Newsticker

Wirtschaftsweise: Teil-Lockdown kaum Auswirkungen auf Wirtschaftskraft
  1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Kein Stein wie der andere

Deiningen

28.11.2017

Kein Stein wie der andere

Jakob Roser bearbeitet einen Steinquader in der Werkstatt der Firma Wittner in Deiningen. Er wurde Kammersieger im Bezirk Schwaben für sein Gesellenstück.
2 Bilder
Jakob Roser bearbeitet einen Steinquader in der Werkstatt der Firma Wittner in Deiningen. Er wurde Kammersieger im Bezirk Schwaben für sein Gesellenstück.
Bild: Denis Dworatschek

Zwei Azubis der Firma Wittner aus Deiningen haben in diesem Jahr ihre Gesellenprüfung absolviert. Was ihre Handwerkskunst mit St. Georg zu tun hat.

Mit ruhigen Händen und sanften Bewegungen entfernt Amin Eskandari den Belag von der alten Steinplatte. Darunter kommt eine geschwungene, eingravierte Schrift zum Vorschein. Gleich daneben das krasse Kontrastprogramm: Jakob Roser schlägt mit einem Knüpfel – einem zylinderförmigen Holzhammer – auf ein Schlageisen, um die Ränder eines Steinquaders abzutragen. Rhythmisch hallen die wuchtigen Schläge durch die Werkstatt bei der Deininger Firma Wittner. Eskandari und Roser haben in diesem Jahr ihre Gesellenprüfung erfolgreich absolviert – einer erhielt eine Auszeichnung für seinen Abschluss, der andere war zu alt.

„Das ist nicht einfach eine schriftliche Prüfung, sondern auch eine praktische, bei der sie ein Gesellenstück anfertigen mussten“, erklärt Matthias Wittner, der die Azubis ausbildete. Beide haben ein hervorragendes Prüfungsergebnis erzielt. Ihre Gesellenstücke waren Rekonstruktionen von Teilen der St. Georgs-Kirche in Nördlingen. „Die Stücke bestehen aus dem Originalgestein, also aus Suevit, und sie werden an der Kirche verbaut, sobald der Architekt einverstanden ist“, sagt Wittner. Bei dem Material handele es sich um eine schwierige Gesteinsart. Mal seien Teile eines Blocks weich, mal hart. „Kein Stein ist wie der andere“, so der Ausbilder. Man muss vorsichtig arbeiten. „Oft frage ich mich bei der Arbeit, wie die das früher gemacht haben“, sagt Jakob Roser.

Er wurde Kammersieger im Bezirk der Handwerkskammer Schwaben mit seinem Stück des südlichen Eingangsportals der Kirche in Nördlingen. Er erstellte Schablonen am Originalstück, die er später bei seiner Arbeit anwendete. Das Gesellenstück ist aber nicht in Deiningen entstanden, sondern bei einer anderen Firma, so Wittner. „Damit bei der Prüfung alles mit rechten Dingen zugeht, überwacht ein Schaumeister die Arbeiten“, erklärt er. Eine Kommission in München habe letztlich alle Gesellenstücke abgenommen.

Amin Eskandari: Vom Stuckateur aus Afghanistan zum Steinmetz in Deiningen

Bei Amin Eskandari sah die Prüfung im März ähnlich aus. Er rekonstruierte ein Teil des Hauptportals, das sich in der Windgasse befindet. Allein für die Recherche habe er rund eine Woche gebraucht. „Von dem ursprünglichen Stück war nicht mehr viel da“, sagt Eskandari. Über das Stadtarchiv versuchte er, Bilder zu finden. Ganz zum Schluss stand dann die Arbeit am Stein an. „Auch seine Arbeit hätte eine Auszeichnung verdient“, sagt Wittner. Jedoch war er zum Zeitpunkt der Prüfung zu alt gewesen, sagt der Ausbilder. Amin Eskandari stammt nämlich ursprünglich aus Afghanistan. 2009 floh er nach Deutschland. „Ich habe als Stuckateur und Teppichknüpfer in meiner Heimat gearbeitet“, erzählt der 29-Jährige. Seit 2013 arbeitete er bei Wittner, wo er zwei Jahre später eine Umschulung zum Steinmetz begann. Für ihn seien beide Lehrjahre „sehr hart“ gewesen. Wegen der Umschulung habe er eine verkürzte Ausbildung machen müssen. „Die Theorie machte mir Probleme, ich hatte anfangs schlechte Noten“, erinnert er sich. Jedoch habe ihn das nur noch mehr motiviert. Die Abschlussprüfung sei dann gut gewesen.

Jakob Roser hatte einen anderen Werdegang. In der siebten Klasse leistete er ein Praktikum bei einer Steinmetz-Firma. „Ich wusste danach, das will ich später machen“, erinnert er sich. Matthias Wittner freut sich über seine Gesellen: „Schön, dass es noch Jungs gibt, die großes Interesse an dem Beruf haben.“ Es sei schwer, junge Menschen zu finden. Seit September dieses Jahres hat die Firma wieder einen neuen Lehrling eingestellt. Ein zweiter sei nach kurzer Zeit abgesprungen. Und was machen die zwei Gesellen jetzt? Roser und Eskandari arbeiten zurzeit an verschiedenen Kirchen. St. Georg sei aber was ganz Besonderes für sie. „Später kann ich hingehen und mein rekonstruiertes Stück anschauen“, sagt Eskandari, der seit Kurzem eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hat.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren