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Kleinkunst

16.04.2018

Keine Lust zum Däumchen drehen

Pfarrer und Kabarettist Rainer Schmidt begeisterte im Nördlinger Schrannensaal. „Behinderung ist Verunsicherung“, sagte er.
Bild: Toni Kutscherauer

Der Pfarrer und Kabarettist Rainer Schmidt hat kurze Arme. Warum das für ihn keine Behinderung darstellt

Es war ein toller Kleinkunst-Abend in der Alten Schranne, wie viele andere in der Vergangenheit auch. Und doch irgendwie anders – anders im positiven Sinn. Denn der Satire-Künstler, den die Lebenshilfe Donau-Ries in Kooperation mit der Stadt Nördlingen eingeladen hatte, war Rainer Schmidt, seines Zeichens evangelischer Pfarrer, Buchautor, Moderator, Olympiasieger und gefragter Kabarettist.

Rainer Schmidt wurde mit dem extrem seltenen FFU-Sydrom geboren, weshalb er sehr kurze Arme mit nur einem „Däumchen“ und einen stark verkürzten Oberschenkel hat. Während dies für seine Oma seinerzeit ein öffentlich beklagter Schock war („sie hat damals Facebook erfunden“), hat der kleine Rainer dies nie als Behinderung empfunden. Denn seine Kindheit erlebte er in im behüteten Umfeld der Dorfgemeinschaft („inklusives Aufwachsen“). „Behindert fühlte ich mich erst in der Förderschule“, wo er „zusammen mit Kindern von Investmentbankern und Diktatoren“ unterrichtet wurde. Aus diesem „Gruselkabinett“ befreit, habe er jedoch seinen privaten und beruflichen Weg beschreiten können.

„Behinderung ist Verunsicherung“, erklärt Schmidt, denn viele wüssten nicht, wie sie Menschen wie ihm gegenübertreten sollten. Anekdotisch belegt er dies anhand eines priesterlichen Beerdigungsbesuchs, als er für einen Postkartenverkäufer gehalten wird. Deshalb spricht der 53-Jährige das Publikum im Schrannensaal offen und direkt an: „Sagen Sie mir, was ich nicht kann!“ Nach zunächst zaghaften Äußerungen wird schnell deutlich, dass sich die meisten vermeintlichen Einschränkungen mit Hilfsmitteln überwinden lassen: Mittels eines speziellen Lenkrads kann Schmidt ein Auto fahren, ein simpler „Anziehhaken“ ermöglicht ihm das selbstständige Ankleiden und die Körperhygiene demonstriert er mit einem langen Waschlappen mit Schlaufen. Mit Hilfe einer Haltevorrichtung wurde er im Tischtennis sogar vielfacher Welt- und Europameister sowie Goldmedaillengewinner bei den Paralympics. Die Frage sei also lediglich: „Hast du genügend Strategien, um mit deinem Handicap ein lebenswertes Leben zu führen?“

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Wichtiger als Hilfsmittel seinen jedoch „Hilfsmenschen“, womit der Kabarettist zum Thema Inklusion überleitet: „Wir brauchen eigentlich nur Mut gegen die Verunsicherung!“ Denn aus Gottes Sicht seien wir alle behindert, „oder können Sie alleine ein Sofa tragen?“ Die permanente Einteilung in behindert und nicht behindert müsse endlich aus den Köpfen. Inklusion bedeute vielmehr auch vermitteltes Selbstbewusstsein, welches signalisiert: „Ich bin nicht vorrangig der Behinderte, wir sind auf Augenhöhe!“

Dass der Abend mit Rainer Schmidt für die knapp 200 Besucher im bis auf den letzten Platz gefüllten Schrannensaal ein ganz besonderes Erlebnis wird, hat gleich drei Gründe. Zum einen bietet der wortgewandte und schlagfertige Künstler erstklassiges Kabarett – witzig, geistreich und kritisch. Zum anderen sind es die positive Ausstrahlung, die lebensbejahende Art und die sympathische Art, mit der Schmidt auf sein Publikum zugeht. Und zum dritten gelingt es ihm, dem Zuschauer auf humorvolle Weise einen anderen Blickwinkel, eine vorurteilsfreie Sicht auf das Thema Behinderung zu vermitteln.

Am meisten beeindruckt jedoch das gelebte Vorbild Schmidts auf der Bühne. Trotz Beinprothese läuft er flink zwischen Bühne und Zuschauerrängen hin und her, wie selbstverständlich schenkt er sich Wasser ein und trinkt. An zahlreichen Beispielen demonstriert er, dass Humor ist bei ihm eine Grundhaltung ist: „Es gibt keinen Tag, der nicht irgendwie lustig ist, mein Leben ist ein Kabarettprogramm!“ Mit lang anhaltendem Applaus wird Schmidt vom begeisterten Publikum verabschiedet.

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