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Geschichte

22.02.2015

„Kaum einer nahm den Alarm ernst“

Die Bomber kamen und hinterließen Schutt und Asche, wie auf dieser historischen Aufnahme von Josef Fischer zu sehen ist. Als 47 amerikanische Bomber am 23. Februar 1945 mehr als 500 Sprengbomben über Oettingen abwarfen, war die Bevölkerung der Stadt nicht vorbereitet. Zwar gab es einen Luftalarm – doch den hatte es an den Tagen und Wochen zuvor auch oft gegeben, über 100 Mal. Die Alarme waren stets leere Drohungen gewesen. Dieses Mal war es anders: 199 Menschen starben.
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Die Bomber kamen und hinterließen Schutt und Asche, wie auf dieser historischen Aufnahme von Josef Fischer zu sehen ist. Als 47 amerikanische Bomber am 23. Februar 1945 mehr als 500 Sprengbomben über Oettingen abwarfen, war die Bevölkerung der Stadt nicht vorbereitet. Zwar gab es einen Luftalarm – doch den hatte es an den Tagen und Wochen zuvor auch oft gegeben, über 100 Mal. Die Alarme waren stets leere Drohungen gewesen. Dieses Mal war es anders: 199 Menschen starben.
Bild: Josef Fischer

Vor 70 Jahren gab es in Oettingen fast täglich Luftwarnungen, sie sind für die Bevölkerung fast schon Routine. Doch am 23. Februar ist alles anders. Amerikanische Bomber werfen über 500 Sprengbomben über Oettingen ab. Die Stadt traf es besonders hart.

Vor mehr als 70 Jahren, genau am 30. Dezember 1944, pries die „Nationalzeitung des Oberen Rieses“ und „Amtliches Verkündungsblatt der NSDAP“ – der Oettinger Anzeiger also – den „ungebrochenen Kampfgeist“ der Rieser.

Im Oettinger Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) sangen vor 70 Jahren die Kleinsten mit ihren Kindergärtnerinnen lauthals Loblieder auf den Führer. Kindergartenlieder, die zum Beispiel davon erzählen, wie sehr das deutsche Kind seinen Führer liebt.

Vor 70 Jahren kam in und um Oettingen der Schulunterricht fast zum Erliegen. Schließlich waren fast alle Lehrer an der Front. Wenn überhaupt, dann fand Unterricht in Behelfsräumen statt. In den eigentlichen Schulhäusern lagen nämlich verletzte ungarische Soldaten eines ungarischen Lazaretts. Damals kam fast die Hälfte der Oettinger Schüler aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet – sie waren evakuiert worden. Nach Oettingen, in Sicherheit gebracht.

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Am 23. Februar, genau vor 70 Jahren, war für die Oettinger Kinder, schon um kurz nach elf Uhr die Schule aus. Der Grund für den vorgezogenen Schulschluss: Luftalarm. Daran waren die Oettinger gewöhnt. Denn seit 1944 war mehrmals in der Woche Luftalarm, gefühlt wohl fast täglich. Den Aufzeichnungen des Oettinger Stadtchronisten, Kirchenrat Felsenstein, zufolge waren es im Jahr 1944 etwas über 100 Alarme. Aber bis zum Freitag, den 23. Februar 1945, blieben diese Alarme für die Stadt eine zwar fast tägliche, aber vor allem, eine leere Drohung.

„Auch an diesem Freitag, nahm wohl kaum einer den Alarm ernst. In der Bevölkerung herrschte die Meinung, die Stadt käme als Ziel kaum in Frage“ so die Historikerin Dr. Petra Ostenrieder, Leiterin des Heimatmuseums Oettingen.

Anlässlich des 70. Jahrestages des Bombenangriffs auf Oettingen hat sie geschriebene und erzählte Augenzeugenberichte, Dokumente und Gegenstände, die das Leben in Oettingen vor, während und nach dem Bombenangriff lebendig machen, zu einer Sonderausstellung mit dem Titel „1945 – Oettingen vor 70 Jahren“, zusammengetragen.

199 tote Männer, Frauen und Kinder - 100 verwundete Menschen - 700 obdachlose Menschen - zerstörte Bahnanlagen und 300 zerstörte und beschädigte Gebäude waren die Bilanz des am 23. Februar 1945 erfolgten Bombenangriffs auf Oettingen.

Nur wenige Oettinger seien an jenem Freitag in die Schutzräume gegangen, wie zum Beispiel in den Luftschutzkeller hinter der Krone, rekapituliert Ostenrieder die Ereignisse vom 23. Februar. Überhaupt gab es keine wirklich geeigneten Luftschutzräume – kein Vergleich zu den großen Städten.

So traf es Oettingen besonders hart, an jenem sonnigen Freitag, als rund 500 Bomben auf die 2800 Einwohner der Stadt herabfielen. Oettingen war ein so genanntes Ausweichziel des „94. Wing“ der „8. USA Air Force“ im Rahmen der US-Militäraktion „Clarion“. Eigentlich hätte es an diesem Tag Eger und Bamberg treffen sollen. Aber dort waren die Sichtverhältnisse zu schlecht. So wurden Oettingen, Treuchtlingen (in der Eisenbahnerstadt starben damals knapp 500 Menschen) und Ellingen bombardiert.

Der Angriff erfolgte in vier Wellen, die in der kurzen Zeit von 12.26 Uhr bis 12.42 Uhr erfolgten. Innerhalb von 16 Minuten flogen 47 amerikanische Bomber über Oettingen und warfen dort ihre Sprengbomben ab. „Zum Teil suchten die Menschen erst nach der ersten Welle Schutz. Viele wurden unter den Trümmern der Häuser erdrückt oder verschüttet“, so Petra Ostenrieder. 199 Menschen starben bei diesem Angriff. Elf Prozent des bebauten Oettinger Stadtgebiets wurden in dieser einen Viertelstunde in Schutt und Asche gelegt. Schwer getroffen wurden die Mittlere Vorstadt im Bereich der Schützenstraße, das Gebiet um das Reithaus zur Königsstraße, der Bahnhof und die Eisenbahnbrücke.

„Unmittelbar nach dem Angriff begann man, die Opfer zu bergen und nach Verschütteten zu graben. Manche fand man erst nach Tagen, einzelne erst Monate oder Jahre später. Einige nie.“ Auf allen möglichen Gefährten habe man die Verwundeten transportiert. Auf Leiterwagen, Handwagen oder Schubkarren brachte man sie zum Krankenhaus oder ins Johannespensionat, das seit Dezember 1944 als Hilfskrankenhaus gedient hatte. Zunächst galt es, die Straßen frei zu räumen. Vor allem Königstor und Zwingertor waren wegen des Schutts kaum noch passierbar. Bauern kamen mit ihren Fuhrwerken, um den Schutt abzufahren.

Eine Katastrophe bisher ungekannten Ausmaßes für die Klein-stadt – aber eine Katastrophe, die das NS-Regime auch in Oettingen nicht wahrhaben wollte: „Weder am 24., noch am 25. Februar wurde im Oettinger Anzeiger über die Ereignisse berichtet“, sagt die Museumsleiterin.

Der Leser musste bis zum 28. Februar auf den ersten versteckten Hinweis auf den amerikanischen Bombenangriff warten: Knapp wurden Stadt- und Kreisleiter zur Trauerfeier eingeladen und ein kleiner Aufruf für die obdachlos gewordenen Volksgenossen veröffentlicht. „Erst am 10. März 1945 erscheint die Todesanzeige, in der 194 Personen aufgeführt sind.“

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