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Kartäusertal

08.01.2021

Mönche im Kartäusertal: Ein Leben im ewigen Lockdown

So sieht die Klosterkirche heutzutage aus.
Bild: Matthias Link

Plus In Christgarten erinnert die Klosterruine an das Leben der Kartäusermönche in strenger Abgeschiedenheit und Stille. Eine Lebensform im permanenten Lockdown.

Für viele Menschen stellen die derzeitigen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen eine psychosoziale Bürde dar. Die Kartäusermönche hingegen, ein strenger Schweigeorden der katholischen Kirche, suchen freiwillig die Isolation und die Stille. Kann man von der Spiritualität der Mönche etwas lernen?

Im Kartäusertal in Christgarten erinnert eine Klosterruine an den Schweigeorden, der 1084 vom Heiligen Bruno von Köln gegründet wurde. Das Kloster in Christgarten bestand von 1383 bis 1648, die Grafen von Oettingen und angesehene Nördlinger Bürger hatten es gestiftet. Zwölf Patres, geweihte und studierte Priestermönche, lebten dort und bewohnten ihre einstöckigen Häuschen mit Garten, die Zellen. Kartäusermönche verbringen den Großteil des Tages mit Schweigen und stillem Gebet. Die Ederheimer Gemeindepfarrerin Karin Schedler, in deren Bereich die Klosterkirche heute liegt, sagt: „Was wir von den Kartäusermönchen lernen können, ist das Alleinsein, das Aushalten von sich selbst und der Stille, in der Hoffnung auf eine Gottesbegegnung.“ Eine solche mystische Begegnung könne man nicht selbst herbeiführen, aber die Erfahrung lehre, dass sie aus der Stille heraus geschenkt werde.

Dem Schweigen und der Einsamkeit widmen

In den Statuten des Ordens heißt es zum geistlichen Leben: „Unser Bemühen und unsere Berufung bestehen vornehmlich darin, uns dem Schweigen und der Einsamkeit der Zelle zu widmen. Denn die Zelle ist der heilige Boden und der Ort, wo sich der Herr und sein Diener häufig miteinander unterhalten wie jemand mit seinem Freund.“ Weiter heißt es dort, dass das Wort Gottes oft die treue Seele in der Stille an sich ziehe, „der Bräutigam verbinde sich mit seiner Braut, Himmlisches wird dem Irdischen, Göttliches dem Menschlichen geeint“.

Über das geistliche Leben der Mönche in Christgarten weiß man, dass sie mit dem mystisch-theologischen Gedankengut ihrer Zeit vertraut waren, unter anderem ist ein Briefwechsel mit dem französischen Mystiker und Theologen Jean Gerson erhalten, der auch Kanzler der Pariser Sorbonne war. Überliefert sind ebenso Predigtzyklen und Traktate, die heute in verschiedenen Universitätsbibliotheken aufbewahrt werden. Viele Patres in Christgarten stammten, wie Kunsthistoriker Christof Metzger in einem Beitrag in der Dorfchronik schreibt, aus dem Nördlinger Bürgertum.

Zum Kloster gehörte auch eine Landwirtschaft

Mit den Priestermönchen lebten Laienbrüder, die sich vorrangig um die wirtschaftlichen Belange kümmerten. Zu dem damals bedeutenden Kloster gehörten unter anderem eine Landwirtschaft, mehrere Mühlen und Kirchenpfründe, Fischereirechte, weit verstreuter Grundbesitz, ein Kastenhaus in der Nördlinger Neubaugasse (heute Hs.-Nr. 6) und sogar Weinberge bei Schorndorf. Mit der Kartause Buxheim bei Memmingen gründeten die Christgartener Mönche eine Filiale. Die ehemalige Klosterkirche, von der nur noch der östliche Mönchschor vorhanden ist, befindet sich heute im Besitz des fürstlichen Hauses zu Oettingen-Wallerstein, Fürst Carl Friedrich und seine Frau Delia haben dort ihre letzte Ruhestätte.

Für Karin Schedler haben die Kartäuser eine persönliche Bedeutung. Christgarten als spirituell aufgeladener Ort sei für sie ein wichtiger Grund gewesen, weshalb sie 2017 nach Ederheim wollte, sagt sie. „Für mich verbinden die Kartäusermönche das Einsiedlerleben mit dem gemeinschaftlichen Leben auf eine gesunde Weise. In der westlichen monastischen Tradition ist das einzigartig, in der Ostkirche gibt es das aber öfters.“ Die Kartäuser stehen für einen „Weg nach innen“, wie die Pfarrerin sagt, sie hätten nie groß von sich reden gemacht, anders als etwa die Benediktiner. „Das sieht man auch an dem Ort, den sie für ihr Kloster ausgewählt haben: ein versteckter Ort im Wald an einem Bach – der Gegensatz dazu ist das Kloster Neresheim.“

Die Klosterruine mit ihrer Ausstrahlung ermögliche es, Abstand vom Alltag zu gewinnen, sagt die Pfarrerin. Zu den spirituellen Führungen, die sie regelmäßig anbiete und die mit bis zu 55 Teilnehmern sehr gut besucht seien, käme „ein ganz buntes Völkchen“ – nicht nur Evangelische und Katholische, sondern auch esoterisch Interessierte oder Atheisten, die an dem Ort ebenso etwas spürten. Heimatgeschichtliche Führungen bieten außerdem Kurt Kroepelin und Jörg Mayer-Karstadt an.

Die Kirche ist beliebt für Taufen und Hochzeiten

Die Kirche ist sehr beliebt für Taufen und Hochzeiten. Von Himmelfahrt bis Erntedank finden dort alle zwei Wochen Gottesdienste statt. „Sie sind ein großes Geschenk“, sagt die Pfarrerin. Hinzu kommen Andachten zur Oster- und Weihnachtszeit, wobei es auch die Möglichkeit gibt, einen spirituellen Weg durch den Wald, mit Start am Ederheimer Pfarrhaus, zu beschreiten. Karin Schedler hofft, dass das fürstliche Haus auch weiterhin für den Bestand der Klosterruine Sorge trägt, denn aktuell drohten Ruinengemäuer einzustürzen.

Der Kartäuserorden hat seinen Namen von dem Gebirgsmassiv der Chartreuse in den französischen Alpen, wo das Mutterkloster des Ordens, die Große Kartause, steht. Einblicke in das eremitische Leben der Kartäuser dort gibt auch der meditative Dokumentarfilm „Die große Stille“, der 2005 den Bayerischen Filmpreis erhielt: Die Mönche verlassen das Kloster nur einmal pro Woche zu einem mehrstündigen Spaziergang, bei dem geredet werden darf. Zweimal pro Jahr dürfen sie Besuch von Familienangehörigen empfangen. Radio oder Fernsehen gibt es nicht, der Prior informiert über das Geschehen in der Welt.

Das Gemeinschaftsleben beschränkt sich auf das sonntägliche gemeinsame Mittagessen und auf die täglich in der Kirche gesungene Liturgie mit gregorianischen Chorälen als Trägern der Innerlichkeit, Musikinstrumente gibt es nicht. Im Haupthaus wird auch der bekannte Kräuterlikör gebrannt. Laut Ordenswebsite gibt es heute weltweit 19 Kartausen mit etwa 370 Mönchen und fünf Frauenkonvente mit 75 Nonnen. In Deutschland befindet sich in Marienau die letzte Kartause mit mönchischem Leben.

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