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02.05.2020

Kriegsende als Kind erlebt

Drei Rieser erinnern sich an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs – als Handgranaten Spielzeug waren

Nördlingens Alt-Oberbürgermeister Paul Kling war bei Kriegsende acht Jahre alt. Am 8. April 1945, am Weißen Sonntag, hatte er Erstkommunion. „Als wir in den Gottesdienst gingen, haben auf halber Strecke die Sirenen geheult. Fliegeralarm, wir mussten dann wieder zurückgehen. Als dann entwarnt wurde, sind wir wieder in die Kirche gegangen, aber da war bereits ein Großteil des Gottesdienstes vorbei. Die anderen Gottesdienstbesucher waren in den Schutzkeller im Gemeindehaus von St. Salvator gegangen und haben gleich nach der Entwarnung den Gottesdienst fortgesetzt. Aber wir wussten das nicht, dass es diesen Schutzkeller gab. Die Kommunion habe ich aber dann noch erhalten, da sie erst am Ende des Gottesdienstes ausgeteilt wird.“

Seine Familie wohnte in der Bergmühle vor dem Berger Tor, zu der auch eine Landwirtschaft und ein Sägewerk gehörten. Von dort habe er einen guten Blick auf die Bahnlinie nach Wallerstein gehabt: „Man konnte direkt beobachten, wie die JaBos, die Jagdbomber, die damals im Ries überall in der Luft waren, auf die fahrenden Züge schossen.“ Dem Alter entsprechend sei er sich der Gefahr nicht immer bewusst gewesen. „Für uns Kinder war das ein Erlebnis. Man sah die Flieger und wie die Bomben ausgeklinkt wurden und die riesige Staubwolke kurz darauf über der Stadt. Nach der Bombardierung des Bahnhofs suchten wir Buben dort nach herumliegender Munition, die wir uns in ganzen Gurten um den Leib banden. Sogar eine Handgranate war dabei, die mein Bruder dann gezündet hat – ohne dass etwas passiert ist, Gott sei Dank!“

Da das Sägewerk kriegswichtig war, seien der Familie auch vier Polen als Zwangsarbeiter zugewiesen worden. „Die haben bei uns in der Familie gelebt und mit uns gegessen, es war bei uns selbstverständlich, dass die Polen freundlich behandelt wurden. Das sieht man auch daran, dass die Zwangsarbeiter nach dem Krieg nicht gleich nach Polen zurückgekehrt sind, wie andere. Meine Familie, die sehr katholisch bestimmt war, stand immer in Abstand zum Dritten Reich.“

Schreinermeister Manfred Eber aus Nördlingen war bei Kriegsende sieben Jahre alt, seine Eltern hatten im Krieg eine Schreinerei in der Innenstadt, in der Bräugasse. Im März oder April 1945 habe der Vater die Familie nach Reimlingen gebracht, wo sie bei einer anderen Familie gewohnt habe. Vom Dachboden aus hat Eber die Bombardierung Nördlingens beobachtet. „Das war für uns ein Schauspiel“, erinnert er sich.

In der Schule – 1944 war er in der ersten Klasse – habe er damals „Fleißbilletts“ von den Schwestern erhalten: „Das waren Bildchen von Ritterkreuzträgern wie Ernst Udet, einem Flieger, oder General Rommel. Auf den Billets stand drauf, ob das Ritterkreuz mit Schwertern oder Brillanten war, und damit haben wir gespielt, so wie heute Schulkinder mit Helikopter-Karten spielen.“

„Als die Amerikaner da waren, haben wir uns gefreut. Der Tenor war: Jetzt sind wir befreit“, erinnert sich Eber. „Wir haben auch Zigarettenkippen aufgesammelt und den Tabak herausgeholt. Damals gab es ja die Zigarettenwährung. Den Tabak haben wir dann am Kloster, wo die ehemaligen russischen Zwangsarbeiter untergebracht waren, gegen Schokolade getauscht. Bis 1945 kannte ich gar keine Schokolade“, erzählt Eber.

Er weiß auch noch, dass sein Vater nach Kriegsende auf die Schnelle mehrere Särge bauen musste, weil zwölf Russen an einer Methylalkoholvergiftung gestorben seien – sie hätten nicht geglaubt, dass man Spiritus nicht trinken könne. In der Familie sei die Haltung gegenüber dem „Dritten Reich“ unterschiedlich gewesen: „Mein Vater hat die Nazigeschichten nicht für gut geheißen, er hat sich aber nur im Familienkreis darüber ausgelassen.“

Hermann Greiner aus Holzkirchen ist im Herbst 1944 eingeschult worden. Er erinnert sich an den gefahrvollen Schulweg nach Wechingen: „Bei einem Überflug der Flugzeuge sollten wir uns hinter den am Fußweg stehenden großen Pappeln in Sicherheit bringen und uns dahinter in den flachen Graben legen. Einmal war das dann auch der Fall.“

Beim Einmarsch der Amerikaner habe Holzkirchen dann die weiße Fahne gehisst. „Für mich war der Einzug und Durchzug einer Unzahl von Panzern und Militärfahrzeugen durch das Dorf ein ganz neues Erlebnis. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Menschen dunkler Hautfarbe“, erinnert er sich.

Die auf den Panzern sitzenden Afroamerikaner hätten den Kindern lächelnd zugewinkt. „Natürlich bekamen wir immer wieder etwas ab von der reichlichen Nachschubverpflegung der Soldaten. Schokolade gab es und die für uns Kinder damals unbekannten Orangen“, sagt Greiner. „Für uns Schulbuben war diese erste Nachkriegszeit ohne Schulpflicht ein kleines Paradies für Abenteuerlust. Wir erlebten, wie Besatzungssoldaten in der Wörnitz aus purer Lust auf Fischfang gingen. Sie warfen eine Handgranate in den Fluss und eine Unmenge an Fischen tauchte auf dem Rücken schwimmend an der Wasseroberfläche auf. Die Wörnitz war damals der fischreichste Fluss in Schwaben. Unterhalb der Wörnitzbrücke standen im Sommer Hunderte von Weißfischen wie Barben, Nasen und Rotaugen sichtbar unter der Wasseroberfläche.“ Greiner erinnert sich auch daran, dass die Amerikaner im Dorf Waffen eingesammelt hätten: „Allerdings tauchte in späteren Jahren beim Baden von uns Buben in der Wörnitz manches Gewehr wieder auf, das in dieser Zeit von ängstlichen Dorfbewohnern dort versenkt wurde.“

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