Staatsanwaltschaft Augsburg ihm unter anderem vor, der 43-Jährige räumt alles ein.

Es tue ihm unsagbar leid, sagt er mit zitternder Stimme. Sein Verteidiger Bernd Scharinger hatte zuvor eine Erklärung verlesen, dass kein Tag vergehe, an dem sein Mandant nicht an das Leid der Opferfamilie denke. Und dass der Anglekagte, der selber noch in psychologischer Behandlung sei, die volle Verantwortung übernehme. Der Angeklagte ist Familienvater, in festem Berufsverhältnis, ohne Vorstrafen. Ein bis dahin unauffälliger Bürger, „der einen katastrophalen Fehler gemacht hat“, wie es Helmut Beyschlag formuliert, Vorsitzender Richter des Schöffengerichtes.

Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Haft

Drei Bier habe er an dem Tag des Unfalls zum Frühschoppen getrunken, sagt der Angeklagte. Was nicht passen will zu seinem Alkoholgehalt im Blut, Stunden später. Diese Aussage glaube er daher auch nicht, sagt Staatsanwalt Franz Wörz später in seinem Plädoyer. Er nehme dem Angeklagten durchaus ab, dass er selber unter der Tat leide, aber man müsse ihre Auswirkungen bedenken. Eine Frau, die starb, zwei weitere Menschen, die schwer verletzt wurden und ein Leben lang unter den Folgen des Unfalls leiden werden. „Es geht kaum schlimmer.“

Wörz fordert zwei Jahre Haft für den 43-Jährigen, ohne Bewährung. Sven Gaudernack, der als Anwalt der Nebenklage die Opferfamilie vertritt, schließt sich ihm an. Juristisch sei die Tat nicht schwierig zu bewerten, sagt er. Menschlich schon. Die Familie wolle wissen, was wirklich passierte. Strafverteidiger Scharinger plädiert auf eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten.

Das Schöffengericht verurteilt den 43-Jährigen schließlich zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Kein Urteil, sagt Beyschlag, könne der Familie den geliebten Menschen zurückbringen. Der Angeklagte sei „keinesfalls ein Krimineller“, habe Reue gezeigt und erfülle auch einige Bedingungen für eine Bewährungsstrafe, aber man müsse auch die „Verteidigung der Rechtsordnung“ berücksichtigen. Soll heißen: Das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat müsse durch das Urteil gegeben bleiben. Die Botschaft einer Bewährungsstrafe, sagt Beyschlag, wäre in dem Fall fatal.

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