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Justiz

09.03.2018

Mit dem Auto gegen das Schienbein

Bild: Alexander Kaya

Eltern wollen ihre Tochter aus dem Ries zurück nach Schleswig-Holstein holen. Doch die will nicht mit. Der Streit eskaliert, als das Paar den Familienhund ins Auto packt.

Sie wollten nur ihre Tochter und den Hund aus dem Ries zurück nach Hause holen. Jetzt musste sich ein Ehepaar aus Norddeutschland vor dem Amtsgericht Nördlingen verantworten. Unter anderem, weil die Mutter einer Frau gegen das Schienbein gefahren ist.

Der Vater sitzt mit versteinerter Miene in der hinteren Reihe der Anklagebank. Vor ihm sitzt seine Ehefrau. Das getrennt lebende Paar hat eine gemeinsame Tochter, Anna*. Der Vater beginnt mit klarer Stimme zu erklären, wie das Ehepaar ins Ries kam: „Unsere Tochter hatte damals ein Jahr vor dem Abitur die Schule abgebrochen.“ Sie begann ein Praktikum bei einer Bekannten. Das Verhältnis der Eltern zur Tochter sei zu jener Zeit schlecht gewesen. Deshalb wohnte die damals noch minderjährige Anna, mit Einverständnis des Ehepaares, bei der Bekannten. Für eine neue Beziehung zog es die ins Ries, Anna durfte mit.

Ihre Mutter wischt sich während der Gerichtsverhandlung immer wieder mit der Handfläche über ihre Augen. Sie muss sichtlich mit den Tränen kämpfen, wenn sie sich an den 8. Juni 2016 erinnert. Die 50-Jährige sammelt sich kurz und beginnt mit ruhiger und langsamer Stimme zu reden: „Ich habe meine Tochter an Pfingsten im Ries besucht, wir schauten uns ihr neues Zuhause an. Beim Abendessen begann Anna dann fürchterlich zu weinen.“ Ihr Pferd sei von der Bekannten verkauft worden. „Daraufhin beschloss ich ein paar Tage später zusammen mit meinem Mann, unsere Tochter nach Hause zu holen“, sagt die Mutter.

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An besagtem Tag fuhr das Ehepaar mit getrennten Autos ins Ries, in der festen Überzeugung, am Abend mit ihrer Tochter zusammen zurückzufahren. Doch die wollte nicht mit, die Bekannte rief die Polizei. Und der Beamte nahm Anna mit, die Frage nach dem Sorgerecht sollte geklärt werden. Die Rieserin erinnert sich vor Gericht so: „Ich wollte dann hinterherfahren, aber ihre Mutter stellte sich mir mit dem Auto in den Weg.“ So habe sie an ihr vorbei über den Gehweg fahren müssen. Dabei beschädigte sie nicht nur ihr Auto, sondern auch das der Mutter. Die wiederum erzählt eine ganz andere Geschichte: Die Bekannte sei auf sie zugefahren, sie selbst im letzten Moment ausgewichen. Die Staatsanwaltschaft folgt der Zeugenaussage, wirft der Mutter Nötigung im Straßenverkehr und falsche Verdächtigung vor. Der Ehemann soll der Bekannten eine Halsabschneidergeste gezeigt haben, ihm wird deshalb Bedrohung zur Last gelegt.

Streit geht weiter, als Paar den Hund abholen will

Der Streit an jenem Juni-Tag 2016 ging noch weiter: Das Ehepaar fuhr zum Stall der Bekannten, um dort den Familienhund abzuholen. Hausfriedensbruch, so der Vorwurf des Staatsanwalts. Dort traf das Paar auf Freunde der Rieserin – und es soll zu lautstarken, handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen sein. Die Mutter packte schließlich offenbar den Hund in ihr Auto, wollte losfahren. Doch eine Freundin der Rieserin versperrte ihr den Weg. Das Amtsgericht Nördlingen sah es als erwiesen an, dass die Mutter beschleunigte und ihr Opfer an den Schienbeinen touchierte. Die Frau erlitt eine Fraktur und eine Prellung. Während der Verhandlung entschuldigte sich die 50-Jährige.

Das Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richterin Andrea Eisenbarth stellte das Strafverfahren wegen Bedrohung und Hausfriedensbruch gegenüber dem Vater gegen eine Geldauflage von insgesamt 900 Euro vorläufig ein. Die Anklagen wegen Hausfriedensbruchs, Nötigung und falscher Verdächtigung gegen die Mutter wurden ebenfalls fallen gelassen. Allerdings wurde sie zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten – allerdings auf Bewährung – für den gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr verurteilt. Außerdem muss sie 80 Sozialstunden ableisten und ihr Führerschein wird sechs Monate eingezogen.

Richterin Andrea Eisenbarth begründete ihr Urteil damit, dass es „sinnlos“ wäre die Angeklagte einzusperren, da sie wohl nicht rückfällig werde. Die Angeklagte kann innerhalb der nächsten Woche in Berufung gehen.

*Name wurde von der Redaktion geändert

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