1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. "Mittwochs-Kegelclub": Seit 100 Jahren gepflegte Geselligkeit

Porträt

12.10.2019

"Mittwochs-Kegelclub": Seit 100 Jahren gepflegte Geselligkeit

Drei von aktuell 14 Mitgliedern des Mittwochs-Kegelclubs (von links): Präsident Robert Dietz mit Kegel-Kasse, Ludwig Umfahrer und Wolfgang Mayer mit der Clubstandarte von 1956.
Bild: Ronald Hummel

Der „Mittwochs-Kegelclub“ (der sich donnerstags trifft) wurde 1919 gegründet.

Als Ludwig Umfahrer geboren wurde, war der Mittwochs-Kegelclub gerade einmal sieben Jahre alt. Umfahrer ist jetzt 93, seit 1953 Mitglied und zusammen mit Edi Möhnle das älteste Mitglied. Der Kegelclub, einer der ältesten Deutschlands, entstand also in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wo man gerade dabei war, auch das gesellschaftliche Leben neu auszurichten. Das geschah in Nördlingen damals auf Vereinsebene. Heiner Müller, Karl Hüttlinger und der damalige Sparkassendirektor Heiner Egg rekrutierten zur Gründung zunächst acht Mitglieder aus dem Nördlinger Liederkranz; natürlich wurde neben dem Kegeln fröhlich gesungen.

Die Geselligkeit, die das mit sich brachte, ist sogar in der Satzung von 1920 als oberster Stellenwert festgeschrieben und behält auch nach 100 Jahren noch die Oberhand gegenüber sportlicher Verbissenheit, wie es Wolfgang Mayer schildert, Mitglied seit 1984. Die Satzung schreibt plus minus 15 Mitglieder vor, was mit 14 Mitgliedern bis heute eingehalten wird. Präsident Robert Dietz führt für seine nunmehr 21-jährige Mitgliedschaft akribisch Statistiken, bewahrt alte Dokumente wie Jubiläumsschriften auf und kann so die Vereinsgeschichte nachvollziehen. Man kegelte in der „Weißen Taube“ vor dem Löpsinger Tor, die bis vor Kurzem noch bewirtschaftet war.

Darum trifft sich der "Mittwochs-Kegelclub" donnerstags

Die Kegelbahn befand sich einst in einem lang gezogenen Holzbau im Garten. Nach dem Kegeln sind ausgelassene Scherze verbürgt wie das „Klingelputzen“, das sich bis zu Gasthäusern und Cafés hinzog, in die man noch einkehrte. Dennoch wahrte man die Form: „Lange Zeit erschien man nur in Krawatte zum Kegeln“, so Robert Dietz, „heute wird das noch am Weihnachtskegeln so gehalten.“ Wolfgang Mayer fügt hinzu: „Es war damals tatsächlich ein Club mit Geschäftsleuten aus angesehenen Nördlinger Familien“. Ab 1924 kartelte man danach hauptsächlich im Café von Ludwig Umfahrer sen. in der heutigen Fußgängerzone. Er hatte damals das Gasthaus „Bayerischer Hof“ übernommen, im Parterre ein Hutgeschäft und im ersten Stock das „Café Stock“ eingerichtet, das bis 1960 bestand. Bald nach Eröffnung des Cafés wurde er selbst zum Kegelbruder.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Die Weltwirtschaftskrise überstand der Verein gemäß den Chroniken gut, das weihnachtliche Preiskegeln um Trophäen wie einen Bierkrug, eine Flasche Schnaps oder einen Pokal fand ohne Unterbrechung statt. 1933 gab es im Café Stock einen denkwürdigen Vorfall: Ein angetrunkener Nazi stänkerte erst im Café herum und platzierte dann im Parterre seine braune Hinterlassenschaft. Die Gäste tunkten ihn mit dem Gesicht hinein und bugsierten ihn dann zum Waschen an den Kriegerbrunnen. Im Zweiten Weltkrieg erlosch jegliches Vereinsleben, doch schon ab 1948 normalisierte sich das Kegeln; das Faschingsleben nahm nach den trostlosen Jahren besonders lebendige Züge an.

Heute trifft man sich donnerstags, weil seit den siebziger Jahren die großen Fußballspiele am Mittwoch im Fernsehen kamen, was oft Kegelbrüder von der Bahn fernhielt. Nacht etlichen Bahnwechseln im Laufe der Geschichte – lange Zeit kegelte man im Schützenhof – findet das Beisammensein nunmehr alle 14 Tage im Eisenbahner-Kegelheim am Hohen Weg statt. Jährlich gibt es Ausflüge, demnächst nach Bamberg. Eine Kegelbahn mit Festessen ist schon gebucht.

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren