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Wallerstein

05.01.2020

Muslimischer CSU-Politiker zieht Kandidatur zurück

Sener Sahin steht als Bürgermeister-Kandidat in Wallerstein nicht mehr zur Verfügung. Einige Mitglieder des CSU-Ortsvereins hatten offenbar Bedenken wegen seines muslimischen Glaubens geäußert.
Bild: Robert Milde

Plus Sahin wollte in Wallerstein Bürgermeister werden, aber Teile des CSU-Ortsvereins konnten sich mit einem muslimischen Bewerber nicht anfreunden.

Die Ankündigung von Sener Sahin, sich bei der Kommunalwahl 2020 für die CSU Wallerstein um das Bürgermeisteramt bewerben zu wollen, hat zu einem tiefen Riss im christsozialen Ortsverein der Marktgemeinde geführt. Grund ist Sahins muslimischer Glaube, den nach Informationen unserer Redaktion einige Mitglieder des Ortsvereins nicht akzeptieren konnten oder wollten. Sahin hat inzwischen die Konsequenzen gezogen und seine Kandidatur zurückgezogen. Der 44-Jährige (er feiert am Samstag Geburtstag) sagte am Freitagabend unserer Zeitung: „Dass die Religion in einer Kommunalwahl eine so große Rolle spielt, war mir nicht bewusst.“

In einer außerordentlichen Versammlung trafen sich am Freitagabend die Ortsvereinsmitglieder in Munzingen, um den Scherbenhaufen zusammenzukehren. CSU-Ortsvorsitzender Georg Kling ist tief enttäuscht und hatte ursprünglich aus Verärgerung angekündigt, für den Gemeinderat nicht mehr kandidieren zu wollen, ließ sich aber in der Sitzung noch einmal umstimmen. Kling sitzt seit zwölf Jahren für die CSU im Gemeinderat und wurde in der letzten Amtsperiode zum Dritten Bürgermeister gewählt. Zweiter Bürgermeister ist Josef Fischer, der Sahins Kandidatur ebenfalls unterstützt hatte.

CSU will keinen Muslim als Bürgermeisterkandidaten aufstellen

Im Vorstand des CSU-Ortsvereins sei die Kandidatur Sahins in den vergangenen Monaten mehrmals besprochen und durchaus vielschichtig diskutiert worden, erklärte Kling gegenüber unserer Redaktion. Abschließend sei der zehnköpfige Ortsvorstand (insgesamt hat die CSU Wallerstein 43 Mitglieder) der Kandidatur aber durchweg positiv gegenübergestanden.

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Als die Entscheidung bekannt wurde, waren die Reihen plötzlich nicht mehr so geschlossen. Es könne nicht sein, dass die Christlich-Soziale Union einen Bürgermeisterkandidaten muslimischen Glaubens aufstelle, hätten Kling zufolge einige Mitglieder des Ortsvereins verbal „scharf geschossen“. Drei oder vier Kandidaten für die Gemeinderatsliste hätten sogar angedroht, sich unter diesen Umständen von der Liste wieder streichen zu lassen. Georg Kling kann eine solche Haltung nicht begreifen: „Da fehlt jegliche Toleranz. Ich bedaure das sehr und bin tief enttäuscht.“ Ganz hinschmeißen will der 58-Jährige aber vorerst nicht. „Ich will die Kandidaten unserer gut gemischten Liste jetzt nicht sitzenlassen, bin mir allerdings noch nicht im Klaren, was ich bei der nächsten Generalversammlung tun werde.“ Die Nominierungsversammlung der CSU-Bewerber für den Gemeinderat, bei der ursprünglich auch der Bürgermeister-Kandidat Sener Sahin gekürt werden sollte, findet am kommenden Donnerstag im Sportheim des SC Wallerstein statt.

„Ich wollte die Zukunft von Wallerstein mitgestalten und etwas bewegen, neue Impulse und neue Ideen einbringen, Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen“, sagte Sener Sahin, gebürtiger Nördlinger mit türkischen Wurzeln, unserer Redaktion. Schon vor zwei Monaten, als der Ortsvorsitzende gefragt habe, ob er Interesse hätte, für die CSU zu kandidieren, habe er gesagt, nur wenn das ganze Team zu 100 Prozent hinter ihm stehe. Sahin weiter: „Auch habe ich meine Bedenken über meinen Migrationshintergrund und meinen Glauben geäußert. Kling meinte darauf nur, in welchem Zeitalter leben wir eigentlich.“

Protestanrufe gingen bis nach Berlin

„Ziemlich schnell“ seien aber dann der Ortsvorsitzende und andere Vorstände angesprochen und angerufen worden, wie man nur einen Muslim als Bürgermeisterkandidat bei der Christlich-Sozialen Union aufstellen könne. Die Anrufe hätten sogar den Bundestagsabgeordneten Ulrich Lange in Berlin erreicht. Immer sei Sahins Konfessionszugehörigkeit das Problem gewesen, keiner dieser „Gegner“ habe sich negativ über ihn als Person geäußert.

Als Fußballtrainer habe er stets zu seinen Mannschaften gesagt, dass man nur erfolgreich sein könne, wenn alle an einem Strang zögen, sich gegenseitig unterstützten und der Teamgeist passe. So sei es im Sport, in der Wirtschaft, aber auch in der Politik. Sahin: „Leider war es in diesem Fall nicht so. Demzufolge habe ich Herrn Kling und Herrn Fischer mitgeteilt, dass ich meine Kandidatur zurückziehe. Ich respektiere jede Meinung und meine Absicht war es nie, Menschen auseinanderzubringen. Ich wollte Brücken bauen.“

Bundestagsabgeordneter Ulrich Lange, Kreisvorsitzender der CSU, wollte die Entwicklung in Wallerstein zunächst nicht kommentieren. Er habe in einem Gespräch mit Georg Kling und Sener Sahin zugesagt, zur Nominierungsversammlung am 9. Januar zu kommen. „Grundsätzlich kann ich nur sagen, dass der Kreisverband den Ortsverbänden ihre Kandidatur überlässt“, so Lange gegenüber unserer Redaktion.

CDU-Abgeordneter fordert auch muslimische Kandidaten

Neben Politiker anderer Parteien, die das Vorgehen der CSU Wallerstein in sozialen Netzwerken kritisierten, forderte am Sonntag auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer, dass die CSU sich zu muslimischen Kandidaten bekenne. Auf Twitter schrieb er: "Liebe CSU, bitte stellt klar, dass wir als Union auch muslimische Mitglieder als unsere Kandidaten ausdrücklich wollen." 

Auch CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz forderte ein entsprechendes Signal von CSU-Chef Söder.


Mitarbeit: Jan-Luc Treumann, mit sli

Lesen Sie hierzu auch den Kommentar von Robert Milde: Warum die Debatte über Sener Sahin einen Rückfall ins vergangene Jahrhundert bedeutet

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Die Diskussion ist geschlossen.

06.01.2020

So wird Integration verhindert! Ein Skandal! Ich hoffe die CSU kriegt dort für ihre Diskriminierung die gerechte Strafe bei der Wahl.

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05.01.2020

"Dass die Religion in einer Kommunalwahl eine so große Rolle spielt, war mir nicht bewusst.“
.
Da hat er recht der Sener Sahin. Wenn er sich zu den Werten der BRD bekennt und das Beste für sein Wallerstein versucht , dürfte sein Glaube in einer Kommunalwahl keine Rolle spielen. Er macht außerdem einen sehr sympathischen Eindruck! Über die CSU kann man nur lachen. Einerseits sagt man, Grenzen lassen sich nicht überwachen. Und lässt dann jeden ins Land, wirklich Jeden! Und dann will man in der Öffentlichkeit wieder Härte zeigen und agiert gegen einen in Deutschland geborenen Türken! Die CSU ist lächerlich.................

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05.01.2020

Wozu die Aufregung - ist doch im Grunde nur "CSU-pur"
Und das gilt halt noch Anno domini 2020

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05.01.2020

Schade. Ich frage mich immer, was der Glaube mit Politik oder Können zu tun haben sollte. Es kommt auf das Engagement und nicht die Religion an und bunt gemischt war schon immer erfolgreicher. Aber anscheinend leben viele CSU Parteimitglieder noch immer im vorigen Jahrtausend.

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