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Nördlingen

01.12.2017

Kirchenvertreter stellen sich den Missbrauchsvorwürfen

Paul Erber war bis zum 17. November als katholischer Stadtpfarrer in Nördlingen unter anderem für die Kirchengemeinde St. Salvator zuständig und zudem Dekan.
Bild: Dieter Mack

Nach den Missbrauchs-Vorwürfen gegen den bisherigen Nördlinger Stadtpfarrer haben Kirchenvertreter die Gemeinde zum Gesprächsabend geladen. Dabei wurde das Bistum deutlich.

Nachdem die Diözese Augsburg am 17. November den bisherigen Nördlinger Stadtpfarrer und Dekan Paul Erber wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in den Ruhestand geschickt hat, fand am Donnerstagabend der angekündigte, aber nichtöffentliche Gesprächsabend für Kirchenvertreter statt. Zwei Mitarbeiter der Gemeindeberatung der Diözese Augsburg moderierten den Abend. Anschließend wurde die Presse informiert.

Wie berichtet, soll Paul Erber in seiner Zeit am Maristenkolleg in Mindelheim einen Jungen über mehrere Jahre immer wieder unsittlich berührt haben. Das hat eines seiner Opfer in einem Brief der Missbrauchsbeauftragten Brigitte Ketterle-Faber und dem Bischof Dr. Konrad Zdarsa geschildert. Als erste kirchenrechtliche Konsequenz wurde der Stadtpfarrer mit Wirkung zum 18. November in den Ruhestand versetzt und die betroffenen Kirchengemeinden vor dem Sonntagsgottesdienst über die Hintergründe informiert.

Inzwischen sind dem Bistum weitere Missbrauchsfälle bekannt. Darunter ist das Opfer, das sich zunächst an die Redaktion unserer Zeitung gewandt hat. Diesen Fall, der sich in Erbers Kaplanzeit ereignet haben soll, hat der Geistliche zunächst abgestritten. Generalvikar Monsignore Harald Heinrich bestätigte allerdings am Donnerstag die Vorwürfe und sagte, dass Erber einen weiteren Bub in dieser Zeit sexuell missbraucht hätte.

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Staatsanwaltschaft prüft weitere Verdachtsfälle

Außerdem überprüft die Staatsanwaltschaft Memmingen im Zuge der bereits berichteten Umfeldermittlungen, ob es zwei weitere mögliche Opfer aus der Zeit am Maristenkolleg in Mindelheim gibt. Diese soll Erber wohl im Gespräch mit der Missbrauchsbeautragten erwähnt haben. Insgesamt sind also bislang fünf mögliche Opfer bekannt.

Nachdem der Fall öffentlich geworden ist, haben viele Nördlinger und Bürger aus den umliegenden Gemeinden bestürzt reagiert. Beim Gesprächsabend wollte die Diözese beginnen, den Fall aufzuarbeiten. Der Termin im Nördlinger Pfarrzentrum St. Salvator sei dem Generalvikar zufolge von starken Emotionen geprägt gewesen.

Gläubige kritisieren Bistum

Viele Gläubigen kritisierten das Bistum über die Vorgehensweise: dass der Fall Erber vor dem Sonntagsgottesdienst so öffentlich gemacht worden ist, beispielsweise. Der Generalvikar entgegnete den Gläubigen, die Kirchengemeinde sollte die Nachricht als erstes vom Bischof erfahren und nicht aus der Presse. Es ginge der Kirche „um die Wahrheit“. Er führt die Kritik aus der Bevölkerung unter anderem darauf zurück, dass allein der Begriff „sexuell missbraucht“ die Leute erschlagen hätte. „Dieses Thema klingt nie nett“, sagte er weiter. „Aber es geht um sexuellen Missbrauch. Punkt.“

Die Kirchengemeinde zeige viel Loyalität gegenüber ihrem Pfarrer. Man dürfe aber, vor allem mit Blick auf die Opfer, nicht die guten mit den schlechten Taten aufwiegen. Bei sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen handle es sich nach wie vor um eine Straftat, auch wenn diese bereits verjährt ist. Beim Gesprächsabend sei auch der Eindruck entstanden, als glaubten einige, man hätte ihnen den Pfarrer weggenommen, sagte der Generalvikar.

Bei dem Gespräch waren rund 80 Vertreter der umliegenden Kirchengemeinden gekommen. Diese sollen dem Bistum zufolge als Multiplikatoren fungieren, um das Thema auch mit der Bevölkerung aufzuarbeiten. Deswegen waren auch die Missbrauchsbeauftragte, Brigitte Ketterle-Faber, und die Diplom-Psychologin Helga Kramer-Niederhauser beteiligt. Kramer-Niederhauser leitet die Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Augsburg und gehört dem ständigen Arbeitsstab zur Behandlung von Missbrauchsfällen an.

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