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Landkreis Donau-Ries

09.02.2016

Landärzte verzweifelt gesucht

Die ZDF-Serie „Der Landarzt“ rund um den Mediziner Dr. Karsten Mattiesen (gespielt von Christian Quadflieg) unterhielt ein Millionenpublikum. Die Situation realer Landärzte hingegen ist weniger unterhaltsam: Immer weniger Mediziner sind bereit, für ihren Beruf aufs Land zu gehen.
Bild: Horst Ossinger, dpa

Zwei Hausärzte hören in den kommenden Wochen in der Region auf, Nachfolger für sie gibt es wohl nicht. Einzelfälle sind solche Beispiele schon lange nicht mehr.

Die Serie „Der Landarzt“ war langlebig, aber 2012 war dann Schluss mit dem Groschenroman im TV, nach 25 Jahren. Was hatten die Zuschauer bis dahin doch für Dramen erlebt mit den Doktoren Mattiesen, Teschner und Bergmann! Karsten Mattiesen etwa, der beliebte und angesehene Mediziner, der bei dem Versuch, ein Kind zu retten, einen Felshang hinabstürzt und stirbt. Tragik, wie sie nur das deutsche Fernsehen schreibt.

In der Realität ist der Alltag deutscher Allgemeinmediziner auf dem Land meist weniger spektakulär. Einer gewissen Dramatik entbehrt die Situation hingegen nicht. An Landärzten herrscht Mangel; hört ein Mediziner in ländlichen Regionen auf, tritt selten jemand die Nachfolge an. Für Patienten bedeutet das oft, dass sie fortan längere Wege in Kauf nehmen müssen. Gerade für ältere Menschen ist das ein Problem.

In Alerheim hat Markus Bräunling zuletzt über eine Anzeige in den Rieser Nachrichten angekündigt, seine Tätigkeit in der Gemeinde beenden zu wollen. Bislang war er gemeinsam mit Karl-Friedrich und Michaela Scheible in einer Praxis, Ende März ist für ihn in Alerheim Schluss. Den beiden verbliebenen Ärzten, heißt es in der Anzeige, sei es nicht möglich, die Mehrarbeit komplett zu übernehmen. Und ein Nachfolger sei nicht in Sicht. „Wenn Sie bisher von mir betreut wurden und nicht in Alerheim oder den zugehörigen Gemeindeteilen leben, müssen Sie sich leider einen anderen Hausarzt suchen.“

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Dabei, erklärt Karl-Friedrich Scheible, habe man nach jemandem gesucht, der die Position hätte übernehmen können. Schließlich sei man schon zu dritt am Limit der Kapazitäten. Es fand sich nur niemand. Es sei schlicht schwierig, Kollegen aufs Land zu bekommen.

Was sich auch in anderen Orten in der Region zeigt. In Mönchsdeggingen etwa hörte Christian Schammel vor einem halben Jahr auf, mit 64 Jahren. Der Mediziner sagt heute, dass er danach durchaus jemanden gesucht habe, der die Praxis übernimmt, aber das sei aussichtslos gewesen. Seitdem gibt es keinen Hausarzt mehr im Dorf. Wer in Mönchsdeggingen lebt und zu einem Mediziner will, muss in benachbarte Orte fahren. Nach Bissingen etwa, nach Möttingen. Oder nach Harburg.

In der Burgstadt praktizieren zwar einige Allgemeinmediziner, doch am 1. April wird es einer weniger sein. Dann hört Hans-Martin Tag auf. Seit 1987 hat er als niedergelassener Arzt in Harburg gearbeitet, nun ist in einigen Wochen Schluss mit der Praxis, außer „es passiert noch ein Wunder“, wie der 67-Jährige sagt. Das Wunder wäre: Dass sich ein Nachfolger findet. Bislang sieht es nicht danach aus.

Bleibt die Frage nach den Gründen. Wie kommt es, dass immer weniger Mediziner Lust haben, sich auf dem Land niederzulassen? Allgemeine Landflucht, klar, die Verlockungen und Vorteile großer Städte. Aber sonst? Schammel verweist auf bürokratische Auflagen der Kassenärztlichen Vereinigung und darauf, dass junge Mediziner heutzutage ein Angestelltenverhältnis bevorzugten oder sich lieber spezialisierten, als Basisarbeit zu machen. Scheible nennt die Arbeitsbelastung auf dem Land: viele Bereitschaftsdienste, die Hausbesuche.

Jakob Berger, Bezirksvorsitzender des bayerischen Hausärzteverbandes in Schwaben, sieht ebenfalls einen Grund darin, dass Ärzte in der Stadt derzeit im Schnitt weniger Bereitschaftsdienste leisten müssten als ihre Kollegen auf dem Land. Und ja, in einigen Jahren stehe ein gewisser Notstand ins Haus, auch wenn bislang kein Gebiet in Schwaben als unterbesetzt gelte. „Aber die Patienten werden Ihnen etwas anderes erzählen.“ Berger sieht auch die Kommunen in der Pflicht, sich rechtzeitig mit den Hausärzten vor Ort in Verbindung zu setzen und gemeinsam nach Nachfolgern umzuschauen. In Buchdorf zum Beispiel habe sich die Gemeinde sehr engagiert, dort eröffnete eine junge Ärztin zuletzt eine Praxis. Daneben versuche man gerade, die Bedingungen für Ärzte auf dem Land zu verbessern. Künftig sollen Mediziner dort genauso oft Bereitschaftsdienste machen wie ihre Kollegen in den Großstädten, statt, wie bislang, oft deutlich mehr. In zwei Jahren, sagt Berger, könne die neue Struktur so weit sein.

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